So lebt es sich in einer 17er-WG

Redaktorin Florentina Walser wohnt in einer Siebzehner-WG. Und nein, es ist keine Kommune. Sie bewohnt weder ein Landhotel noch eine Industriehalle, sondern ein ganz gewöhnliches Stadthaus im Herzen des Kreis 4.
27. Februar 2019

«Was siebzäh?!» Alles hält den Atem an. Und Fragen über Fragen prasseln auf mich herab – wie es denn so sei, mit sechzehn Mitbewohner*innen zusammenzuleben.

Das Leben in meiner 17er-WG ist wie eine Wundertüte. Man erwartet Überraschungen, wird aber vom Unerwarteten überrascht.

Das Leben in meiner 17er-WG ist überraschend unspektakulär.

Das Mensch-Bad-Verhältnis

Um die brennendste Frage vorwegzunehmen: Ja, wir haben mehr als ein WC! Es hat sich noch nie jemand in die Hose machen müssen! Durchschnittlich gibt es pro 3 Menschen 1 Bad sowie auf jedem Stockwerk noch mindestens eine weitere Toilette.

Klar, von Haaren in der Dusche, fehlendem Toilettenpapier und sterbenden Pflanzen bleiben auch wir nicht verschont. Aber bloss weil wir 17 Menschen sind, heisst das nicht, dass sich die Probleme versiebzehnfachen.

In die Quere kommen wir einander so selten, dass ich mir eher wünschte, es würde öfters geschehen! Denn wenn meine Fensterscheiben mal erzittern, ist es nicht wegen einer zu lauten Pop-up-Party in der Küche. Viel wahrscheinlicher ist es der vorbeiheizende 31er-Bus.

Wenn, dann begegnet man sich vor allem in der Küche. Wir haben übrigens nicht etwa drei davon. Kühlschränke hingegen schon. In denen hat jede*r ein eigenes Abteil – was je nach Ess- und Kochpraktiken ziemlich knapp werden kann.

Doch man braucht in der Regel ohnehin weniger, als man denkt. Dank sehr unterschiedlichen Tag-Nacht-Rhythmen reichen sogar vier Herdplatten – was vielleicht auch daran liegt, dass sich manche von Take-Away und Joghurt ernähren. Erstaunlich oft habe ich die Küche sogar ganz für mich alleine und darf beim Kuchen backen oder Suppe pürieren eine richtige Sauerei veranstalten – sofern ich denn wieder alles putze.

Denn der Vorteil einer Gross-WG: Je mehr Mitbewohner*innen, desto seltener Putzdienst! Und desto unverzichtbarer ein geregelter Putzplan.

Für sein Ämtli hat man jeweils eine Woche Zeit. Wer es nicht rechtzeitig schafft oder vergisst abzutauschen, kriegt eine Busse von 10 Franken. Diese gehen ins WG-Kässeli (und man muss das Ämtli nachträglich machen). Ein lukrativer Deal! Von diesem Geld finanzieren wir Züri-Säcke, Geschirrspülmittel (ja, wir haben einen Geschirrspüler!), Salz, Pfeffer, Backpapier, Schwämme, neue Stühle – kurz: alles Gemeinnützige.

Wer merkt, dass etwas ausgegangen ist, schreibt in den WG-Chat oder springt gschwind selbst zum Denner ennet der Strasse. Gegen Vorweisen der Quittung im WG-Chat erhält man den Betrag wieder zurückerstattet.

WG-Chat oder Chat-WG?

Überhaupt läuft praktisch alles via Chat. Kommunizieren, informieren, diskutieren, reklamieren, lamentieren, offerieren – wofür andere Wohngemeinschaften regelmässige Sitzungen haben, gibt es bei uns gleich mehrere WG-Whatsapp-Gruppen:

  • der richtige WG-Chat: alle Mitbewohner*innen und Untermieter*innen
  • der WG-Party-Chat: Leute, die an der WG-Party dabei waren
  • der «Floor-Chat»: alle Bewohner*innen unseres Stockwerks
  • der Bad-Chat: meine beiden Zimmernachbar*innen, mit denen ich das Bad teile

Sind wir eine digital-native-4.0-internet-of-humans-WG, die so modern ist, dass sie nur noch virtuell als «Wohn»(-Schlaf)-«Gemeinschaft» existiert und es deshalb nicht mehr nötig hat, auch analog – «in real life» – miteinander zu reden?

Manchmal scheint es so. Privatsphäre wird in diesem Haus hoch geschätzt, Konflikte eher ausgehalten als offen angesprochen. Obwohl der Hausschlüssel für alle drei Stockwerke passt, besuchen wir einander selten.

Die Zimmertüren sind meistens zu, nur etwa die Hälfte meiner Mitbewohner*innen sehe ich regelmässig.

Die anderen sind wohl lieber für sich, in ihrem Zimmer, ständig beim Arbeiten oder aber dauernd in den Ferien. Letzteres klärt sich meist dann auf, wenn jemand nach tage- oder wochenlanger Abwesenheit plötzlich mit sieben Koffern in der Küche auftaucht und von irgendwelchen Städtetrips nach Amsterdam, Paris oder Peking erzählt.

Mensch ärgere dich nicht

Häufiger als untereinander haben wir Konflikte mit unseren Nachbarn, konkret mit dem Yogastudio im ersten Stock. Stinkt das gemeinsame Treppenhaus mal nach Rauch oder Gras, werden natürlich immer zuerst wir verdächtigt. In Wahrheit wohnen wir einfach im Langstrassenquartier, zwischen einem Puff und einer Spelunke mit zwei Namen – da wundert es mich wenig, wenn manchmal irgendwelche Betrunkene ins Treppenhaus einbrechen, das Mobiliar demolieren und ihre Bierdosen liegen lassen.

Ja, es ist eine kleine Wundertüte, mein Haus, meine WG, in der Toleranz und eine grundsätzliche Freundlichkeit absolut unabdingbar sind. Dass bei 17 bunt zusammengewürfelten jungen Menschen Differenzen auftauchen, ist nicht verwunderlich. Zwar finde ich es schade, dass ich mit meinen «Zero Waste»-Ambitionen ziemlich allein bin – aber es ist okay. Es ist okay, dass manche meiner Mitbewohner*innen das Militär befürworten, jeden Tag Fleisch essen, alle zwei Wochen nach Rotterdam oder Lissabon fliegen, Pink Floyd nicht kennen oder gerne türkisches Trash-TV schauen. Es ist eine Vielfalt, die mich immer wieder aus meiner Komfortzone herausholt – und das tut gut. Denn was sie am Küchentisch erfordert, damit belohnt sie mich auch ausserhalb: mit Gelassenheit und Flexibilität.

Alle Bilder: Florentina Walser

Praktikantin

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