Kafi-Review No. 2 – Kafi Dihei

Obwohl unsere Autorin im Kreis 3 dihei ist, hat sie es noch nie ins «Kafi Dihei» geschafft. Ihr habt das Kafi jedoch zum viertbesten der Stadt gewählt. Warum der Test keinen guten Anfang nahm, aber am Schluss dennoch Heimatgefühle weckte, lest ihr in der Review Nr. 2.
16. Februar 2019

Über 4'000 von euch haben abgestimmt: Das sind die fünf gemütlichsten Kafis in Zürich! Wir wollen wissen warum und sind deshalb ausgeschwärmt, um zertifizierte Heimeligkeitsprüfungen durchzuführen. In der zweiten Review hat unser Redaktorin Viviane Stadelmann das «Kafi Dihei» besucht.


Ich muss gestehen: Diese Kafi-Review hatte nicht den besten Start. Etwas gehässig steuere ich im strömenden Regen am Epizentrum für hippe Mütter (aka Idaplatz) und am Biolädeli vorbei auf das «Kafi Dihei» zu. Der Grund für meine Laune? Mein Magen knurrt schon eine ganze Weile. Lang habe ich die Mittagspause hinausgezögert, um die Lunch-Rushhour zu umgehen und einen der begehrten Plätze im Lokal zu ergattern. Das Vogelgezwitscher ist schon von Weitem zu hören. Romantische Landidylle mitten in der Stadt? Mich erinnert das Gepiepe und Geflatter über den Ranken des Eingangsbereichs jetzt vor allem an die unzähligen Male, als ich hoffnungsvoll ins Kafi hinein- und gleich wieder hinausgetreten bin. Der spontane Brunch im «Kafi Dihei» scheint aus Platzgründen ein Ding der Unmöglichkeit – wobei das Problem wohl eher dem allgemeinen, exzessiven Zürcher Brunchverhalten zu Schulden kommt. Nun also Zmittag um halb zwei. Ich bete um einen Platz und bin erleichtert: Mein Testgspänli und ich können uns am langen Tisch dazusetzen.

Rechts neben uns sitzen zwei Businessmänner im Anzug, daneben zwei Frauenpaare 50 plus, die gemütlich an ihrer Schale nippen. In der Ecke quetschen sich zwei Teenies mit Laptop und Unterlagen aufs Sofa, an der Bar wird in Ruhe Zeitung gelesen. Die Vielfalt der Gäste gefällt. Trotz des emsigen Betriebs werden wir von der Bedienung freundlich begrüsst.

Grössenwahn und Oma-Chic

Die Bestellung wird rasch aufgenommen und der Kaffee wird prompt serviert. Er ist warm und nussig, so sollte ein Kaffee schmecken. Mein Wunsch nach Hafermilch wurde selbstverständlich notiert. Das Herz ist klar zu erkennen, der Schaum könnte allerdings noch ein wenig cremiger sein. Insgesamt vier von fünf Wärmegradherzen dafür. Die Tasse dürfte für mich ruhig etwas grösser ausfallen – ich bin ein Kaffeejunkie und mag es, wenn meine Hände die Tasse eines Milchkaffees grad so umfassen können. Deswegen gibt es vier von fünf Wachmacher-Herzen, aus purem Grössenwahn.

Während wir auf unser Mittagessen warten, nehme ich die Einrichtung in Augenschein. Diese gewollte Retro-Atmosphäre mit geblümten Geschirr, Mustertapeten und allerlei Nippes ist leider gar nicht meins. Im «Kafi Dihei» fühle ich mich dekomässig nicht Zuhause, sondern mitten in 2013, als dieses weisse Ikea-Bettgestell aus verschnörkeltem Metall hoch im Kurs war und auf Pinterest der Granny-Einrichtungsstil gefeiert wurde. Immerhin ist das Konzept mit Liebe zum Detail durchgezogen. Sogar auf dem WC gibt es einen Vogelkäfig und aus einem alten Radio scheppert leise Musik. Soviel Hingabe sollte durchaus gewürdigt werden. Und Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Gefällt einem der Stil, findet sich hier allerlei für ein hübsches Nostalgiefoto auf Instagram. Allerdings ist das Kafi ziemlich klein und überschaubar. Eine ungestörte Fotosession ohne Blicke vom Nachbartisch ist nicht möglich und durch die relativ enge Bestuhlung kommen einem immer wieder fremde Köpfe in die Quere. Deswegen vergebe ich vier von fünf Instagram-Punkten.

Das Essen lässt nicht lange auf sich warten, was mich bei dem gut gefüllten Lokal erstaunt. Die Gemüsequiche mit Salat ist reichhaltig, die Focaccia mit Wedges meines Gegenübers ebenso. Das Ketchup kommt im Eierbecher – und erinnert mich an die grosse Zmorge-Auswahl auf der Speisekarte, die mich überzeugt hat, es doch nochmal zum Brunch zu versuchen.

Die Ruhe nach dem Sturm

Nach zwei Uhr leert sich das Lokal. Die Lautstärke nimmt wohltuend ab. Von der Bar klingt von Zeit zu Zeit das Klackern der Kaffeemaschine herüber, vom Sofa leises Tippen auf dem Laptop. Links hat sich ein neuer Gast dazu gesellt, der seelenruhig auf einen Block zeichnet. Das Kratzen des Bleistifts auf Papier vermengt sich mit anderen Klängen zur heimeligen Geräuschkulisse. Fast mag man sich einbilden, dazwischen hie und da vom Eingang ein Zwitschern zu hören. Mein grummliges Magenknurren ist einem versöhnlichen Sättigungsgefühl gewichen. Die Laptop-Girls sind immer noch da, ohne ständig neue Getränke zu bestellen – keinen scheint es zu stören. Möchte man eine Arbeitspause einlegen, steht auf dem Gang zum WC ein Pult mit Magazinen und Zeitungen. Dafür fünf von fünf Punkten fürs Leseecken-Potenzial und für die Verkriechsmöglichkeiten, weil es trotz beschränkten Platzes immerhin drei kuschelige Sofas gibt.

Obwohl die Bedienung allein für das ganze Lokal verantwortlich ist, bleibt der Service herzlich und zuvorkommend. Die Tische werden rasch abgeräumt, die Gäste äusserst aufmerksam bedient. Als wir das Kafi verlassen, verabschiedet man uns wie alte Bekannte. Der Regen hat aufgehört. Es riecht nach nassem Asphalt. Und der Heimweg, ja der kommt mir plötzlich gar nicht mehr weit vor.

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Kafi-Rating

Instagramability des Kafis

Wachmachergrad des Kaffees

Wärmegrad der Herzen

Lese-Ecken-Potential

Verkriechmöglichkeiten


Das «Kafi Dihei» ist nicht rollstuhlgängig. Vor der Eingangstüre hat es eine Stufe. Die Toilette ist auch zu klein für einen Rollstuhl.


Bilder: Viviane Stadelmann / Frontansicht Haus: Marco Büsch

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