Pizza-Review No. 3 – Das «Grottino» in Wiedikon

Die dritte Runde unseres Testessens führt uns in den Kreis 3, wo es der Meinung vieler Feinschmecker*innen nach die beste aller Pizzen gibt. An verschupfter Lage bei verschnupftem Wetter hoffe ich, dass im Ristorante Grottino doch noch die Sonne aufgeht. Also kulinarisch jetzt.
08. Juni 2018

Ihr habt abgestimmt: In diesen fünf Restaurants gibt es die besten Pizzas der Stadt. Die Tsüri.ch-Redaktion hat sich auf die Vespa geschwungen und in diesen Pizzerias das italienische Nationalgericht getestet. In der dritten Review besucht Mike Mateescu das viertplatzierte «Grottino».


Anders als das verborgene «Azzurro» liegt das «Grottino» an einer gut besuchten Verzweigung im Sihlfeld, neben Plüsch und Gitarren Total, wo sich 14er und 72er kreuzen. Dennoch kann man das Lokal ziemlich leicht übersehen, weil die hässliche Steinfassade Scheuklappen hervorruft. Wegen einer terminlichen Rochade in der Redaktion muss ich alleine essen gehen, und für sowas braucht’s in Zürich Mut. Also betrete ich das Lokal an einem Montagabend, Punkt sechs – vorher ist mir nicht nach Pizza. Ich bin der erste Gast und treffe den Maestro beim Dinieren an.

Je hässlicher die Pizzeria, desto göttlicher die Pizza?

Das Grottino besteht aus drei Bereichen. Jener hinter dem Haupteingang erinnert an die klassische Pizzeria: Steinofen, viel Holz, Goldtöne und gerahmter Kitsch an den Wänden. Daran grenzt ein rechteckiger Quasi-Anbau, der früher ein Durchgang zum Hinterhof war und zur Strasse hin mit einer Fensterfront versehen ist. Er führt in den Restaurantgarten, der wegen Nieselregen leider geschlossen ist. Die eine Wand des Durchgangs ist von weissen Schränken und Kommoden verstellt, die andere mit Meeresbildern geschmückt. Ich frage mich, was die Innendekorateur*innen wohl von Beruf waren, aber es hat sich ja auch noch niemand darüber beklagt, dass das «Rosso» in einer fucking Bruchbude untergebracht ist. Wir liessen über die beste Pizza abstimmen, nicht über die geschmackvollste Einrichtung.

Feine Belage an strenger Lage: Das Ristorante «Grottino»

Der Maestro speist in Ruhe zu Ende, bevor er meine Bestellung freundlich notiert. Mir ist nach Calzone, aber da ich fürs Rating knusprigen Rand brauche, entscheide ich mich fürs Modell Prosciutto e Funghi. Das bestelle ich oft und habe dadurch einen Vergleichswert. Dazu gibt’s einen Insalata Mista sowie einen Sanbitter und ein Glas Sherry. Nicht unbedingt meine übliche Wahl, doch ich möchte so viel Italianità wie möglich auf dem Tisch. Und ja, ich weiss, dass dieser Weisswein aus Spanien kommt. Ruhe jetzt, der Insalata ist da! Er wird in einer Schüssel serviert und besteht aus geraffelten Rüebli, Nüsslisalat, Endivie und Löwenzahn. Alles frisch, alles knackig. Die Sauce hat eine starke Essignote, aber einen rassigen Abgang. Hätt’ ich Brot, so würd’ ich’s dünklä. Wenigstens war der Salat mit einer Bruschetta garniert. Klein aber fein.

Das Schweigen der Schlemmer

Im Hintergrund spielt synthetischer Neunzigerjahre-Jazz-Pop. Meine Aussicht auf den Swisscom-Shop weckt ärgerliche Erinnerungen, aber gleich habe ich nur noch Augen für Pizza. Die ist oval und viel grösser als erwartet. Ich kann ihr zwar nicht viele Punkte für Kreativität geben, aber hier geht’s um Tradition, nicht Innovation. Die Champignons sind beissfest und perfekt in den cremigen Mozzarella gesunken. Der dünne Teig schmeichelt Zartgebäck-Fans wie Acrylamid-Junkies gleichermassen und der saftige und würzige Schinken ist ein Traum in Rosa. Ich ertappe mich mehrmals dabei, wie ich vor faaaiiin die Augen verdrehe. Mir, der vor lauter Reden nie zum Essen kommt, hat’s die Sprache verschlagen. Ich würde ja hinterher noch Dessert bestellen – der Review zuliebe – aber ich bin voll. Ich möchte zahlen und lasse mich vom Maestro zu einem Café überreden – den er sogar spendiert. Würde das Grottino von mehr Hipstern besucht, es hätte mindestens Platz 2 der Liste belegt.

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Pizza-Rating

(Alle Bilder von Mike Mateescu; Grafik von Laura Kaufmann)


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