Illustration: Artemisia Astolfi

«Niemand ist Single»

Hast du dich schon mal gefragt, was der Unterschied zwischen Freund*innenschaft und Liebe ist? Dann hast auch du es schon gefunden – das überflüssigste Grenzgebiet unserer Zeit. Alex und Andrea wollen es in dieser Kolumne endlich niederreissen. Indem sie ausdehnen, was wir für unser Liebesleben halten und eindämmen, was uns einsam macht.
10. April 2021

Alex

«ALEX», schrie Andrea in Grossbuchstaben auf meinem Handybildschirm. «ICH SPIELE MIT EINEM GEDANKEN!» Dramatische Pause. Ich stand an der Bushaltestelle und scrollte durch den untamed.love Shop. Will sie schon wieder eine Volksinitiative starten? Doch ein Deutschrap-Album aufnehmen? Noch tiefer in den Wald ziehen? Es hätte vieles sein können. Doch was dann kam, dehnte kurzzeitig die Grenzen meiner Vorstellungskraft und langzeitig den Begriff meines Liebeslebens: Ein Zölibat. What the heck.

«Ein Jahr keinen Sex, keine Dates, keine Romantik. Ein Jahr Liebe – ohne das was wir normalerweise für Liebe halten», schrieb sie. Kurz machte ich mir Sorgen, ob Andreas zölibatäres Leben in Einsamkeit enden würde. Dann wurde mir klar: Genau das Gegenteil ist der Fall.

Die Erfindung der romantischen Liebe reduziert unser Sichtfeld auf einen Korridor, der so eng ist, dass wir immerzu übersehen, was schon da ist.

Alex und Andrea

Einsamkeit ist gefährlicher als Nikotin oder Alkohol. Einsamkeit befeuert nicht nur unnötigen Konsum, sondern auch den Rückschritt ins Nationalistische. Einsamkeit erleichtert extremistischen Gruppen die Rekrutierung. Sowohl in den USA, als auch in Europa beeinflusst Einsamkeit die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Und ja, Einsamkeit verursacht Depressionen und führt im schlimmsten Fall zu Suizid.

Einsamkeit ist nicht nur ein bisschen schlimm. Sie ist ein existenzielles Problem mit persönlichen und politischen Nebenwirkung. Wer sich oft einsam fühlt, muss nicht einfach mal wieder unter Leute. Wer sich einsam fühlt, darf hinterfragen, ob wir da nicht etwas grundlegend falsch verstanden haben. 30 Prozent aller Schweizer*innen fühlen sich einsam – Grund genug endlich darüber nachzudenken.

Die eigene Abgetrenntheit zu überwinden, ist eine Lebensaufgabe, die Menschen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet – so urteilte der Psychoanalytiker Erich Fromm über die Spezies Mensch. Er legte damit den Finger in eine Wunde, die so basic ist, dass vor allem moderne Individualist*innen sie zu gern hinter Ping-Pong-Tisch-Begegnungen und ekstatischen Wochenend-Raves verstecken. 70 Jahre nach Fromm wird Einsamkeit vom Zukunftsinstitut als «Monster der Moderne» bezeichnet. Als eine Bezugslosigkeit, die über die Zukunft der menschlichen Kultur entscheiden wird. Denn als Menschen existieren wir erst, wenn wir von anderen «wahrgenommen» werden.

Wenn Verbundenheit unsere tiefste Sehnsucht ist und Einsamkeit ein so grosses gesellschaftliches Problem, dann drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob die Strategien, die wir bis anhin zur Überwindung unseres Getrenntseins verfolgt haben, klug sind. Spoiler: Sie sind es nicht. Leisten, Besitzen und die eine grosse Liebe finden. So klingt der Dreiklang, der uns zu Bindungen verhelfen soll und doch nur einem Pärchen in die Karten spielt. Dem Kapitalismus und dem Patriarchat.

