«Die Frau ist nicht für Dauer-Sex geschaffen»

Ist Prostitution und Gleichberechtigung vereinbar? Die Anwältin Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich, fordert dazu auf, die Legalität der Prostitution in der Schweiz zu überdenken.
21. Juli 2018

«Sweden vs Switzerland» ein Duell der anderen Art. In einem von der Frauenzentrale Zürich veröffentlichten Video erklären die Schweden, weshalb sie nicht mit der Schweiz verwechselt werden wollen. Ihr Fazit: Die Schweiz hinke im Bereich der Frauenrechte weit hinter Schweden her, egal ob es sich um Frauenstimmrecht, Mutterschaftsurlaub oder Prostitution handle. Letztere ist in Schweden seit 20 Jahren verboten.

Frauenzentrale Zürich fordert dieses Verbot nun auch für die Schweiz. Selbstbestimmung sei zwar gut, aber es gäbe auch Grenzen. Die Prositution überschreitet diese Grenze. «My Body, my Choice!» Ja bitte, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Das Verbot würde auf einem schmalen Grad zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung balancieren. Andrea Gisler von der Frauenzentrale ist trotzdem davon überzeugt, dass auch Feministinnen das Verbot unterstützen müssen. Redaktorin Lydia Lippuner hat Gisler zu einem Gespräch getroffen, bei welchem oftmals klare Antworten ausblieben, trotz oder gerade wegen den kritischen Fragen. Die Thematik ist wohl doch nicht so einfach verhandelbar. Aber lest selbst.

Welche Rückmeldungen erhielten Sie in den letzten Tagen zu ihrem Video?

Der Kurzfilm wurde auf unserer facebook-Seite über 400’000-mal geteilt und erreichte über eine halbe Million Leute. Es gab einige, die sich angegriffen fühlen. Manche waren verletzt in ihrem Nationalstolz. Wie man so sagt: Der Hund bellt, wenn man ihm auf den Schwanz tritt. Andere waren froh, dass sich endlich jemand kritisch zum Geschäft mit der «Ware Frau» äussert. Erschreckend war für mich besonders, dass Leute, die eine andere Meinung haben, in den Sozialen Medien, sofort als dumm und unwissend hingestellt werden.

Prostitution ist in der Schweiz als wirtschaftliche Tätigkeit anerkannt. Sexarbeiter*innen sowie Bordellbetreiber*innen brauchen eine Bewilligung. In Schweden wird dieses System als hinterwäldlerisch angeschaut. Woher kommt das?

Die Schweiz sieht sich als aufgeschlossen und weltoffen. Doch wenn es um Gleichstellung geht, sind wir nicht vorne dabei. Das sieht man bereits in der Geschichte und jetzt auch in der Haltung gegenüber der Prostitution.

Ist das ganze eine moralische Debatte?

Nein, uns geht es nicht um Moral, sondern um die Menschenwürde. Das ist auch nicht ein Thema, das wir total aus der Luft griffen. Die Europäische Frauenlobby, Dachverband von über 2‘500 Frauenorganisationen in 30 Ländern, lancierte von ein paar Jahren die Kampagne «Für ein Europa ohne Prostitution».

Was fehlt der Schweiz konkret verglichen mit Schweden?

Ich staune, wie man sich in vielen Ländern, beispielsweise in Frankreich, intensiv mit dem Thema beschäftigte und Grundsatzdebatten führte, in der Schweiz nicht.

Warum nicht?

In der Schweiz brachten wir es zustande, das ganze Sexgewerbe hinter die Türe zu kehren. Frei nach dem Motto: Aus den Augen aus dem Sinn. Als der Strassenstrich am Sihlquai noch existierte und das sichtbare Elend das Stadtbild störte, zügelte man ihn in Verrichtungsboxen an den Stadtrand.

Andererseits ist das Sex-Gewerbe nun entkriminalisiert. Polizei, Sozialarbeiter und die SIP sind an den Brennpunkten. Ist es ihr Ziel das ganze Gewerbe wieder zu illegalisieren?

Der grösste Teil der Prostitution spielt sich im Dunkel-Bereich ab. Wir tun immer so, als ob bei uns alles in einem geschützten, kontrollierten Rahmen abläuft. Aber wer hat schon den Überblick über all die Etablissements. Schaut da irgendjemand genau hin?

