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Die «autofreie Langstrasse» ist eine einzige Verarsche

13 Jahre soll es am Ende dauern, bis die velo- und menschenfreundliche Langstrasse Tatsache wird. Das Ergebnis, dass die Einwohner*innen Zürichs nach all der Zeit erhalten, ist jedoch katastrophal, meint unser Redaktor Kamil.
20. Februar 2019

So einiges lässt sich auf die Beine stellen in 13 Jahren – zum Beispiel zwei Röhren für den längsten Tunnel der Welt bohren (Gotthard-Basistunnel, 12 Jahre) oder trotz massiven Verzögerungen ein international beachtetes Wahrzeichen aufstellen (Hamburger Elbphilharmonie, 9 Jahre). Ob verspätet fertiggestellt oder nicht, auf diese Bauten sind die Menschen an den jeweiligen Orten heute stolz. 13 Jahre hat sich Zürich Zeit genommen, um mit der Langstrasse die Stadt Zürich ein Stück menschenfreundlicher zu machen – Präziser: Was 2007 beschlossen wurde, soll 2020 umgesetzt werden. Auf das Ergebnis werden die Einwohner*innen Zürichs nicht stolz sein können.

Wer an autofreie Strassen denkt, der hat das Bild von spazierenden und velofahrenden Menschen in begrünten und lebendigen Flaniermeilen im Kopf. An der Langstrasse heisst das lediglich: ein paar Umleitungsschilder und 50 Meter Fahrverbot. Dies wiederum erst, wenn die Umleitung über die Kanonengasse autogerecht umgebaut ist. Das Fahrverbot gilt dann auch nur bis 22 Uhr statt, wie ursprünglich geplant, bis halb Eins. Dies sei «benutzer*innenfreundlicher», meint das Tiefbauamt zum Tagesanzeiger. Fahrverbote sind eigentlich dazu da, um bewusst weh zu tun. In Zürich aber scheint man «autofrei» auch mal mit «Spurausbau» zu verwechseln.

Neu dürfen sich die Anwohner*innen der Langstrasse also nachts auf zwei Spuren von Autolärm belästigen lassen. Weil die Lärmgrenzwerte an der Langstrasse ohnehin überschritten würden, sei das aber vertretbar, meint das Tiefbauamt. Auch der Grüne Gemeinderat Markus Knauss findet zwei Autospuren in Ordnung, dank der neu geltenden Tempo 30 würde es ja leiser werden.

Langstrassenanwohner*innen wissen aber: Autos können auch mit Standgas ordentlich Krach machen, eben dort besonders häufig beobachtet und praktisch nie von der Polizei bestraft und bald auch in beide Fahrtrichtungen. Zudem erlaubt der viele Verkehr an der Langstrasse selten überhaupt höhere Tempi als 30 Kilometer pro Stunde. Und um nicht einen der dort zahlreichen unberechenbaren Passant*innen auf die Motorhaube zu kriegen, riskiert auch kaum eine Autofahrer*in schneller zu fahren. Was Tiefbauamt und Stadtpolitiker sagen, gleicht einer Komödie, die sich so kaum erfinden lässt.

Zu guter Letzt: Velofahrende, für die die autofreie Langstrasse ja eigentlich geplant wurde, dürfen neu in beiden Fahrtrichtungen zwar legal fahren – in der hochfrequentierten Zeit in den Nachtstunden sich dafür aber auch beidseitig durch eine Armada aus nach Fahrgästen suchenden Uber und Taxis sowie motorenaufheulenden Auto-Posern schlängeln.

Werden in 13 Jahren woanders die Alpen durchbohrt, werden in Zürich ein paar Bodenmarkierungen geändert, Umleitungsschilder aufgestellt und das wird als Fortschritt hin zu einer velofreundlichen Stadt verkauft. Es lässt sich kaum anders sagen: Es ist wirklich zum davonradeln.

Titelbild: Kamil Biedermann

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