Women’s March: Männer* in den Feminismus! Und was Frauen* dazu beitragen können

Um Gewalt an Frauen* zu bekämpfen, muss die Gesellschaft traditionelle Vorstellungen der Männlichkeit überwinden. Und dafür müssen Feminist*innen Männer* als gleichwertige Partner an ihren Demos und Diskussionen teilhaben lassen. Ein Kommentar von Gastautorin Monique Ligtenberg.
19. Januar 2019

Heute, am 19. Januar 2019 findet in Zürich und in Genf der Women’s March gegen Gewalt an Frauen* statt. Bei der Vorgängerveranstaltung im letzten August waren auffällig viele Männer* anwesend. «Eine erfreuliche Entwicklung», kommentierte damals Laura Kaufmann bei Tsüri.ch. Denn um die Gewalt an Frauen* zu vermindern, brauchen wir neue Männerbilder – und mehr männliche Feministen. Davon profitieren auch die Männer*: Nicht nur sind sie (statistisch gesehen sogar häufiger) selbst Opfer von Gewalt. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der «American Psychological Association» (APA) sind traditionelle Rollenbilder für Männer* gar gesundheitsgefährdend.

Trotzdem werden im Vorfeld der Demo vom 19. Januar 2019 erneut vor allem Frauen* angesprochen. «Wir freuen uns auf alle! Auch sympathisierende Männer*», heisst es von Seiten der Veranstalter*innen. Aber damit hat es sich eben nicht getan. Denn um etablierte Geschlechterrollen nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch zu verändern, reichen Sympathie und Solidarität nicht aus. Männer* müssen als aktive Teilnehmer in den Feminismus involviert werden, denn Männer* – so schrieb bereits Laura Kaufmann – «sind nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung».

Männer* sind nicht giftig – Männlichkeit schon

Doch der Dialog zwischen Männern* und Frauen* funktioniert in der Realität (leider) häufig nicht so gut. Kennzeichnend dafür ist das Gespräch zwischen Roger Schawinski und Tamara Funiciello in der SRF-Sendung «Schawinski» vom 3. Dezember 2018. Im Zentrum der hitzigen Diskussion über Gewalt an Frauen steht der Ausdruck «toxische Männlichkeit», den die Juso-Präsidentin wenige Wochen zuvor in einer Kolumne in der Sonntagszeitung diskutiert hatte. Schawinski wirft ihrem Artikel Sexismus gegen Männer* vor, denn «toxische Männlichkeit» bedeute ja nichts anderes als «Männer sind (prinzipiell) giftig».

Nein, Herr Schawinski, «toxische Männlichkeit» bedeutet nicht «Männer sind giftig». Man versteht darunter bestimmte gesellschaftliche Erwartungen davon, wie Männer* zu sein und sich zu verhalten haben. Dass ein «richtiger» Mann keine Gefühle zeigt, sich an Schlägereien beteiligt oder mit möglichst vielen Frauen* schläft. Und dass er als Mann nichts dafür kann, denn «Jungs sind nun mal einfach so»: emotionslos, aggressiv, triebgesteuert. Diese Vorstellungen sind «toxisch», da sie einerseits Männer* dazu zwingen, einem Bild zu entsprechen, mit dem sie sich nicht unbedingt identifizieren können. Und andererseits, weil sie in aggressivem Verhalten (oder sogar Gewalt) gegen andere resultieren können.

Ob Schawinski im Vorfeld der Sendung lediglich schlecht recherchiert hatte, oder ob er absichtlich provozierte, um die Einschaltquoten zu erhöhen, sei dahingestellt. Fest steht, dass er mit seiner Meinung nicht alleine ist. Ob in den Kommentarspalten der Tageszeitungen oder am Küchentisch mit Freund*innen, wer sich als Feminist*in outet, wird oft als Männerhasser*in abgetan.

Wir sind keine Männerhasser*innen

Daran sind nicht nur die anderen schuld. Denn Feminismus ist nicht immer selbsterklärend. Ich kann gut verstehen, dass Männer* (und auch Frauen*), die sich bisher kaum mit Geschlechterfragen auseinandergesetzt haben, «toxische Maskulinität» im ersten Moment mit Männerfeindlichkeit assoziieren. Dass sie sich unter «dem Patriarchat» nicht viel vorstellen können. Oder dass sie Angst haben, des «mansplaining» beschuldigt zu werden, wenn sie sich dann doch in eine Diskussion einschalten wollen.

