Foto: Peter Baracchi

Mit dem Velo durch Zürich: 4,5 Ansichten

Was beschäftigt Zürcher*innen, die mit Velos zu tun haben, mal abgesehen vom politischen Seilziehen? Wir haben mit vier Menschen über ihre Velogeschichte, ihre Lieblingsstrecke und ihre Wünsche für Zürich gesprochen. Heute: Simone Rangosch.
22. Juni 2020
Journalistin

2. Die Tiefbaudirektorin

2018 bezeichnete der «Tages-Anzeiger» sie als «Velohoffnung aus dem Autokanton»: Simone Rangosch ist seit zwei Jahren Direktorin des Tiefbauamts und als solche in einer Schlüsselposition wenn’s um die Planung und Umsetzung von Veloinfrastruktur geht. Für politische Fragen wird jedoch auf Richard Wolff verwiesen – der AL-Stadtrat steht dem Tiefbauamt vor. Also stellen wir die persönlichen: Was hat die Velohoffnung aus dem Autokanton (gemeint ist der Aargau) für eine Beziehung zum Velo? Was wünscht sie sich für die Stadt?

Rangoschs fast poetische Beschreibung des Velofahrens soll hier als erstes stehen. Die Direktorin schreibt: «Es beflügelt mich jedes Mal von neuem, wenn ich über den verkehrsberuhigten Limmatquai und die Limmatbrücken fahre, mich mitten in der Stadt fühle und gleichzeitig den See vor dem Bergpanorama glitzern sehe.»

Rangosch wird die Leidenschaft fürs Fahrrad praktisch in die Wiege gelegt, ihr Vater unternimmt abenteuerliche Touren von West-Berlin durch die DDR, schon früh bringen die Eltern Simone Rangosch das Velofahren bei und auch heute noch mache sie gerne Velotouren. «Die letzten Sommerferien verbrachte ich auf einer Fahrradtour von Dresden nach Magdeburg entlang der Elbe.»

Bereits seit 20 Jahren beschäftigt sich Rangosch auch beruflich mit Velos: Als sie als junge Geografin beim Amt für Verkehr des Kantons Zürichs arbeitet, entwickelt sie mit Teamkollegen ein Modell, das die Velofahrten in der Prognose abbilden konnte. Die Velos waren im bisherigen Verkehrsmodell nicht verteten. Auch im regionalen Gesamtverkehrskonzept Limmattal mit der Limmattalbahn – sie gilt als Rangoschs Vorzeigeprojekt – habe sie Erhebungen des Veloverkehrs durchgesetzt. «Als Geografin bin ich gewohnt, Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen zu vernetzen», schreibt Rangosch. Es reiche nicht, einen einzelnen Strassenabschnitt zu betrachten, man müsse beachten, welche Funktion er im Verkehr habe. Diese «Gesamtbetrachtung» sei sehr wichtig.

Die Velofahrer*innen fordern zurecht einen Ausbau des Velonetzes.
Simone Rangosch

«Das Velo wird in Zukunft mehr Gewicht in unseren Tiefbauprojekten erhalten», verspricht sie, und: «Es wird nicht nur, wie bis anhin, mitgedacht, sondern ist als gleichberechtigtes Standbein neben dem ÖV und dem Fussverkehr zu betrachten.» Es sei in vielerlei Hinsicht ein geeignetes Fortbewegungsmittel für die Stadt.

Die Velofrequenzen sind seit 2012 um mehr als die Hälfte gestiegen. «Die Velofahrenden prägen das Stadtbild zunehmend», schreibt Rangosch, «und einige von ihnen sind sehr aktiv und gut organisiert. Die Velofahrer*innen fordern zurecht einen Ausbau des Velonetzes. Auch die Forderung nach durchgehenden Routen, auf denen das Velo zügig und sicher vorankommt, teile ich. Wenn die Anliegen der Velofahrenden über alle anderen Bedürfnisse gestellt werden sollen, hört aber mein Verständnis auf.»

Nun denn – ein Versprechen, aber auch eine Ermahnung, Rangoschs Worte sind deutlich. Und diplomatisch: Wenn sie mit ihrem privaten Velo oder dem «Dienst-E-Bike» unterwegs sei, falle ihr persönlich immer wieder die Rücksichtnahme vieler Automobilist*innen auf. Sie wünsche sich denn auch für Zürich ein «entspanntes Verkehrsklima des Miteinanders, das geprägt ist von Toleranz, gegenseitigem Verständnis und Rücksichtnahme». Und mehr Tempo 30 wünscht sie sich auch: «Das ist ein Schlüssel, um mehr Gestaltungsfreiheit im Strassenraum zu haben.» Tempo 30 erhöhe die Aufenthaltsqualität, den Schutz vor Lärm und die Verkehrssicherheit. So mache, schliesst Rangosch, Velofahren noch mehr Spass.

4,5 Ansichten
Porträts von diesen Zürcher Velo-Menschen erscheinen hier in der Rubrik «Mobilität» auf Tsüri.ch:

1. Der Velosassa: Lukas Bühler – Bond
2. Die Tiefbaudirektorin: Simone Rangosch
3. Die Kurierin: Julia Szreniawa
4. Die Lobbyistin: Yvonne Ehrensberger – Pro Velo Kanton Zürich


Eigentlich wäre noch ein weiteres Porträts geplant gewesen. Auch Polizist*innen haben viel mit Fahrrädern zu tun: Als Velopolizist*innen fahren sie selber auf zwei Rädern, die Streife kontrolliert säumige Velofahrer*innen an den Ampeln, als Verkehrspolizist*innen nehmen sie Kindern die im fünften Primarschuljahr obligatorische Veloprüfung ab, und als Teil des Dialogteams vermitteln sie zwischen dem Rest der Polizei und den Critical-Mass-Fahrer*innen. Gerne hätten wir eine dieser Stimmen hier vertreten gewusst, doch die Polizei hat innert Wochenfrist «leider keine Person gefunden».

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