Sozialarbeiter*innen und die Polizei schauen hin. Von ihnen wissen wir auch, dass beispielsweise die Gewalt in den Sexboxen in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist.

Vielleicht kommt es in den Verrichtungsboxen zu weniger Gewalt. Das ist aber nur ein kleiner Teil. In den Bordellen und Clubs, da schaut niemand hin. Die Polizei kontrolliert höchstens die Ausweise. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Frauen prüft niemand.

Was sollte sich in den kommenden Jahren im Schweizer Sex-Gewerbe ändern?

Ich denke, in der Schweiz wird sich in den kommenden Jahren nicht allzu viel ändern. Uns geht es um die Grundsatzdebatte, die endlich geführt werden muss. Der Fokus sollte sich auch weg von den Prostituierten hin zu den Freiern bewegen. Es geht darum zu diskutieren, ob Prostitution gegen die Menschenwürde verstösst, ob sie Gewalt bedeutet, was sie über das Geschlechterverhältnis aussagt und wie die Freier zur Verantwortung gezogen werden sollen.

Schweden erachtet die Prostitution als menschenunwürdig. Wie gehen sie dort mit Freiern und Prostituierten um?

Dem Sex-Gewerbe in Schweden wurde der Boden entzogen. Die Prostituierten wurden entkriminalisiert, die Freier wurden zur Verantwortung gezogen. Der wichtigste Punkt am schwedischen Modell ist nicht die Bestrafung der Freier, sondern die Haltung, dass Prostitution ein Verstoss gegen die Menschenwürde ist. Darüber hinaus gibt es in Schweden Ausstiegsprogramme und Hilfe für die Prostituierten, die Freier-Bestrafung steht nicht im Vordergrund. Es geht um ein Umdenken in der Gesellschaft. Die Strafe ist nebensächlich.

In der Schweiz gibt es jährlich 350'000 Freier. Wohin sollten diese im Falle eines Verbots hingehen?

Wir hatten noch nie so viele Freiheiten, man kann mehrere Partner oder Partnerinnen haben nebeneinander, nacheinander, wie man will. Und trotzdem hat die Prostitution eine solche grosse Bedeutung. Dies, weil hier Macht und Dominanz ausgelebt werden kann, von der Gesellschaft akzeptiert. Es gibt kein Menschenrecht auf Sexkauf. Bei einem Verbot würde ein Teil der Freier vermutlich nach Deutschland ausweichen.

Das Problem würde sich einfach verschieben.

Das warf man Schweden auch vor, doch die anderen Länder können ja nachziehen. Haben sie auch, zum Beispiel Frankreich, Norwegen, Irland, Island und Kanada.

Was bemängeln Sie an der Prostitution?

Prostitution nährt das Bild, dass man Frauen wie eine Ware kaufen kann. Zudem führt Prostitution zu massiven gesundheitlichen Schäden. Physische, da keine Frau für Dauer-Sex geschaffen ist. Aber auch psychische da Prostituierte oft Drogen, Alkohol oder Medikamente brauchen, um diesen Job zu ertragen. Zudem ist Prostitution der Nährboden für Menschenhandel. Die Menschenhändler gehen dorthin, wo es viel Geld hat und das Risiko für eine Verurteilung gering ist. Das ist nicht Schweden, sondern die Schweiz oder Deutschland.

Gibt es Zahlen zu diesen Aussagen?

Die «London School of Economics» machte eine Studie, die den Zusammenhang zwischen legalisierter Prostitution und Menschenhandel belegt. Sie kamen zum Ergebnis, dass mit der Legalisierung eine grössere Anzahl Menschenhandelsfälle angezeigt wurden.

Man könnte auch sagen, durch die Legalisierung der Prostitution wurden diese erst offensichtlich.

Wobei nur sehr wenige Prostituierte von Fachstellen erreicht werden. Es läuft viel im Verborgenen. Zudem hat die Schweiz, eine sehr kleine Zahl gemeldeter Menschenhandelsfälle. Gewisse Kantone weisen sogar überhaupt keine vor. Wenn man den Menschenhandel wirksam bekämpfen will, muss man auch bereit sein, genügend personelle Ressourcen zur Verfügung zu stellen, insbesondere bei der Polizei.

