Was zum Teufel ist los mit der ETH?

Tsüri.ch machte publik: Die ETH Zürich ermittelt gegen einen renommierten Architekturprofessor wegen sexueller Belästigung. Inzwischen ist ein Monat vergangen. Die Eidgenössische Technische Hochschule kann noch immer keine Fortschritte melden. Ein Kommentar von Simon Jacoby.
30. Juli 2018

Der Artikel mit dem Titel «Sexuelle Belästigung? ETH ermittelt gegen Professor» hat die einen überrascht; das waren jene, die nichts mit der Architekturszene zu tun haben. Die Anderen, die aus der Branche, atmeten auf: «Endlich ist es raus.» Alle wissen, wer der beschuldigte Professor ist. An der Hochschule gehören Kenntnisse von seinen Belästigungen quasi zum Allgemeinwissen. Die dritte Partei, die etwas mit dem Artikel zu tun hat, das ist die ETH. Und die sagt noch immer nichts Konkretes. Ist das die Krisenkommunikations-Strategie der angesehensten und vom Staat finanzierten Schweizer Hochschule? Kommunikations-Studierende lernen im ersten Semester: In Zeiten der Krise auf keinen Fall den Mund halten. Offensiv informieren muss die Devise sein. Wenn das Vertrauen weg ist, nützt es nichts, einfach zu schweigen. Ist die ETH zu unbeholfen? Zu arrogant? Oder wird sie vom Professor unter Druck gesetzt? Wir wissen es nicht. Seit einem Monat reagiert die Pressestelle auf jede Anfrage mit der gleichen Entschuldigung; im O-Ton: «Wir können nichts sagen, wir wollen erst alle Seiten anhören und erst dann entscheiden.»

«Endlich geschieht etwas!»

Das klingt fair, das würde ich auch so machen. Nur gibt es da ein Problem: Die Vorwürfe gegen den Professor sind echt happig. In den vergangenen Wochen erreichten uns zahlreiche neue Hinweise auf weitere Fälle von Belästigungen des gleichen Professors. Es sind Mitarbeitende und Studierende der ETH, die uns neue Geschichten liefern, oft mit einem Gefühl der Erleichterung, dass endlich etwas passiert.

Der Fachverein «Architektura» schreibt in einer Mail an die Studierenden, das Tsüri.ch vorliegt, dass die Vorstände des Ressorts Hochschulpolitik schon «seit längerem in das laufende Untersuchungsverfahren involviert» seien. Die Pressestelle dementiert das nicht, will aber auch nicht, dass von einem formellen «Untersuchungsverfahren» die Rede ist. Auf jeden Fall erhärtet sich mehr und mehr der Verdacht, dass es schon seit längerem konkrete Hinweise gibt. Auch Tsüri.ch hat seit Anfang Mai Kenntnis der Vorfälle.

Das Schweigen ist zynisch

Die Anzeichen, dass der Professor mehrere Studentinnen und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat, sind derart dicht und kommen von zahlreichen unabhängigen Quellen, sodass ein Abwarten der Hochschulleitung einfach nicht verhältnismässig ist.

Was, wenn alles stimmt? Und die Belästigten nun seit einem Monat immer noch mit dem Professor zusammenarbeiten müssen? Das darf einfach nicht sein. Das ist der ETH nicht würdig. Und falls, wie es ebenfalls ein Gerücht besagt, der Professor inzwischen beurlaubt wurde, müsste das die ETH sofort kommunizieren. In solchen Fällen keine Fortschritte vermelden zu können ist falsch und zynisch.

Darauf angesprochen bricht die Pressestelle das Schweigen um einen kleinen Millimeter: Der Professor sei inzwischen mit dem «Material» konfrontiert worden. «Wie jeder Angestellte jeder Institution des Bundes hat er Anspruch auf rechtliches Gehör. Das bedeutet, ihm wird eine Frist eingeräumt, indem er den Sachverhalt analysieren, Stellung nehmen und selber Material einreichen kann.» Er sei zwar noch nicht beurlaubt worden, weil dies einer Vorverurteilung gleich käme, allerdings habe die ETH dafür gesorgt, «dass in dieser Phase keine weiteren Konfliktsituationen entstehen.» Immerhin.

Was, wenn alles nicht stimmt? Wenn die Vorwürfe erstunken und erlogen sind? Dann hätte die ETH wohl sofort alles dementiert und die Stunk-Macherinnen gerügt...

Strukturen aus dem letzten Jahrhundert

Das Nicht-Kommunizieren (und allenfalls das Nicht-Handeln) kommt von oben herab. Dieses Aussitzen sei aber keine Strategie, sagt die Sprecherin. Sondern: «Die Hochschule kommuniziert erst dann, wenn sie alle Fakten geprüft und Beschlüsse getroffen hat. Es ist nicht Aufgabe der ETH, Gerüchte und Mutmassungen zu kommentieren.»

Es ist eine Hochschule, die vom Elfenbeinturm auf uns normale Menschen (und Studierende und Angestellte) schaut und zynisch lächelt: Was können die uns schon antun? Die ETH geniesst einen ausgezeichneten Ruf, Studierende und Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt kommen wegen ihr nach Zürich; sie ist ein Wahrzeichen. Die Strukturen der ETH und vergleichbarer Universitäten sind jedoch aus der Zeit gefallen. Der ganze Apparat ist massiv hierarchisch, mit vielen Abhängigkeitsverhältnissen und Professor*innen, die in einem quasi unkündbaren Arbeitsverhältnis stehen, was für die Unabhängigkeit der Forschung zwar löblich ist, aber auch die Verführungskraft des Machtmissbrauchs stärkt. Eine hierarchische Struktur mit zementierten Machtverhältnissen kennen wir aus dem 20. Jahrhundert. Und damals waren sie schon gefährlich. Langsam beginnt alles zu wackeln.

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