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Mit dem Velo durch Zürich: 4,5 Ansichten

Was beschäftigt Zürcher*innen, die mit Velos zu tun haben, mal abgesehen vom politischen Seilziehen? Wir haben mit vier Menschen über ihre Velogeschichte, ihre Lieblingsstrecke und ihre Wünsche für Zürich gesprochen. Heute: Lukas Bühler.
21. Juni 2020
Journalistin

1. Der Velosassa

Wenige Stunden vor einer Protestfahrt auf dem Velo zum Gedenken an die an der Badenerstrasse tödlich verunfallte Velofahrerin, lädt Lukas Bühler im Freibad Heuried zum Kaffee. Bühler hat Pause, die Büros seines Arbeitgebers Bond (früher Smide) liegen nur einen Steinwurf davon entfernt. Bühler ist sowas wie ein Velo-Tausendsassa; er arbeitet in einem E-Bike-Unternehmen, hat ein Gastro-Start-Up mit Food-Bike gegründet, hat sich in der Akademie mit Mobilität beschäftigt und engagiert sich an der Critical Mass. «Von einem Fanatiker unterscheidet mich vielleicht noch, dass ich nicht Velo fahren muss.» Velofahren um des Velofahren willens sei nicht so seins.

Wie Kurierin Szreniawa (folgt in Teil 3 dieser Reihe) wächst auch Bühler in einer «autofreien Familie» in der Zürcher Gemeinde Fällanden auf, das Fahrrad sei mit vielen Bubenerinnerungen verbunden, vor allem schmerzhaften, wenn es ihn wieder mal «hert uf’d Schnurre» gehauen habe. Als er vor zehn Jahren in die Stadt zieht, ist das Velo sein Transportmittel Nummer Eins, «in erster Linie einfach ultrapraktisch». Von wirklich schlimmen Unfällen bleibt er verschont, ein paar brenzlige Situationen erlebt er trotzdem. «Der schlimmste Unfall passierte mir am HB, ich wollte an ein Rotlicht aufschliessen, da sprang ein Beifahrer aus dem Auto. Das hat geklöpft.» Vor diesen Unfällen graut ihm am meisten – «weil sie so unberechenbar sind.»

Neben dem Studium zieht Bühler «Zum guten Heinrich» auf, ein Foodwaste-Caterer, der Essen per Transport-Velo liefert oder direkt daraus verkauft – «das Prinzip des Foodtrucks auf dem Velo», sagt Bühler. «Da habe ich erkannt: Das Velo wird total unterschätzt, es kann alles, was ein Auto auch kann, man ist aber viel freier, kann es überall abstellen, vielseitig einsetzen.» Das Velo sei im Gegensatz zum Auto viel weniger reguliert. Bühler, der Velo-Unternehmer? Bühler schaut skeptisch und sagt: «Wenn das heisst, dass ich viel mit dem Velo unternehme, dann ja». Inzwischen besitze er zehn Velos, die Hälfte davon sei aber kaputt.

Spätestens seit Bühler bei Bond arbeitet, dem Zürcher E-Bike-Anbieter, der in nur zwei Jahren von einem kleinen Startup zu einem mittelgrossen Unternehmen gewachsen ist, ist er überzeugt, dass das Velo das Auto in der Stadt ablösen kann. «Mit dem E-Bike haben auch die keine Ausreden mehr, die weit fahren müssen, nicht schwitzen wollen oder weniger fit sind.» Doch auch E-Bikes haben es schwierig in der Stadt, eine befriedigende Lösung im Strassenverkehr gibt es nicht. Sie fahren mit bis zu 45 km/h, müssen sich in den städtischen «Mischzonen» aber mit Fussgänger*innen den Platz teilen.

Seit mehr als zwei Jahren fährt Bühler auch an der Critical Mass mit. Die «Konsumkamine», ein Lastenvelo, das ursprünglich für die Klimademos gedacht war, sorgt seither für musikalische Unterhaltung während dem Veloumzug. Von der Critical Mass spricht Bühler mit Begeisterung, sie heisse alle willkommen, die Spass hätten am Velofahren, sei kein Verein, keine Demo, keine Veranstaltung. «Ich sehe sie als apolitisch, alle die mitfahren, vereint einfach eine einzige Forderung: Mehr Platz für’s Velo.» Und natürlich Spass am Velofahren, das wünsche er sich auch für Zürich: Dass sich alle auf der Strasse wohlfühlen würden, von jung bis alt.

So sieht die «Konsumkamine» aus (zvg)

Dieses Anliegen symbolisiert die Critical Mass, deren «Ableger» Kidical Mass Platz für die Kleinsten bietet. So steht die Critical Mass denn auch für eine inklusive, non-hierarchische, diverse Gruppe. Für ihn selber, sagt Bühler, sei die Critical Mass ein Stück urbane Freiheit, ein «Burning Man auf dem Velo», nichts werde verkauft, nichts beworben, der Kreativität sei keine Grenze gesetzt. «Ich habe gemerkt, wenn ich an die Critical Mass gehe, gehe ich mega auf». Bühlers Lieblingsstrecke ist denn auch: «Der Tunnel in die Engi mit fettem Bass.»

4,5 Ansichten
Porträts von diesen Zürcher Velo-Menschen erscheinen hier in der Rubrik «Mobilität» auf Tsüri.ch:

1. Der Velosassa: Lukas Bühler – Bond
2. Die Tiefbaudirektorin: Simone Rangosch
3. Die Kurierin: Julia Szreniawa
4. Die Lobbyistin: Yvonne Ehrensberger – Pro Velo Kanton Zürich


Eigentlich wäre noch ein weiteres Porträts geplant gewesen. Auch Polizist*innen haben viel mit Fahrrädern zu tun: Als Velopolizist*innen fahren sie selber auf zwei Rädern, die Streife kontrolliert säumige Velofahrer*innen an den Ampeln, als Verkehrspolizist*innen nehmen sie Kindern die im fünften Primarschuljahr obligatorische Veloprüfung ab, und als Teil des Dialogteams vermitteln sie zwischen dem Rest der Polizei und den Critical-Mass-Fahrer*innen. Gerne hätten wir eine dieser Stimmen hier vertreten gewusst, doch die Polizei hat innert Wochenfrist «leider keine Person gefunden».

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