Illustration: Artemisia Astolfi

Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab

Alex Büchi und Andrea Pramor finden: Die Liebe ihrem Schicksal zu überlassen, ist fahrlässig und wird ihr nicht gerecht. Deshalb zerlegen sie die grösste Sehnsucht unserer Zeit in ihre Einzelteile und erklären, warum es jetzt ein Zölibat und das Gegenteil braucht.
13. März 2021

Die Liebe darf man nicht zerdenken. Sie ist ein ungreifbares Mysterium, ein unerklärliches Rätsel oder ein schicksalhaftes Wunder, in das man sich einfach fallen lässt.

Andrea

So oder so ähnlich klingt der Bullshit, der uns davon abhält, das relevanteste aller zwischenmenschlichen Phänomene verstehen zu wollen. Nein, die Liebe ist nicht kompliziert. Sie ist einfach. Nur begeben wir uns mit einem Blumenstrauss aus überlieferten Erwartungshaltungen, nutzlosen Grenzziehungen, heteronormativer Kurzsicht und begrifflichen Doppel- und Dreifachdeutigkeiten auf die Suche nach etwas, das wir lernen, statt fühlen sollten.

Grosse Töne, ich weiss. Und sie sind neu. Auch für mich. Ask Alex. Sie war dabei, als ich das letzte Mal meine Traumhochzeit mit einem frisch geswipten Tindermatch plante. Bis zur Stunde Null war mein Liebesleben eine leidenschaftliche Abfolge exzessiven Scheiterns. Jedes zwischenmenschliche Desaster wurde als schicksalshafte Fügung abgetan, die eintreten musste, um mir den Weg zur Liebe meines Lebens zu ebnen. Zwei Jahrzehnte bin ich gefallen. Frontal. Mit dem Gesicht zuerst. Nur um wieder Anlauf zu nehmen.

Wir untersuchen die Liebe schonungslos, so dass man immerzu wegschauen muss und doch wieder hingucken will.
Andrea Pramor

Mit 12 war ich der festen Überzeugung, dass ich mit 20 zum Traualtar schreiten und drei Jahre später Mutter zweier Kinder sein werde. Doch statt meiner ersten grossen Liebe das Ja-Wort zu geben, tat ich genau das, was Mädchen in einer polnisch-katholischen Familie nicht tun sollten: Ich trennte mich. Und dann trennte ich mich wieder. Mehr als 13 Menschen hielt ich in den letzten zwei Jahrzehnten für meine grosse Liebe. Und hier ist nur inbegriffen, wer im Ansatz ähnlich fühlte und all jene ausgeklammert, die unwissentlich Opfer meines romantischen Wahnsinns wurden.

Die Überzeugung, Liebe müsse man nicht lernen, ist ähnlich naiv wie zu glauben, die richtigen Erziehungsmethoden würden sich learning by parenting ergeben. In anderen Worten: Massiv fahrlässig – sich selbst und allen Beteiligten gegenüber. Deshalb werden wir ihn zerdenken. Den romantischen Blumenstrauss, den Alex und ich für die Liebe gehalten haben und der sich uns durch engstirnige Literatur, Filmplots und Wohnungsgrundrisse in die Köpfe gebrannt hat:

Liebe ist ein Gefühl.

Liebe kann man nicht kontrollieren.

Nur romantische Beziehungen sind Beziehung.

Wer kein*e Partner*in hat, wird einsam und alleine sterben.

Es gibt nur zwei Beziehungsmodelle: Monogamie oder Polyamorie.

Und natürlich nur einen Lebensentwurf: Die Familie.

Wir untersuchen die Liebe schonungslos, so dass man immerzu wegschauen muss und doch wieder hingucken will. Für uns und für alle, die sich nach diesem ominösen Moment des Ankommens sehnen. Ein Ankommen in einer romantischen Norm, die so einfach erscheint, dass es dreifach schmerzt, wenn sie im eigenen Leben ausbleibt.

Träume, Traumata und Lars von Trier – was man sich halt so erzählt, wenn man denkt, man unterhält sich gerade endlich zum letzten Mal zum ersten Mal.
Alex Büchi

Alex

«Und dann hab ich ihn laufen sehen, nur zwei Schritte – und nur von hinten! – aber das war’s. Ich wusste, er ist es nicht», sagte Andrea als hätte sie erfahren, dass man vom Küssen schwanger wird. Es war ein Abend im September und wir sassen im Wohnzimmer. Jede eine Tasse Tee in der Hand und bereit, wertvolle Stunden Tiefschlaf für die Sezierung einer weiteren desillusionierenden Liebesgeschichte einzutauschen.

Das Drama begann wie so oft mit einem Tindermatch, der Rest ist Geschichte. Zwei Wochen lang überschütteten sich die beiden mit halbstündigen Sprachnachrichten. Träume, Traumata und Lars von Trier – was man sich halt so erzählt, wenn man denkt, man unterhält sich gerade endlich zum letzten Mal zum ersten Mal.