Beruf und Status versprechen gesellschaftliches Ansehen und halten das Hamsterrad am laufen. Währenddessen reduziert die Erfindung der romantischen Liebe unser Sichtfeld auf einen Korridor, der so eng ist, dass wir immerzu übersehen, was schon da ist. Das Ergebnis: Chronischer Mangel. Irgendwie tragisch, denn würden wir uns nicht systematisch unvollständig fühlen, hätten Kapitalismus und Patriarchat schon lange einen Bus umgebaut, um in der Algarve von ihrem Ersparten zu leben.

Um dieses einsamkeitsfördernde Back-to-square-one-Gefühl ein für alle Mal zu eliminieren, müssen wir endlich ausdehnen, was wir für unser Liebesleben halten.

Wikipedia definiert Singles als alleinstehende Menschen, die ohne feste Bindung an eine*n Partner*in leben. Als «feste Bindung» schubladisieren wir jedoch ausgerechnet all jene Beziehungen, die x-mal häufiger in Trennung münden, als unsere Freund*innenschaften.

Den Grossteil unserer Hoffnung setzen wir also auf das Flugzeug mit der höchsten Absturzwahrscheinlichkeit. Nur um an der Absturzstelle scheinbar alleine dazustehen und uns von der schmerzhaften Leere einreden zu lassen, dass wir jetzt wieder vorne beginnen müssen. Swipe links, links, links, links, links, links, äääh links, links, na gut rechts, links.

Um dieses einsamkeitsfördernde Back-to-square-one-Gefühl ein für alle Mal zu eliminieren, müssen wir endlich ausdehnen, was wir für unser Liebesleben halten. Auch wenn Hollywood, Bollywood und Disney die tiefste menschliche Sehnsucht mit der romantischen Liebe beantworten – es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass wir mit unseren Freund*innen alt werden. Das heisst, unsere Lebens-Partner*innen sind in vielen Fällen bereits da. Was noch fehlt, ist unser Vermögen, sie als solche wahrzunehmen.

Ein Zölibat ist kein Sprung in die Einsamkeit, sondern ein Umherwandern auf unserem neuen Kontinent.

Und genau das taten wir in der Stunde Null. Wir begaben uns ins überflüssigste Grenzgebiet unserer Zeit und stellten zum wiederholten mal die Frage: Was ist der Unterschied zwischen Freund*innenschaft und Liebe? But this time, we burned it down. Plötzlich verschob sich was. Zwei tektonische Platten. Freund*innenschaft und Liebe – vorher immer getrennt, nun auf dem gleichen Kontinent. Nicht mehr wie Öl und Essig. Sondern wie Kaffee und Hafermilch, untrennbar verbunden.

Andrea

«Andrea. Ich möchte alt mit dir werden», sagte Kate zu mir, während sie die Marmelade aus dem Kühlschrank holte. Das war der Moment, in dem unsere Theorie erstmals spürbar wurde: Jede tiefe Freund*innenschaft ist eine Liebesbeziehung, wenn ich mich traue, sie dazu zu erklären. Alex, Alican, Andi, Arlena, Aria – aus Platzgründen beschränke ich mich auf den ersten Buchstaben des Alphabets – verdammt nochmal, ich liebe euch. Niemand von uns muss einsam sein, wenn wir Verbundenheit dort benennen, wo wir bisher nicht nach Partner*innenschaft gesucht haben.

Insofern nein: Ein Zölibat ist kein Sprung in die Einsamkeit, sondern ein Umherwandern auf unserem neuen Kontinent. Ein Herausfinden, was die Liebe so bereithält, wenn man alle Romantik streicht.

Neben Joel verliebte ich mich in den letzten Monaten auch head over heals in Julia, ein bisschen in Nadja und ihren Freund Linus, definitiv in Leo und bei Laura bin ich mir noch nicht sicher.

Alex

Das Gegenteil vom Zölibat könnte Polyamorie sein. Ja, es könnte. Aber selbst dieses Modell beinhaltet immer noch die starre Grenzziehung zwischen «offene Beziehung» und «nur Freund*innen». Erst im Konzept der Beziehungsanarchie werden diese aufgelöst. Hier ist alles Beziehung und das Zwischenmenschliche wird so frei wie queerer Sex. Es gibt kein Skript, keine Norm, keine Schubladen. Alles ist möglich – bau dir dein Möbelstück selbst.