Schweden hat verglichen mit der Schweiz eine hohe Rate an Vergewaltigungen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Wenn man nur die nackten Zahlen nimmt, sieht man, dass in Schweden viele Frauen vergewaltigt werden. Doch dies hat damit zu tun, dass in Schweden vieles als Vergewaltigung gezählt wird, was bei uns noch unter dem Tatbestand Nötigung liefe. Schweden nimmt jede einzelne Vergewaltigung in die Statistik auf, in anderen Ländern wird bei Mehrfachvergewaltigungen nur ein Fall gezählt. Zudem hat Schweden Kampagnen lanciert, damit die Frauen nach einem sexuellen Übergriff Strafanzeige erstatten. In der Schweiz ist diese Dunkelziffer nach wie vor hoch.

Widerspricht der feministische Grundsatz: «My body my choice» nicht einem Prostitutionsverbot?

Die eine Ebene ist die individuelle Ebene. Bei dieser sagt man, jede*r darf selbst entscheiden. Doch es gibt Grenzen. Beispielsweise ist es nicht erlaubt, mit den eigenen Organen zu handeln, auch wenn diese zum eigenen Körper gehören. Das andere ist die gesellschaftliche Ebene. Kann es sein, dass wir Gleichberechtigung propagieren und gleichzeitig zulassen, dass Frauen wie ein Konsumgut gekauft werden?

Untergräbt ihr Vorstoss nicht die Erwerbsgrundlage der Frauen?

Von den Schweizerinnen im Sexgewerbe denke ich nicht, dass es welche gibt, die keine andere Wahl haben, als dass sie sich prostituieren müssen, um finanziell durchzukommen. Bei den Ausländerinnen ist es anders, da gibt es viele, die effektiv nichts haben. Doch wenn man sagt, sie verdienen wenigstens noch etwas, reden die Tatsache schön, dass sie Opfer sind. Das ist ein super Schutz für die Täter. So sind die Freier fein raus.

Gibt es in ihren Augen keine Prostitution die nicht auch Ausbeutung ist?

Ich finde es zynisch. Niemand würde seiner Tochter oder Schwester empfehlen, sich zu prostituieren. Doch sobald es Migrantinnen sind, sagt man,das sei eine Hilfe für sie und ihre Familie im Ausland. Mit den Kosten des Strichplatzes könnte man in den Heimatländern der Prostituierten Projekte machen, die den Frauen nützen. Man müsste den Frauen hier eine andere Perspektive geben.

Es gibt auch die Prostituierten, die sich entscheiden mit diesem Beruf Geld zu verdienen. Sie wirken, zumindest im ersten Moment, nicht als ob sie wider Willen ihre Körper anböten.

Das Argument der Studentin, die sich mit Escort ein wenig Zusatzgeld verdient, kommt immer wieder. Doch das ist nur ein Mini-Teil der Prostituierten. Der überwiegende Teil sind andere Menschen, junge Frauen aus den Armutsgegenden Europas, die oft schon als Kind Gewalt erlebt haben. Auch das Argument: «Behinderte müssen auch Zugang zu Sex haben», sehe ich eher als Vorwand, den Status Quo weiter aufrecht zu erhalten. Der Status Quo ist momentan ein Milliarden-Business. Und in diesem Business sind die Prostituierten wahrlich nicht die grossen Gewinner. Und die Gewinner haben kein Interesse daran, dass sich an der jetzigen Situation etwas ändert.

Was ist das Ziel ihrer Debatte?

Wir möchten die Debatte anstossen und weiterführen. Häufig kommen die gleichen Sätze, beispielsweise, es ist das älteste Gewerbe, das stimmt nicht. Nie werden solche Sätzehinterfragt. Natürlich wäre zum aktuellen Zeitpunkt eine Abstimmung, um die Prostitution zu stoppen, noch nicht mehrheitsfähig. Doch mit einer sachlichen Debatte wollen wir zum Umdenken anregen: dann ist das Ziel erreicht. Als Rückmeldung zum Film erhielt ich auch ein Mail einer rumänischen Prostituierten, diese sagte, Zürich sei ein Nightmare gewesen. Der Film habe ihr gezeigt, dass sie nicht alleine sei. Das war ermutigend.

