Illustration: Artemisia Astolfi

Meine monogame Freundin

Unsere Kolumnistin Jessica Sigerist hat eine Freundin, die lebt monogam. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie auf die Art mit ihr reden würde, wie monogame Menschen immer wieder über ihre offene Beziehung reden.
03. April 2021
Gründerin untamed.love

Ich habe eine Freundin, die lebt monogam. Nicht, dass ich da was dagegen hätte, ich bin ja ein offener Mensch. Im Gegenteil, ich finde das faszinierend. Das sind ja meistens total interessante Menschen, die so leben. Aber für mich wäre das nichts. Klar, auch ich habe ein bisschen damit experimentiert als ich jünger war. Mein damaliger Freund und ich haben das damals ausprobiert, diese Monogamie. Hauptsächlich wahrscheinlich, weil wir nicht als langweilig gelten wollten.

Ganz extrem haben wir’s nicht ausgelebt. So wirklich nur miteinander Sex haben, das war uns dann doch zu heftig. Aber im Ausgang einen Abend lang nur miteinander knutschen, das war ganz schön aufregend. Nur wir zwei, so richtig monogam halt. Ich verstehe schon, dass man das auch romantisieren kann. Aber wenn wir ehrlich sind, haben diese Abende dann meistens in einem Drama geendet. Weil’s für mindestens eine*n von uns zweien dann doch nicht ganz gestimmt hat.

Die Beziehung ging dann auch irgendwann auseinander. Wahrscheinlich war da schon vorher etwas nicht mehr gut und dies war auch der Grund, dass wir überhaupt auf die Idee gekommen sind, Monogamie auszuprobieren. Sowieso habe ich das Gefühl, dass Monogamie oft nur ein hilfloser Versuch ist, eine Beziehung zu retten, die eh schon angeknackst ist. Das kann ja nur schief gehen. Ich meine, wenn man jemanden wirklich liebt, warum sollte man eine Person derart einschränken wollen? Ich glaube, monogame Menschen haben einfach noch nicht die Richtigen gefunden.

Kürzlich habe ich meine monogame Freundin auf einen Tee getroffen. Es ging ihr nicht gut, sagte sie mir, sie habe Streit mit ihrem Freund. «Klar, ich stelle mir das auch ganz schön schwierig vor, so wie ihr lebt», entgegnete ich mitfühlend. «Wie meinst du?», fragte meine Freundin. «Naja», ich senkte meine Stimme, denn wir waren in einem Café und das sollten ja nicht alle mitbekommen, «mit eurer monogamen Beziehung».

Ach so, meinte die Freundin, damit habe das eigentlich gar nichts zu tun. Sie seien einfach beide überlastet, arbeiteten zu viel und wenn man am Abend müde ist, gibt es öfters Streit darüber, wer den Abwasch macht. Alltagsstreitigkeiten halt. Ich zog innerlich die Augenbrauen hoch, denn es war offensichtlich, dass es sich dabei nur um Stellvertreterkonflikte handelt.

Es ist ja unmöglich, nur einen einzigen Menschen zu lieben. Wir lieben schliesslich auch unsere Freund*innen, Eltern und Kinder und wen auch immer.
Jessica Sigerist

Das Grundproblem bei dieser Beziehungsform ist ja bereits gegeben. Es mag ja sein, dass einige Menschen tatsächlich solche Verlustängste haben, dass sie wirklich nicht anders können als monogam zu leben. Aber wie gross ist die Chance, dass sich gleich zwei finden, die das wirklich wollen? Oft hat man bei monogamen Beziehungen den Eindruck, dass das nur eine Person will. Meistens der Mann. Und die andere Person einfach mitmacht, aus Angst, die Beziehung zu verlieren. Obwohl meine Freundin immer noch über dreckiges Geschirr und ungewaschene Wäsche jammerte, versuchte ich das Gespräch zu seinem Kern zurückzubringen.

«Aber das mit der Monogamie, das läuft immer noch gut bei euch?» – «Das? Ähm ja, doch, das läuft eigentlich gut, also darum geht’s jetzt hier gar nicht», reagierte meine Freundin etwas irritiert. – «Ich meine ja nur. Ist das denn echt okay für dich, nur mit deinem Freund Sex zu haben? Und er nur mit dir?» – «Ja, also Sex, das ist bei uns ganz gut, das ist gar kein Streitpunkt gerade, eigentlich geht’s um...» Ich hörte meiner Freundin nicht mehr richtig zu, denn in Gedanken war ich schon einen Schritt weiter.

Sex! Genau das ist es, was mich an diesen monogamen Menschen stört, dass es dabei immer nur um Sex geht. Weil um Liebe geht’s ja ganz offensichtlich nicht. Es ist ja unmöglich, nur einen einzigen Menschen zu lieben. Wir lieben schliesslich auch unsere Freund*innen, Eltern und Kinder und wen auch immer. Monogame Menschen überhöhen Sex völlig und tun so, als wäre es das höchste Lebensziel, möglichst nur mit einem einzigen Menschen Sex zu haben. In einer Beziehung kann doch etwas nicht ganz stimmen, wenn das so wichtig ist.

«Jedenfalls danke, dass du mir zugehört hast», sagte meine Freundin und wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Auf dem Weg nach Hause lächelte ich milde. Sollen es die beiden noch ein bisschen versuchen mit der Monogamie. Wenn sie älter sind, werden sie schon merken, dass das langfristig einfach nicht funktioniert. Ich hingegen kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und meinen Partner*innen brühwarm von all dem Drama zu erzählen, das diese Monogamen wieder haben.

Dieser Text ist eine Satire. Ich habe natürlich nichts gegen Menschen, die monogam leben. Wirklich nicht.

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede*r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

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