In dieser neu gewonnenen Freiheit konnte ich plötzlich die Frage «Bist du Single?» nicht mehr mit einem klassischen Ja/Nein/Fickdich beantworten. Mein Liebesleben entwickelte sich zu einem Möglichkeitsraum, der sich wie unser Universum immer weiter füllt und scheinbar keine Grenzen kennt. Die Weite veränderte meine Erwartungshaltung. Als ich dann Joel kennenlernte, dachte ich: Er muss nicht alles sein, es ist schon so viel da. Zum ersten Mal betrachtete ich einen Menschen nicht isoliert als mein Liebesleben, sondern als weiteren Planeten darin.

Auf meiner engstirnigen Suche nach der einen grossen Liebesbeziehung, hatte ich immer wieder übersehen, wie viele bereits da waren. Und mir war nicht bewusst, wie viele darin gleichzeitig Platz finden könnten. Neben Joel verliebte ich mich in den letzten Monaten auch head over heals in Julia, ein bisschen in Nadja und ihren Freund Linus, definitiv in Leo und bei Laura bin ich mir noch nicht sicher. Ein instabiles Sicherheits-Seil, das mich fangen sollte, wann immer ich falle, wurde ersetzt durch ein soziales Auffangnetz. My universe is crowded as fuck and i love it.

Alex und Andrea

In «Sprache und Sein» legt Kübra Gümüşay eindrücklich dar, wie Worte unsere Wahrnehmung bestimmen. Wen wir als «Partner*in» bezeichnen, was wir als «Liebesbeziehung» definieren und zu wem wir «Ich liebe dich» sagen, formt wie wir unsere Welt erleben. Wenn wir eine wertschätzende Sprache finden, für all das, was schon da ist, werden wir unserer Grosstante auf der nächsten Hochzeit mit Vorfreude begegnen: «Ob ich immer noch Single bin? Kommt darauf an, was du unter Single verstehst.» Und dann erzählen wir ihr von tektonischen Verschiebungen und der Entstehung eines neuen Kontinents, auf dem hoffentlich auch ihre Sehnsucht Heimat finden kann.

Die Kolumnistinnen Andrea Pramor und Alex Büchi
Alex Büchi (links) und Andrea Pramor zerdenken die Liebe als Akt der Befreiung. Für sie steht fest: Die romantische Liebe ist tot. Und ja, sie haben etwas verloren, aber sie sind auch dabei etwas zu finden. Kein Mysterium, sondern eine Sichtweise, die sich endlich in Worte fassen lässt. Einige davon finden sich in dieser Kolumne, die restlichen füllen ein Buch, das aus dem wundersamen Rätsel «Liebe» eine durchschaubare und erlernbare Fähigkeit machen soll.

Alex ist vom Land nach Zürich gezogen und Andrea in ein Bergdorf abgehauen. Die beiden trennt ein Jahrzehnt und verbindet das Leben zwischen den Welten. Andrea; Zwischen katholischer Privatschule und den Plattenbauten Berlin Neuköllns, zwischen Freiheitsdrang und den Vorstellungen ihrer Eltern, zwischen Bücherwälzen aus Arbeiter*innenklassenkomplex und Antwortsuche im eigenen Kopf. Alex; Zwischen reichen Eltern und Kapitalismuskritik, zwischen Herzblut-Feminismus und internalized misogyny, zwischen sich nichts beweisen wollen und unserer Leistungsgesellschaft.

Beide wollten immer dazugehören. Zu irgendwas, zu irgendwem. Heute schätzen sie die Freiheit zwischen den Stühlen und wissen: Wer sich in dieser Welt nicht zuhause fühlt, ist da, um eine Neue zu erschaffen. Deshalb stecken sie all ihre Energie ins Zentrum für kritisches Denken und pendeln zwischen Utopie und der unbequemen Gegenwart.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede*r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

1. Wie soll ich's den Kindern sagen?
2. Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab
3. «Es gibt mich sehr wohl»
4. Meine monogame Freundin
5. Niemand ist Single


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