Pizza-Review No. 5 – SO Pizza, so gut?

Gemäss dem Voting der Tsüri.ch-Community ist das «SO Pizza» die beste Pizzeria Zürichs. Im Bekanntenkreis wird der Laden geliebt oder gehasst. Ich verstehe beide Seiten. Und beim nächsten Besuch ziehe ich ein Kleid statt einer Hose an.
22. Juni 2018

Ihr habt abgestimmt: In diesen fünf Restaurants gibt es die besten Pizzas der Stadt. Die Tsüri.ch-Redaktion hat sich auf die Vespa geschwungen und in diesen Pizzerias das italienische Nationalgericht getestet. In der fünften Review besucht Laura Kaufmann das den Sieger des Votings: «SO Pizza».


Alle Bilder von Laura Kaufmann.

Bis vor kurzem dachte ich, das Schild «SO offen» an der Ecke Langstrasse/Kanzleistrasse stehe für «Sonntags geöffnet». Nun weiss ich, dass es zum Restaurant «SO Pizza» gehört. Das Konzept des «SO» ist simpel. Es gibt Pizza mit Salat à la discrétion. Wer plant, sich hier kostengünstig den Bauch vollzuschlagen, wird enttäuscht werden. Wer jedoch möglichst viele verschiedene Pizze probieren und dabei mit Freund*innen oder einem Tinder-Date einen lustigen Abend verbringen möchte, ist hier an der richtigen Adresse.

Das Restaurant «SO Pizza» an der Langstrasse – Das «SO» steht nicht für «Sonntags geöffnet»

Italia non c’é, Italia dov’é?

Beim Betreten des «SO» wird schnell klar, Italianità ist hier abgesehen vom Pizzaofen, dem Pizzaiolo und dem Chianti keine vorhanden. Das ganze Interieur ist in modernem Türkis gehalten. Von der Decke hängen stylische Designerlampen. Das Personal ist jung und gutaussehend. Die Stühle sehen aus wie Holzstühle, sind aber aus Metall. Die Tische sind mit türkis karierten Plastiktischtüchern bedeckt. Auf jedem Teller liegt eine pinke Speise- und Getränkekarte, deren Papier immerhin an die legendäre italienische Sportzeitung «Gazzetta dello Sport» erinnert.

Mehr als 90% der Karte besteht aus Getränken. Zum Essen gibt es nur «Pizza und Salat» (am Mittag 19.- CHF / am Abend 29.- CHF). Des Weiteren sind mit Tiramisù und Pizza Nutella zwei Desserts im Angebot. Das «SO» zelebriert die Einfachheit.

Italianità sieht anders aus – aber hauptsache es schmeckt.

Mein Gegenüber greift immer wieder ins Bastkörbchen, schnappt sich ein Stück warmes Weissbrot und beobachtet durchs Fenster die Menschen auf dem gegenüberliegenden Kanzleiareal beim Boccia-Spiel. Ich studiere derweil die riesige Getränkekarte. Nach langem Überlegen entscheide ich mich für einen «Franciacorta brut» als Apéro. Die italienische Variante des Champagners liegt mit 14 Franken preislich doch an der oberen Grenze. Doch was für ein Geschmack! Der Franciacorta hat soeben einen neuen Fan gewonnen. Im Durchschnitt kostet ein Glas Wein hier zwischen 6.50 Franken und 8.50 Franken, bei den Flaschen kann es auch ein bisschen mehr sein, dafür ist das Hahnenwasser dazu dann kostenlos. Mein Gegenüber gibt sich mit einem Turbinenbräu-Bier für bescheidene 5 Franken zufrieden.

Her mit den Slices!

Dem Essen à la discrétion haftet ein eher zweifelhafter Ruhm an: Die Qualität stimme nicht, wenn die Quantität im Vordergrund steht. Die Besitzer von «SO Pizza» wollten zeigen, dass es auch anders geht. Schauen wir, ob es ihnen gelungen ist. Die Bedienung bringt eine grosse Schüssel mit gemischtem Salat. Geschöpft wird wie zuhause selbst. Der Salat ist bunt und enthält verschiedene Gemüsesorten. Der Salat sei das beste, hiess es im Vorfeld. In Sachen Qualität und Kreativität steht er den Pizze jedenfalls in nichts nach. Wer möchte, kann sogar eine Portion nachbestellen.

Ein junger Mann kommt strahlend mit der ersten Pizza vorbei: «Thun, Parmesan, frische Tomaten und Rucola. Laktosefrei. Wer möchte?» Das erste Stück schlingen wir hinunter. Auf die Pizzastücke müsse ewig gewartet werden, wurde uns gesagt. An diesem Samstagabend ist dem nicht so. Das Lokal ist nur spärlich gefüllt, denn draussen ist es warm und das Restaurant besitzt keine Aussenplätze. Inzwischen wurde eine Bewilligung erteilt und ab Juli werden draussen einige Tische stehen. Direkt an der lärmigen Langstrasse zu essen, ist nicht mein Ding. Darüber wundere ich mich jeweils schon bei der Kundschaft des Celia. Aber jedem*jeder das seine*ihre.

