Kafi-Review No. 4 – Henrici

Jahre ist es her, dass sich Redaktorin Arjuna Brütsch vor dem «Henrici» in die Sonne höckelte – damals vor allem wegen den gutaussehenden Mitarbeitenden. Nun habt ihr das Kafi zum zweitbesten der Stadt gewählt und sie kehrt zurück, um zu schauen, ob die Silbermedaille verdient ist.
02. März 2019

Über 4'000 von euch haben abgestimmt: Das sind die fünf gemütlichsten Kafis in Zürich! Wir wollen wissen warum und sind deshalb ausgeschwärmt, um zertifizierte Heimeligkeitsprüfungen durchzuführen. In der vierten Review hat unser Redaktorin Arjuna Brütsch das «Henrici» besucht.


Als ich nachmittags leicht nostalgisch beim «Henrici» aufkreuze, klettern die Gäste immer weiter die Terrasse hoch, der sinkenden Sonne nach. Nur einige wenige Schattenplätze sind frei, drinnen ist’s leer. Weil ich eine harte Kriegerin bin und mir Kälte nichts ausmacht, drücke ich mich zwischen Züri-Hipstern hinter ein Tischchen im Schatten: Wenn ich fest genug daran glaube, ist’s schon Frühling.

Die Kellnerin schlendert ein paar Mal an mir vorbei, nach dem dritten Mal Augenkontakt fragt sie, ob ich schon bestellt habe. Etwas ratlos bestelle ich einen Cappuccino, denn eine Karte bekomme ich nicht in die Hand gedrückt und etwas Anderes habe ich selten im Henrici getrunken. Ich bin ohnehin für den Kafi hier. Ich mummel mich in in eine Decke ein, kuschle mich in die Kissen und beginne, mich in meinen Züri-Krimi zu vertiefen.

Als der Kaffee endlich kommt, lässt weder Wachmachergrad, Geschmack noch Latteart etwas zu wünschen übrig – Was auch nicht überrascht. Denn genau so wie das Henrici berüchtigt ist für langsamen Service, ist es bekannt für seinen guten Kafi. Für den Kaffee gibt es also fünf Wachmacher-Tassen und für die Verzierung obendrauf ebenfalls die Höchstpunktzahl von fünf Instagram Icons – Die Fotogenität des Dörflis hat nämlich noch nie jemand angezweifelt.

Gute Kafi-Böhnli und Latteart werden hier zelebriert. Tatsächlich befinden sich auch in meinem Instagram-Feed bereits mehrere Ablichtungen von Henrici-Cappus.

*Was an diesem Punkt angemerkt werden muss ist, dass Latteart im Henrici zweifellos die dünne Luft an der Spitze geniessen darf. Bei einem zweiten Besuch ein paar Tage später, bestellte eine Freundin einen Latte Macchiato mit Hafermilch für zusätzliche 50 Rappen, der aussah als wäre er bereits getrunken, verdaut und wieder ins Glas erbrochen worden. Als Mensch, der Kaffee mit Kuhmilch geniesst, schiebe ich die Schuld jedoch nicht auf das Henrici, sondern die Hafermilch für das Malheur – Darum bleibe ich bei meinen fünf Insta-Ikons.

Der Hafermilch-Macchiato schmeckt zwar ganz okay, sieht aber nicht sehr appetitlich aus.

Zigi für Zigi, Seite um Seite vergeht. Die kleinen Tische stehen nahe beieinander, trotzdem kann man sich gut verkriechen – Ich bin die Einzige, die alleine am Lesen ist, aber es gibt weder seltsame Blicke noch Konsumzwang. Das ist das Positive an der Bedienung mit zweifelhaftem Ruf – Man wird in Ruhe gelassen. Da es auch drinnen hell genug ist zum Lesen und die Lounge gemütlich ist, gibt es von mir fünf von fünf Kuschelteddybären für’s Verkriech-Potential.

Ich habe mein Buch fertig gelesen und noch hat niemand gefragt, ob ich nochmal etwas trinken möchte. Mit freundlichem Wedeln kann ich jedoch einen Chai Latte bestellen, der ebenso freundlich leider vergessen geht. So widme ich mich langsam dem schreiberischen Aspekt meines Besuches, verlege meinen Sitzplatz nach drinnen und packe meinen Laptop aus. Das Henrici ist zum Bücher lesen gemütlich, doch wer mit dem Laptop unterwegs ist, fühlt sich nicht gleich willkommen: Geeignet ist es diesbezüglich nur, wenn man kein Internet braucht – oder über unerschöpfliches Datenvolumen verfügt. W-Lan gibt es im Henrici nämlich keins. Der Laptop braucht zudem einen guten Akku, denn drinnen gibt es nur eine Steckdose; das Natel könne aber hinter der Bar aufgeladen werden, wird mir entschuldigend von der Bedienung mitgeteilt. Das hilft belaptopten Menschen auf Home-Office-Suche jedoch nicht weiter.

Ein gemütliches Interieur lässt alle Möglichkeiten offen zwischen Verkriechen oder Socializen.

Mein Magenknurren stille ich mit einer Portion Hummus und steige auf Rotwein um. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch hier und ich arbeite ungestört: Die Sonne ist längst weg und das Lokal für einen Donnerstagabend zwar gut besucht, doch nicht überfüllt.

Wer sich von klobigen Nike-Schuhen bedroht fühlt, sich an weiss-besockten Füssen in Vans stört, eine Phobie vor einer hohen Konzentration an Septum-Piercings hat oder tiefen Hass gegen ausgefallene Print-Shirts hegt, wird sich im «Henrici» fremd fühlen. Als Geheimtipp einer (wieder) eingesessenen Henricianerin: Gegen Abend lüftet sich die Hipster-Luft und der Altersdurchschnitt steigt.

Der einzige Minuspunkt, wohl auch der Grund für Platz Zwei, ist das Tempo der Bedienung – Denn unfreundlich sind sie keineswegs. Wer jedoch die Karte genau studiert, findet ganz hinten einen kleinen Vermerk: «Wir machen unseren Kaffee mit ganz viel Liebe, darum dauert es manchmal etwas länger. Danke für eure Geduld und euer Verständnis.» Mein Herz ist also trotz Wartezeit nicht eiskalt, es gilt einfach im Kopf zu behalten, für’s Henrici genug Zeit mitzubringen – «Gschwind es Kafi» gibt es hier nämlich nicht.

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Kafi-Rating

Instagramability des Kafis

Wachmachergrad des Kaffees

Wärmegrad der Herzen

Lese-Ecken-Potential

Verkriechmöglichkeiten


Das «Henrici» ist nicht komplett Barrierefrei, und wer es mit dem Rollstuhl mühselig über das steile Kopfsteinpflaster geschafft hat, wird beim Eingang von einer kleinen Stufe gestoppt. Auf Nachfrage erwidert das Personal: «Ja, das ist leider ein Hindernis, aber dafür gits ja mich». Das WC befindet sich im Untergeschoss, ist rollstuhlgängig und mit dem Personal-Lift erreichbar.


Alle Bilder: Arjuna Brütsch

Redaktorin

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