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Mit dem Velo durch Zürich: 4,5 Ansichten

Was beschäftigt Zürcher*innen, die mit Velos zu tun haben, mal abgesehen vom politischen Seilziehen? Wir haben mit vier Menschen über ihre Velogeschichte, ihre Lieblingsstrecke und ihre Wünsche für Zürich gesprochen. Heute: Julia Szreniawa.
23. Juni 2020
Journalistin

3. Die Kurierin

Julia Szreniawa kommt, alles andere würde überraschen, mit dem Fahrrad in ein Café im Kreis Fünf, etwas ausser Atem, gerade sei ihr beim Escherwyss-Platz ein Tram nur knapp vor der Nase durchgefahren. Wenig später wird gerade vor dem Café ein Tram wegen eines etwas zu gemächlichen Fahrradfahrers aufdringlich hupen. Velos und der übrige Stadtverkehr – eine Liebe ist das nicht. «Jede und jeder hat eine Unfallgeschichte», sagt Szreniawa. Sie selber sei bereits zwei Mal von einem Auto angefahren worden, beide Male sei der Zusammenstoss nicht ihre Schuld gewesen, beide Male sei sie mit Schürfungen davongekommen. Ob alles gut geht, scheint in Zürich eine Frage von Glück zu sein. «Auch wenn du dich an die Regeln hältst, kann Velofahren tödlich enden».

Die SUVA hat als grösste Gefahrenquelle für Velofahrer*innen «Details im Strassenbau» ausgemacht, gemeint sind Trottoirs, Randsteine, Risse im Boden. Auf dem zweiten Platz folgen Autos und Lastwagen – in rund 3400 Velounfälle pro Jahr (schweizweit) sind motorisierte Fahrzeuge involviert.

Szreniawa wächst in Gossau auf, ein Auto besitzt die Familie nicht, zum Skilift im Dorf fahren die Szreniawas mit Fahrrädern und Anhängern. «So cool fand ich das damals nicht», sagt Szreniawa. Vor ungefähr sieben Jahren zieht sie nach Zürich, doch vor dem Velofahren graust ihr noch, «zu gefährlich», bis ihr Freund ein verwaistes Velo findet und es ihr schenkt. «Das war mein erstes Zürivelo», sagt Szreniawa. Sie besitzt es noch immer, hat es zum Tourenvelo umgemodelt und ist damit vor zwei Jahren nach Polen gefahren. «Da hat’s mir den Ärmel reingezogen». Fortan traut sie sich mehr zu, auch ein Kurierinnenjob, von dem sie zunächst dachte, wäre nicht machbar. Seit zwei Jahren arbeitet sie 50 Prozent als Kurierin bei FWG (Freddy Wieser Gastro), das Velo ist Job geworden, aber auch Hobby geblieben. Velofreie Tage kennt Szreniawa praktisch nicht. «Obwohl – die letzten drei Tage hatte ich Füdlipause.»

Die Identifikation als Velokurierin ist gross, im Team spüre sie einen starken Zusammenhalt. Neben dem Fahren selber sei das Route-Finden das Schöne am Kurieren, «wie ein Orientierungslauf». Sie kenne die Stadt wie ihre Hosentasche, und auf dem Fahrrad erlebe sie sie anders als sonst. Ihre Lieblingsstrecke? «Die, die kein Rotlicht hat», Szreniawa lacht und überlegt. «Meine Lieblingsstrecke wechselt. Lange war die Albisriederstrasse meine Lieblingsstrecke, aber seit dem Unfall beim Hubertus habe ich ein flaues Gefühl, wenn ich da durchfahre. Vielleicht die Sihlfeldstrasse, vom Bullingerplatz zur Kalkbreite? Die ist toll: Sie wirkt wie eine Abkürzung, weil sie schräg durch das Quartier geht, ist eine 30-er-Zone mit wenig Verkehr und gutem Teer.» Was Szreniawa besorgt, ist die Zunahme von Velofahrer*innen, die nicht profimässig unterwegs sind, die vielleicht nur ab und zu Velofahren und den Verkehr schlechter einschätzen können.

Was sie sich wünsche, als Velofahrerin für Zürich? «Es muss endlich ein Umdenken stattfinden. Ich wünsche mir, dass die Sicherheit aktiv gefördert wird, nicht nur technische Fortschritte wie E-Bikes vorangetrieben werden. Und es wäre schön, wenn der Kampf für bessere Velowege nicht nur ein linker wäre. Eigentlich ist das ja im Interesse aller.» Dann muss Szreniawa wieder los, den sonnigen Nachmittag verbringt sie im Büro, mit Aufträgen jonglieren, Fahrer*innen organisieren.

4,5 Ansichten
Porträts von diesen Zürcher Velo-Menschen erscheinen hier in der Rubrik «Mobilität» auf Tsüri.ch:

1. Der Velosassa: Lukas Bühler – Bond
2. Die Tiefbaudirektorin: Simone Rangosch
3. Die Kurierin: Julia Szreniawa
4. Die Lobbyistin: Yvonne Ehrensberger – Pro Velo Kanton Zürich


Eigentlich wäre noch ein weiteres Porträts geplant gewesen. Auch Polizist*innen haben viel mit Fahrrädern zu tun: Als Velopolizist*innen fahren sie selber auf zwei Rädern, die Streife kontrolliert säumige Velofahrer*innen an den Ampeln, als Verkehrspolizist*innen nehmen sie Kindern die im fünften Primarschuljahr obligatorische Veloprüfung ab, und als Teil des Dialogteams vermitteln sie zwischen dem Rest der Polizei und den Critical-Mass-Fahrer*innen. Gerne hätten wir eine dieser Stimmen hier vertreten gewusst, doch die Polizei hat innert Wochenfrist «leider keine Person gefunden».

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