Meist werden als Argument gegen die Prostitution verstörende Freier-Beispiele angewendet. Männer, die im Alltag wohl kaum auffallen, doch ebenfalls ins Puff gehen fühlen sich von solchen Beispielen angekratzt. Picken sie extra seltene Fälle heraus?

Ich weiss nicht ob es wirklich seltene Fälle sind. Die Frage ist, was ist das für ein Mann, der in ein Puff geht. In den meisten Fällen muss man davon ausgehen, dass die Frau im Bordell ihre Arbeit nicht freiwillig macht, möglicherweise sogar unter Zwang. Klar, kommen die Männer aus verschiedenen sozialen Schichten, doch sie verdrängen alle gleichermassen, dass die Frauen wohl kaum Freude an ihrer Arbeit haben.Die Freier-Foren sind an Frauenverachtung kaum zu überbieten.

Sie reden oft von Tätern und Opfern. Einige Prostituierte wollen sich aber überhaupt nicht als Opfer sehen.

Wer sagt das?

Beispielsweise eine Frau, die schon seit 5 Jahren in der Prostitution arbeitet.

An der Medienkonferenz sagte eine Aussteigerin, dass keine Prostituierte jemals sagen würde, dass sie ein Opfer sei. Das gehört zur Überlebensstrategie. Wir wollen kein Opferkult betreiben. Doch wenn man in diesem Fall verneint, dass es Opfer gibt, sind die Täter fein raus. So verbessert sich die Situation für die Frauen nicht.

Was würden sie Menschen sagen, die ihre Unabhängigkeit dazu benutzen wollen, sich zu prostituieren?

Ich unterstütze Wahlfreiheit unbedingt. Gleichzeitig muss man wissen, dass Entscheidungen auch Konsequenzen haben. Zudem hat auch die eigene Wahl Grenzen. Ich darf mich auch nicht freiwillig, der Menschenwürde entledigen.


Andrea Gisler ist Rechtsanwältin, ihren Schwerpunkt hat sie unter anderem auf dem Familienrecht, Erb- und Nachlassrecht sowie Arbeitsrecht.1998 öffnete sie mit ihrem ehemaligen Bürokollegen vom Bezirksgericht Hinwil eine eigene Anwaltskanzlei in Wetzikon. Als ehemalige Gemeinderätin von Gossau ist sie auch politisch gut vernetzt. Seit 2011 ist Gisler geschäftsführende Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale. Diese Organisation besteht seit 1914 und hat sich die Vertretung der Frauen im Bereich der Politik, Arbeitswelt und Gesellschaft auf die Fahne geschrieben.


In Schweden, Norwegen, Frankreich, Island und Irland wird Prostitution als Gewalt gegen Frauen verstanden und ist somit nicht legal. Dabei machen sich die Freier strafbar, nicht aber die Prostituierten. Am längsten gilt diese Regelung in Schweden: Seit 20 Jahren wird das Modell dort angewendet, deshalb trägt es auch den Namen "Schwedisches Modell".

In Albanien, Rumänien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien ist käuflicher Sex illegal. Trotzdem Freiern sowohl als auch Prostituierten eine Strafe droht, ist Prostitution weit sehr verbreitet.

In der Schweiz ist Sexarbeit seit 1942 legal. 75 Prozent der Prostituierten in der Schweiz sind Migrantinnen.Der grösste Teil des Gewerbes spielt sich hinter verschlossenen Türen (in Clubs, Bordellen und Privaten) oder im Internet ab. Strassensex macht noch neun Prozent des Gewerbes aus. Seit fünf Jahren zählen Sex-Arbeiterinnen auf dem Strassenstrich als selbstständig Erwerbende. Für die benötigte Arbeitsbewilligung müssen sie Volljährig sein, brauchen eine Aufenthaltsbewilligung und eine Krankenkassenversicherung. Wenn diese Arbeitsbewilligung fehlt, müssen sie eine Busse von 200-300 Franken zahlen.

Alle Bilder von Lydia Lippuner


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