«Aubergine, Mozzarella, Basilikum! Wem darf ich ein Stück geben?» Wir stürzen uns aufs zweite Stück. Der Rand ist schön schmal und knusprig, der Boden dünn wie bei einem Flammkuchen. Im Hintergrund läuft Hip Hop. Wir wippen zu Kendrick. «Eine weisse Pizza! Basilikum, getrocknete Tomaten, Mozzarella. Gerne ein Stück?» Sie entspricht nicht meinem Geschmack, dafür habe ich gelernt, dass eine Pizza ohne Tomatensauce weisse Pizza genannt wird. «Nochmals einen Franciacorta?» – Getränke werden hier aktiv verkauft. Die Tische im «SO» stehen eher weit auseinander. Private Gespräche können hier in Ruhe geführt werden. Der Ort bietet sich somit auch für ein Date oder ein Business Meeting an. Persönlich hasse ich nichts mehr, als im Restaurant Ellbogen an Ellbogen mit fremden Tischnachbarn zu sitzen.

Die Tische stehen angenehm weit auseinander. Da können sich andere Pizzerias ein Pizzastück davon abschneiden.

Während ich die nächste Ecke meines Pizzastückes abschneide, steht schon wieder jemand am Tisch. «Porcetta, Basilikum Mozzarella», wird die nächste Pizza angekündigt. Ich frage nach, was Porcetta sei. «Well, a kind of Speck», antwortet die Bedienung auf Denglisch und ich muss mir ein Lachen verklemmen. Die weiteren Pizze sind mit Champignons, Prosciutto, Scamorza, Rucola, Mozzarella di Buffala, Cherry Tomaten, Mascarpone, Oliven, scharfer Salami, Ricotta, Spinat, Ei, Brie oder Mortadella belegt. An Kreativität mangelt es definitiv nicht. Nach Pizzastück Nummer Sechs werfe ich das Handtuch beziehungsweise die Serviette und bestelle nochmals ein bisschen Salat nach. Meine Begleitung hält bis Nummer Neun durch. Durchschnittlich essen die Besucher*innen etwas mehr als eine ganze Pizza, die aus acht Stücken besteht.

Auswahl hat ihren Preis

Zum Dessert gönnen wir uns das Tiramisù, denn Pizza Nutella klingt uns dann doch zu abenteuerlich. Dazu gibt’s ganz italienisch due Espressi. Beim letzten Löffel Tiramisù muss ich den obersten Knopf meiner Hose öffnen. Nächstes Mal ziehe ich ein Kleid an. Hungern muss hier wirklich niemand.

Am Ende erhalten wir eine Rechnung über 118.50 Franken für zwei Personen. Dieser Preis ist in Zürich für ein Essen mit alkoholischen Getränken gerechtfertigt, bewegt sich aber doch im mittleren Preissegment. Als wir die Rechnung und die Getränkekarte vergleichen, kommen wir zum Schluss, dass es günstiger gewesen wäre, eine ganze Flasche Wein oder einen Pitcher Bier zu bestellen. Beim späteren Besuch in der zweiten Filiale von «SO Pizza» am Limmatquai fällt auf, dass die Besitzer grossen Wert legen auf qualitativ hochwertige Getränke, aus Überzeugung, aber auch, weil mit ihnen Umsatz generiert werden kann.

Etwas mehr «Betüttelung» bitte

Das «SO» eignet sich wohl am besten für einen lustigen Abend mit Freund*innen. Alle können in ihrem eigenen Tempo essen und die Weinflaschen oder Pitcher können geteilt werden. Der Service ist zurückhaltend, was in diesem Fall ganz praktisch sein kann. Für meinen Geschmack hätte uns das Personal aber noch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken können und den einen oder anderen lustigen Spruch machen dürfen. An traditionellen, italienischen Restaurants liebte ich den älteren Kellner mit Schnauz, der von seiner Lieblingspizza schwärmt, den Bambini über den Kopf streicht und einem gestikulierend ein Gelato zum Dessert aufschwatzt. Das muss es ja nicht sein, aber die Leute im Service wirkten auf mich ein bisschen, als würden sie mit angezogener Handbremse auftreten, um ja nicht zu viel zu interagieren.

Die «SO»-Pizzaschachtel – Stylisch bis zum Schluss

Im anschliessenden Gespräch mit Iven, einem der Besitzer, stellt sich heraus, dass er und sein Bruder ein einfaches Restaurant schaffen wollten, dessen Konzept auch auf andere Filialen übertragen werden kann. Food Waste zu vermeiden und mit lokalen Lieferant*innen zusammenzuarbeiten, sei ihnen wichtig. Die Leute sollen sich wohlfühlen, doch gleichzeitig wegen dem Essen kommen, nicht wegen des Personals. Das finde ich schade, denn als ich eine Woche später eine Take Away Pizza hole, begrüsst mich Iven schon am Eingang mit Vornamen und Giorgio der Pizzaiolo winkt mir zu.

Das «SO» ist eine gute und etwas günstigere Alternative zu den Bindella Restaurants. Essen und Getränke sind top. Das Klischee des schlechten à la Discrétion Essens wird hier deutlich widerlegt. Etwas mehr Charakter und Italianità könnte es dennoch vertragen. Denn bei einem Besuch wünsche ich mir doch etwas mehr «betüttelt» zu werden, ansonsten kann ich mir die Pizza auch Take Away holen. Diese ist nämlich die beste Take Away Pizza, die ich je gegessen habe.

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Pizza-Rating!

(Grafik von Laura Kaufmann)


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