Pizza-Review No. 4 – Ristorante Cucina im Kreis 5

Noch eine Pizza-Review? Ja, die zweitletzte. Passenderweise hat das Ristorante Cucina den zweiten Platz belegt auf unserem Grande Pizza-Voting. Auf der Webseite steht «’Die beste Pizza in Zürich!’ – So und ähnlich klingt es, wenn in Zürich die Restauranttester unterwegs sind. Überzeugen Sie sich selbst!». Und genau das hat Redaktorin Arjuna Brütsch versucht.
15. Juni 2018

Ihr habt abgestimmt: In diesen fünf Restaurants gibt es die besten Pizzas der Stadt. Die Tsüri.ch-Redaktion hat sich auf die Vespa geschwungen und in diesen Pizzerias das italienische Nationalgericht getestet. In der vierten Review besucht Arjuna Brütsch das zweitplatzierte «Cucina».


Ich rufe an, um einen Tisch zu reservieren. Begrüsst werde ich auf italienisch: «Buongiorno, Ristorante Cucina, pronto». Mein «Grüezi, ich würd gern en Tisch für hüt Abe reserviere» wird entgegnet mit einem fragenden «Buongiorno? Ristorante Cucina, pronto?». Bizli langsamer verstehen wir uns dann doch. Däumchen hoch für die Italianità.

Der grosse Abend ist da: Im Aussenbereich sitzen ein paar Tweens, meine Begleitung sitzt schon drinnen. Ein paar Treppenstufen hinauf und statt dem erwarteten Langstrassen-Chic werde ich fast erschlagen von einem bünzligen Italianità-Abklatsch. Als Mensch, der in Italien aufgewachsen ist, erlaube ich mir diese Kritik: Die weissen Stofftischdecken sind makellos gebügelt, die Einbau-LED-Deckenlichter zu hell und die Stühle sehen viel zu gemütlich aus. Ihre Rückseiten sind mit dem Namen des Lokals geprägt, sehr fancy. In Italien darf schon von gediegen gesprochen werden, wenn es keine Plastik-Gartenstühle sind und ähnliche vier Exemplare um einem Tisch stehen.
Und sowieso fühle ich mich fehl am Platz: Zusammen mit der jungen Italienerin im Service senken wir mit unserer Anwesenheit schlagartig den Altersdurchschnitt um zehn Jahre.

Die gemütlich gepolsterten Stühle sind farblich auf den Rest des Interieurs abgestimmt.

Italienisches Wetter und schlechte Wortwitze

Kaum sitze ich, spüre ich die brütende Hitze aus dem Süden Italiens und kann mich gar nicht aufs Menu konzentrieren. Meine Beine kleben am Kleid und das Kleid am Kunstleder des Stuhls. Meine Begleitung sitzt währenddessen am Fenster und hält den Kopf in eine leichte mediterrane Brise der Klimaanlage.
Sobald ich die Karte aufschlage, lacht mir ein kleines Gedicht entgegen: «Roses are red, pizza sauce is too. I ordered a large one and none of it is for you». Haha. Aha. Ein Pluspunkt für Kreativität (naja), einen Punkt Abzug für die Italianità. Weiss doch jede*r, dass in Italien kein gutes Englisch gesprochen wird.

Es gibt knappe vier Seiten voll Pizzen mit mehr oder minder klassischen Kombinationen, sogar glutenfreie Pizza kann bestellt werden – für einen happigen Aufpreis von 5 Franken. Zwischen den Getränken und der Fleisch-Herkunftsdeklaration finden wir nochmals ein Zitat von einem Menschen, der schon lange tot ist, und zwar von Augustinus von Hippo, geboren 354, gestorben 430. Ein Mann, so gross wie ein Nilpferd, weil er so gerne Pizza ass. Nun ja, nur eine «Hippothese», gegoogelt haben wir nicht.

Der*die Autor*in dieses Menüs scheint ein Witzbold zu sein und hat die Tüte Rechtschreibung vergessen. Wennmann. Sehr classy.
Sitting, waiting, wishing

Gut, wir bestellen mit Gluten. Einmal Pizza Italia für stolze 28.50 mit Büffelmozzarella, Rucola und Cherrytomaten, bei der ich das Trüffelöl auf der Karte übersah und die Hauspizza Cucina für beeindruckende 29.90 mit Trüffelcrème, Steinpilzen, Büffelmozzarella, San Daniele Rohschinken und Trüffelöl. «Sì, sì certo – zum Trinken?» Eine grosse (!) Flasche Mineral und auf Empfehlung trinken wir je ein Gläsli Weisswein aus Umbrien mit unaussprechlichem Namen und fruchtigen Ananas-Noten. Wirklich, Signore, keinen Chianti? Ja, ja, schon gut, einfach bitte keine Ananas auf der Pizza, das mag ich nicht.