Trotzdem schreiben wir häufig lieber «Fuck Patriarchy» auf unsere Transparente, statt zu sagen, was wir damit meinen und was wir damit erreichen wollen. Nämlich Gleichberechtigung für alle*, nicht die Bevorzugung der Frau*. Feminist*innen sind keine Männerhasser*innen. Und Männer* sind im Feminismus willkommen. Das müssen wir immer und überall klarstellen, auch wenn es manchmal anstrengend sein kann. Und wir müssen unsere Diskussionen so führen, dass sie alle* abholen – und nicht nur diejenigen, die sowieso schon dabei sind. Theoretische Begriffe sollen nicht als Totschlagargumente gelten. Um das klar zu machen, brauchen wir Feminismus nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Vom Alltagssexismus zum Alltagsfeminismus

Das bedeutet vor allem, dass wir uns nicht nur über Geschlechterrollen unterhalten. Sondern auch, dass wir im Alltag daraus ausbrechen. Doch das fällt Männern* noch immer deutlich schwerer als Frauen*. Noch immer ist es gesellschaftlich stigmatisiert, wenn Männer* in der Öffentlichkeit weinen, sich die Fingernägel lackieren oder lieber zum Ballett als zum Fussballspiel gehen. Und daran haben auch Frauen* (selbst die emanzipierten unter uns) einen Anteil. Denn auch Frauen* können sexistisch sein.

So beispielsweise, wenn sie erwarten, dass der Mann* beim ersten Date bezahlt, denn das sei ja «Tradition». Wenn sie ihrem tränenüberströmten Sohn raten, «seinen Mann zu stehen», statt ihn in den Arm zu nehmen und ihm zuzuhören. Oder wenn sie einen «starken» Partner suchen, der sie beschützt. Damit stehen sich Frauen* selbst im Weg: Denn, wenn es ein «starkes Geschlecht» gibt, gibt es per Definition auch ein «schwaches». Neue Frauenbilder und neue Männerbilder bedingen sich gegenseitig.

Als Penis zwischen den Fronten des Patriarchats und Feminismus

Das ist nicht zuletzt relevant für die Gewaltdebatte. Um Gewalt gegen Frauen* (und Männer*) zu bekämpfen, reicht es nicht aus, die Gewalttat an sich zu verurteilen. Wir müssen in Frage stellen, dass körperliche Überlegenheit und aggressives Verhalten noch immer als besonders «männlich» gelten. Natürlich wird nur eine Minderheit «starker» Männer* effektiv auch gewalttätig. Das relativiert aber nicht die Tatsache, dass die Ursache vieler Gewalttaten in der Vorstellung liegt, dass ein «richtiger» Mann* eben auch mal zuschlägt. Diese Vorstellung ist erlernt, nicht naturgegeben: Sie wird Jungs vom Kindesalter an in Büchern und in Spielfilmen, im Sport und auf dem Spielplatz vermittelt. Will heissen: Sie ist sozial konstruiert. Und daher veränderbar.

Solidarität statt Geschlechterfronten

Um traditionelle Männlichkeitsvorstellungen zu verändern, müssen wir im Kleinen, Alltäglichen ansetzen. Unsere Freunde, Söhne und Mitarbeiter wissen lassen, dass sie nicht «stark» sein müssen, um als «richtige» Männer* zu gelten. Unseren eigenen Alltagssexismus reflektieren. Und uns mit Männern* solidarisieren, die aus traditionellen Rollenbildern ausbrechen wollen. Frauen* müssen sich nicht nur gegenseitig, sondern auch die Männer* «empowern» – und es ihnen dadurch leichter machen, dem Teufelskreis der toxischen Männlichkeit zu entkommen.

Männlichkeit und Weiblichkeit müssen gleichermassen diskutiert werden. Doch damit neue Rollenbilder nicht nur auf dieser Diskussionsebene verharren, sondern in den Alltag Einzug halten, müssen alle* daran teilnehmen. Wir Feminist*innen müssen Männer* als gleichberechtigte Partner – und nicht bloss als Sympathisanten – an unseren Demos und Podiumsdiskussionen willkommen heissen. Wir müssen unsere Botschaft so klar wie möglich formulieren, damit sie bei allen* ankommt. Wir müssen gemeinsam auf die Strasse, um unser Recht auf Rollen und Identitäten einzufordern, die von der «traditionellen» Geschlechternorm abweichen. Denn nur so kommen wir zu unserem Ziel: zu einer toleranten, gleichberechtigten und gewaltfreien Gesellschaft.

Titelbild: Michelle Ligtenberg

Monique Ligtenberg
Monique Ligtenberg studiert an der ETH Zürich Geschichte und Philosophie des Wissens. Nebenbei arbeitet sie als hilfswissenschaftliche Assistentin am Institut für Geschichte der modernen Welt der ETH und als Online-Newsproduzentin bei Tamedia.

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