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Illustration: Artemisia Astolfi

Kolumne: Wie soll ich’s den Kindern sagen?

«Das müssen sie sich dann aber gut überlegen, wie sie das ihrem Kind erklären», sagte die Kinderärztin unserer Kolumnistin Jessica Sigerist, die einen Sexshop führt. Das brachte sie zum Nachdenken: «Wie soll man Sexualität und Erwerbsarbeit thematisieren, wenn es den meisten Menschen schon schwerfällt überhaupt über Sex zu sprechen?»
06. März 2021
Gründerin untamed.love

Als mein Kind einen Monat alt war, hatte ich den ersten Termin bei der Kinderärztin vereinbart, wie alle gewissenhaften Eltern. Mein Kind wurde beäugt und ausgemessen und ausserdem gab es noch ein nettes Gespräch, bei dem die Ärztin mich fragte, wie es mir so gehe seit der Geburt und wann ich wieder anfange zu arbeiten. Und gleich danach, ich ahnte es schon, folgte die Frage, womit ich denn mein Geld verdiene. «Ich führe einen Sexshop», antwortete ich wahrheitsgemäss. «Ich verkaufe Sex Toys, Kondome, Lecktücher und weiteres Zubehör.» Dass ich ausserdem lustige Internet-Videos mache, in denen ich zum Beispiel erkläre, wie man sich am besten auf Analsex vorbereitet, habe ich nicht erwähnt. Denn bereits beim Wort «Sex» hat die Kinderärztin kaum merklich die Augenbraue hochgezogen.

Etwas steif sagte sie zu mir: «Das müssen sie sich dann aber gut überlegen, wie sie das ihrem Kind erklären». Ich antwortete ganz freundlich: «Klar doch» und fügte murmelnd hinzu, dass ich früher als Sozialarbeiterin oft mit Jugendlichen im Themenbereich Sexualität gearbeitet habe und mir durchaus zutraue, altersgerecht über Sex zu sprechen. Doch beim Verlassen der Praxis liessen mich die Worte der Kinderärztin nicht los. Warum hatte ich das Gefühl, mich für meinen Beruf rechtfertigen und erklären zu müssen?

Dass viele Erwachsene nicht wissen, wie sie einem Kind erklären sollen, dass jemand ‹etwas mit Sex› arbeitet, hat weniger mit den Kindern oder mit dem Sex zu tun, sondern mit den Erwachsenen selbst.
Jessica Sigerist

Ich habe viele Freund*innen, die «etwas mit Sex» arbeiten. Von Sexualpädagog*innen über Tantramasseur*innen, Bodyworker*innen, Sexualberater*innen bis hin zu Menschen, die klassische Sexarbeit (formerly known as prositution) machen. Einige von ihnen haben Kinder. Andere sind Tanten, Göttis oder haben sonst enge Beziehungen zu Kindern in ihrem Umfeld. Am liebsten wäre wohl allen, wenn sie so beiläufig mit Kindern über ihre Arbeit sprechen könnten wie ein Florist oder eine Atomphysikprofessorin. Falls die Kinder denn überhaupt darüber reden wollen, denn diese interessiert es oft erstaunlich wenig, was Erwachsene für einer Lohnarbeit nachgehen. Die meisten Kinder, die bisher erfahren haben, dass ich Spielzeuge für Erwachsene verkaufe, die diese zum Sex machen verwenden, haben dies mit einem ziemlich abgeklärten Gesicht weggenickt, um sich dann wieder den wichtigeren Dingen des Lebens zuzuwenden.

Es scheint also gar nicht so schwierig zu sein, Kindern meinen Beruf zu erklären. Dass viele Erwachsene nicht wissen, wie sie einem Kind erklären sollen, dass jemand «etwas mit Sex» arbeitet, hat weniger mit den Kindern oder mit dem Sex zu tun, sondern mit den Erwachsenen selbst. Denn wie soll man Sexualität und Erwerbsarbeit thematisieren, wenn es den meisten Menschen schon schwerfällt überhaupt über Sex zu sprechen.

Um dieses Problem zu lösen, brauchen wir andere Erwachsene. Erwachsene, die über ihre eigene Sexualität sprechen können, die Wörter für ihre Körperteile und ihre Gefühle haben, die Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen benennen können. Und wo bekommen wir diese her? Genau: Indem wir dafür sorgen, dass aus unseren Kindern solche Erwachsene werden. Und das machen wir, in dem wir ihnen vorleben, dass Sexualität kein Tabuthema sein muss. Indem wir ihnen erklären, was wir arbeiten und warum Menschen für unsere Arbeit bezahlen und warum wir den Job lieben. Ja, ich werde mir gut überlegen, wie ich mit meinem Kind über meinen Beruf spreche. Aber nicht, weil mein Beruf falsch oder verwerflich ist. Sondern weil ich möchte, dass mein Kind von Anfang an lernt, ohne Scham über Sexualität zu sprechen.

Ein paar Tage später ist mir eingefallen, was ich der Kinderärztin hätte antworten sollen. Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie das nur zu mir gesagt hat. Oder ob sie das auch zu Menschen sagt, die für Glencore tätig sind oder für eine Grossbank. Die bei der Ruag arbeiten oder auf dem Parteisekretariat der SVP. Das würde ich nämlich alles wahnsinnig schwierig finden. Einem Kind zu erklären, warum man so was arbeitet. Aber das muss ich ja zum Glück nicht. Ich habe ja nur einen Sexshop.

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede*r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

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