Die grosse Liebe auf Tinder matchen – irgendwie lächerlich, aber trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, genau darauf zu hoffen. Auf die grosse Seelenverwandtschaft, auf diesem einen Match, der alles ändert, aufs Ankommen in der geborgenen Zweisamkeit – einfach ein bisschen heimlicher als Andrea. Und verdammt, ich schäme mich in Grund und Boden dafür. In allen anderen Lebensbereichen versuche ich Konventionen zielsicher in den Wind zu schiessen. Scheiss auf das Patriarchat. Scheiss auf den Kapitalismus. Scheiss auf unsere Leistungsgesellschaft. Nur meine romantischen Tagträume klingen immer noch wie ein Buch von Nicholas Sparks.

«Wie kann es sein, dass in wenigen Sprachnachrichten eine gemeinsame Zukunft entsteht und zwei kleine Schritte alles zum implodieren bringen.» Und dann sagte Andrea etwas, das sie zum ersten Mal so meinte: «Ich will jetzt endlich verstehen was Liebe ist»

Klingt dramatisch, aber – to be very honest with you – ist es halt einfach auch. Zwischen unseren Teetassen machte sich ein Blatt Papier breit, das sich in den kommenden Stunden langsam mit Fragen und ersten Antwortversuchen füllte. Wir gerieten in einen gedanklichen Sog, der sich wie ein Vorschlaghammer bis zu den Fragen durchbohrte, die man sich eigentlich nicht stellen will.

Irgendwann meinte ich zu Andrea: «Ich glaube wir machen hier gerade etwas kaputt, etwas Grosses.» Vier Stunden später begannen die Vögel zu zwitschern und sie war tot: Die romantische Liebe. Oder zumindest das, was wir am Abend vorher noch darunter verstanden haben. Ab nun werden wir ein Leben abseits unserer erwartungsgetränkten Blumensträusse führen. Abseits von Pinterestseiten voller Hochzeitskleider. Abseits von romantischen Tagträumen. Um herauszufinden, ob wir tatsächlich mit so ziemlich allem falsch lagen, was wir für die Liebe gehalten haben.

Ich werde dieses Jahr zum ersten Mal da sein. In jedem Arm, in jedem Bett und jedem Kompliment.
Alex Büchi

Andrea

Wenn ich in der Vergangenheit behauptete, ich genüge mir, dann in Wahrheit nur, um noch besser nach dem einen Menschen suchen zu können. Deshalb werde ich dieses Jahr sexuell und romantisch enthaltsam leben. Ein konsequentes Zölibat, um zu entdecken, wo die Liebe sonst noch zu finden ist.

Alex

Meine romantische Laufbahn verlief nicht weniger steil als die von Andrea. Der grosse Unterschied: Das meiste von dem was ich für Liebe hielt, spielte sich in meinem Kopf ab. Meine Auserwählten wurden über die Existenz unserer Liebesbeziehung nur selten informiert und mein Herz, das brach ich mir selbst. Indem ich mir immer wieder zu verstehen gab, das ich nicht gut genug bin, bevor es jemand anders tun konnte.

Jede Begegnung hatte eine Halbwertszeit von acht Wochen – weil so sehr ich sie auch wollte, echte Nähe war mir dann doch zu nah. Deswegen werde ich dieses Jahr das Gegenteil von Enthaltsamkeit leben und zum ersten Mal da sein. In jedem Arm, in jedem Bett und jedem Kompliment. Vielleicht scheitern wir am Zölibat und dem Gegenteil genauso hart wie an der romantischen Liebe. Sicher ist nur: Ein Zurück gibt es nicht mehr. Wir haben etwas verloren und müssen etwas Neues finden.

Die Kolumnistinnen Andrea Pramor und Alex Büchi
Alex Büchi (links) und Andrea Pramor zerdenken die Liebe als Akt der Befreiung. Für sie steht fest: Die romantische Liebe ist tot. Und ja, sie haben etwas verloren, aber sie sind auch dabei etwas zu finden. Kein Mysterium, sondern eine Sichtweise, die sich endlich in Worte fassen lässt. Einige davon finden sich in dieser Kolumne, die restlichen füllen ein Buch, das aus dem wundersamen Rätsel «Liebe» eine durchschaubare und erlernbare Fähigkeit machen soll.

Alex ist vom Land nach Zürich gezogen und Andrea in ein Bergdorf abgehauen. Die beiden trennt ein Jahrzehnt und verbindet das Leben zwischen den Welten. Andrea; Zwischen katholischer Privatschule und den Plattenbauten Berlin Neuköllns, zwischen Freiheitsdrang und den Vorstellungen ihrer Eltern, zwischen Bücherwälzen aus Arbeiter*innenklassenkomplex und Antwortsuche im eigenen Kopf. Alex; Zwischen reichen Eltern und Kapitalismuskritik, zwischen Herzblut-Feminismus und internalized misogyny, zwischen sich nichts beweisen wollen und unserer Leistungsgesellschaft.

Beide wollten immer dazugehören. Zu irgendwas, zu irgendwem. Heute schätzen sie die Freiheit zwischen den Stühlen und wissen: Wer sich in dieser Welt nicht zuhause fühlt, ist da, um eine Neue zu erschaffen. Deshalb stecken sie all ihre Energie ins Zentrum für kritisches Denken und pendeln zwischen Utopie und der unbequemen Gegenwart.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede*r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

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