Geduldig warten wir und widmen uns dem Wein und der 0,5 Liter «grossen» Mineralflasche. Im Hintergrund erklingt immer wieder die eine oder andere italienische Stimme und verabschiedet sich von Gästen – «Ciao, Grazie! Buonasera!» – ansonsten ist es ruhig. Das Restaurant ist unter der Woche nicht sehr voll und es läuft keine Musik.
Nach 30 Minuten fangen wir an zu philosophieren, ob es eine echte Holzofenpizza sei, weil es nicht nach Rauch riecht (ja, ist es) und ob Pizza im Restaurant gleich lange gebacken wird wie daheim, denn langsam haben wir Hunger.
Die Pizza kommt erst zehn Minuten später, stattdessen bekommen wir eine kleine Schale Oliven serviert.

Rohschinken – Trüffel 1:0

Endlich! Hier ist sie, die gute Pizza!
«Wollt ihr Peperoncino?» Ja, gerne. Gut sieht die Pizza aus, etwas ungewohnter sieht die grüne Chili-Öl Mischung vor unserer Nase aus, die im übrigen tatsächlich scharf ist. Mozzarella gibt es hier doppelt gemoppelt – einmal geschmolzen, einmal frisch oben drauf gelegt.

Überraschenderweise ist auf der Pizza Cucina keine Tomatensauce und nicht rot wie Rosen – und das Chilli-Öl auch nicht.

Mozzarella di Bufala Campana sollte bei unserem Rating eigentlich am besten abschneiden, schliesslich ist dieser besonders cremig und weich. Nachdem wir unseren ersten Biss von der ovalen Göttlichkeit auf dem Holzbrättli gekostet haben, sind wir uns einig: So hoch im Olymp ist diese Pizza doch nicht anzusiedeln.
Der Mozzarella, egal in welcher Form, zieht weder Fäden bis zur Decke noch ist er besonders cremig. Die Kruste ist an manchen Stellen schon etwas sehr dunkel, dafür aber auch sehr knusprig. Die Betonung liegt hierbei auf manchen Stellen, denn beim ersten Biss zergeht mir die Kruste im Mund, was ich persönlich noch viel geiler finde. Mhm. Sehr geil. Wegen der Inkonsequenz gibt es für die Knusprigkeit trotzdem einen Punkt Abzug, was aber nicht bedeuten soll, dass es nicht nice war.

Während ich einigermassen gesittet meine Pizza Stück für Stück schneide und versuche, sie mit Messer und Gabel in meinen Mund zu befördern, kämpft meine Begleitung mit der ihren. Der Rohschinken häuft sich auf der Pizza, Steinpilze hat es auf der ganzen Fläche verteilt – etwa fünf schwammige kleine Exemplare – und der Trüffelgeruch wandert in Duftschwaden durch das ganze Restaurant. «Der Schinken ist so salzig, dass ich den Trüffel gar nicht mehr schmecke», meint sie. «Und schau mal wie fettig der Rohschinken ist!» Ich schaue. Sogar ich, die Nicht-Fleisch-Essende Spezies, erkenne, dass da etwas nicht ganz stimmt. Ein Seufzer später schiebt sie den Belag zur Seite und nimmt die abgespeckte Variante in Angriff: Pizzaboden mit Trüffelcrème und Mozzarella. So schmeckt es tatsächlich ganz gut.

Der Rohschinken war ein bizli fettiger als gewohnt.

10 Stutz sparen

Schrecklich war die Pizza nicht, denn wir haben brav aufgegessen – zumindest bis auf den Rohschinken. Wir warten weitere 15 Minuten. Abgeräumt wird erst, als wir demonstrativ damit beginnen, Dinge auf den Nebentisch zu stapeln. Pappsatt bestellen wir für die Review noch Dessert und teilen ein Blutorangen-Sorbet, denn Tiramisù würde uns Tiramigiù, und Pannacotta hätte beim besten Willen keinen Platz mehr. Das bittersüsse Kalt macht ein bisschen Platz im Bauch und verdaut die Pizza, so wie Glacé das auch soll.
«Ciao, grazie, buona serata!» Wir verlassen das Cucina mässig befriedigt und die Pizza liegt trotz Sorbet die ganze Nacht schwer in den Mägen. Nicht weil sie etwa schlecht war, eher «wills eifach z’viel Teig gsi isch ufs mal».

Sind wir jemals wieder im Cucina anzutreffen? Mein inneres Gewohnheitstier wird sich eher nach der Avanti-Pizza und den Santa Lucia-Ravioli sehnen. Das zweitbeste Pizza-Erlebnis hat meinen inneren Schweinehund nicht beeindruckt.
Wenn es das letzte Italo-Zürcher Restaurant sein sollte – klar! Oder falls ich mal verkorksten, durchschnittlich bünzligen Besuch haben sollte. Sowieso; bei der zweitbesten Pizza der Stadt darf man auch mal ein Auge zudrücken – sie darf auch ein bisschen mittelmässig sein. An eine zweitplatzierte Pizza werden keine hohen Ansprüche gestellt, wie bei der WM ist die Silbermedaille bald wieder vergessen. Nicht zuletzt heisst es ja auch «Second place is the first loser».
Bei einem nächstes Mal würden wir jedenfalls die Pizza Margherita bestellen, je 10 Stutz sparen und den Trüffelgeruch von fremden Pizzen am Nebentisch geniessen.

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Pizza-Rating!

(Alle Bilder von Arjuna Brütsch; Grafik von Laura Kaufmann)


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