Interview zur Wahlschlappe

FDP-Kandidat Përparim Avdili: «Natürlich bin ich enttäuscht»

Bei den Zürcher Stadtratswahlen scheitert Përparim Avdili mit dem Versuch, den zweiten FDP-Sitz zu verteidigen. Im Interview erklärt er, weshalb es nicht gereicht hat – und ob die Bürgerlichen im Gemeinderat nun konfrontativer auftreten.

Stadthaus
Përparim Avdili am Wahlsonntag im Gespräch mit Stadtrat Michael Baumer und Parteikolleg:innen. (Bild: Mai Hubacher)

Nina Graf: Am Sonntag haben Sie den Einzug in den Stadtrat verpasst. Wie geht es Ihnen am Tag danach?

Përparim Avdili: Natürlich bin ich über das Stadtratsergebnis enttäuscht. Gleichzeitig haben wir als FDP Zürich gestern zum dritten Mal in Folge deutlich zugelegt, was mich als Parteipräsident unglaublich stolz macht.   

Sie haben den aufwendigsten und teuersten Wahlkampf geführt. Warum hat es trotzdem nicht gereicht?

Wir hatten von Beginn weg keine leichte Ausgangslage, weshalb wir mehr machen mussten als die anderen. Woran es im Einzelnen nun gelegen hat, werden die Nachwahlanalysen zeigen.

«Meine Herkunft spielte dabei vor allem für zwei Milieus eine grosse Rolle: zum einen für die extreme Rechte [...], zum anderen für die extreme Linke.»

Përparim Avdili, FDP

Der Sonntag zeigte auch: Die disziplinierte Zürcher Linke trifft auf eine ungeeinte Bürgerliche. Wieso haben es die Bürgerlichen nicht geschafft, sich hinter Ihrer Kandidatur zu vereinen? 

In den bürgerlichen Parteien ist das klassische Blockdenken deutlich weniger ausgeprägt als auf der linken Seite. Gleichzeitig ist auch die inhaltliche Bandbreite viel grösser. Beispielsweise liegen zwischen dem linken Flügel der GLP und der SVP teilweise Welten. AL, Grüne und SP liegen programmatisch deutlich näher beieinander. Das erleichtert gemeinsam unterstützte Kandidaturen.

Was heisst das für die weitere Zusammenarbeit?

Die bürgerlichen Parteien werden weiterhin gut zusammenarbeiten. 

In der Debatte wurde immer wieder Ihre Herkunft erwähnt – etwas, mit dem Sie selbst politisieren. Ist das bürgerliche Zürich noch nicht bereit für einen Stadtrat mit Migrationsgeschichte?

Ich selbst habe im Wahlkampf in erster Linie mit meiner Aufstiegsgeschichte aus einfachen Verhältnissen und mit der rot-grünen Bilanz der letzten 30 Jahre politisiert. Meine Herkunft spielte dabei vor allem für zwei Milieus eine grosse Rolle: Zum einen für die extreme Rechte, die unter vielen meiner Posts für meine Remigration warb.

Zum anderen für die extremen Linken, die sich daran störten, dass ich als Secondo aus einer muslimischen Familie eine differenzierte Position zur Rolle des Islams in einem säkularen Staat vertrete und mich klar zum Existenzrecht Israels bekenne – was teilweise sehr aggressive Reaktionen bis hin zu Morddrohungen auslöste. 

Aber beide Milieus und dieser Irrsinn sind sicher nicht repräsentativ für unsere weltoffene Stadtgesellschaft. Insofern kann man resümieren, dass das liberal-bürgerliche Zürich dafür bereit gewesen wäre.

Als Parteipräsident war der gestrige Sonntag ein erfolgreicher Tag für Sie: Die FDP hat in allen Wahlkreisen zugelegt, im Gemeinderat zwei Sitze gewonnen.

Das Wahlergebnis ist eine grossartige Leistung aller Kandidierenden und der gesamten Partei, die monatelang auf diesen Erfolg hingearbeitet hat. Dass es uns gelingen könnte, nach den erfolgreichen Wahlen von 2018 und 2022 erneut zuzulegen, hatten uns viele Beobachter:innen, auch bei Tsüri.ch, nicht zugetraut.

Wird die FDP im Gemeinderat jetzt einen konfrontativeren Kurs einschlagen?

Zunächst gilt es abzuwarten, was eine mögliche Nachzählung der Stimmen mit Blick auf die EVP ergibt. Danach ist es an der Zeit für eine strategische Auslegeordnung. 

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