Von Michael Schallschmidt

Praktikant Redaktion

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24. Januar 2022 um 21:10

Aktualisiert 24.01.2022

Das denken Zürcher:innen über Sex, ihre Körper und alternative Beziehungsformen

Über Sex, Body-Positivity und Beziehungsformen herrschen in Zürich viele Meinungen. Dennoch schweigen die meisten, sobald sie darüber befragt werden. Im Rahmen einer anonymen Online-Umfrage berichten Zürcher:innen über sexuelle Erfahrungen und was sie von Polyamorie halten.

Im «Feuchten Januar» wollten wir es in einer Umfrage zum Thema Sex und Beziehungen genau wissen. Illustration: Sara Suter

Viele Zürcher:innen hüllen sich in Schweigen, wenn es um das Thema Sex geht. So zumindest während einer kürzlich durchgeführten Strassenumfrage (Hier geht's zum Artikel, weshalb das so ist). Wir haben aber nicht lockergelassen, schliesslich ist «Feuchter Januar» und siehe da: In einer anonymen Online-Umfrage innerhalb der Tsüri.ch-Community stiessen wir plötzlich auf viel mehr Offenheit.

Die insgesamt zehn Fragen drehten sich um Sex, Body-Positivity und Beziehungsformen. Als repräsentativ für die ganze Stadt zählt die Umfrage kaum. Dennoch ergab sie rund 200 Antworten, von denen viele zum Nachdenken anregen. 

Keine Zeit für Polyamorie

Von den insgesamt 21 Teilnehmer:innen beantworteten 20 die Frage, ob sie den Unterschied zwischen Monogamie und Polyamorie kennen, mit einem souveränen «Ja». 

«Monogamie ist eine Beziehung zwischen zwei Menschen und wird von unserer Gesellschaft stark gelebt. Häufig jedoch in einer Form, in der die Leute mehrere aufeinanderfolgende Partner:innen haben. Polyamorie ist eine Beziehung zwischen mehreren Menschen gleichzeitig», fand eine Person.

Weniger Einigkeit herrscht jedoch bei der Frage, was die Community von Polygamie als Beziehungsform hält: Von «voll scheisse» über «wenig» bis hin zu «finde ich zeitgemäss», driften die Meinungen über Beziehungen mit mehreren Partner:innen stark auseinander:

«Als Privatier könnte ich mir das durchaus vorstellen, aber sonst nicht – einfach keine Zeit.» 

«Polyamorie ergibt für mich rational betrachtet sehr viel mehr Sinn als Monogamie. Aber emotional scheint das noch nicht bei mir angekommen zu sein. Ich war noch nie in mehr als eine Person gleichzeitig verliebt.»

«Ich glaube, es ist eine Art Trend und eine der wenigen verbleibenden Formen von Rebellion in der heutigen Zeit. Früher war es ‹krass›, sich tätowieren oder piercen zu lassen. Ich denke nicht, dass man polyamourös geboren wird. Ich sehe es eher als eine Form der Ambivalenz.»

«Ich finde den Gedanken schön, dass man mehrere Personen gleichzeitig lieben darf und kann.»

Lieber ein:e gute:r als 20 schlechte

In einer offenen Beziehung zu leben, können sich die Hälfte der Befragten vorstellen. «Schwer zu sagen, wie ich reagiere, wenn meine Freundin mit anderen ins Bett hüpft», gesteht sich ein Teilnehmender ein. Wer wiederum sein ganzes Leben lang nur eine:n Sexualpartner:in hat, verpasst nicht unbedingt etwas, finden einige Menschen:

«Jeder Mensch ist anders. Die einen würden es vielleicht als eine verpasste Chance ansehen, während es für andere alles ist, was sie jemals wollten.»

«Wenn es der passende Mensch und der schönste Sex überhaupt ist, dann braucht es möglicherweise nicht mehr. Ansonsten würde ich schon sagen, dass es guttut, Erfahrungen zu sammeln.»

«Lieber ein:e gute:r Sexpartner:in als 20 schlechte. Neue Sexpartner:innen können jedoch auch neue Ideen bringen. Und bei einer Affäre spricht man eher Wünsche an als in einer langjährigen Partnerschaft, wo man sich vor lauter Routine nicht traut.»

Fremdgehen gilt jedoch für die meisten als unangemessen. Mehrere Teilnehmer:innen gaben gleichzeitig an, bereits fremdgegangen zu sein. Jedoch haben fast alle ihre eigene Meinung dazu, was als Fremdgehen zählt:

«Sobald man Schuldgefühle aufbaut, ist es meiner Meinung nach Fremdgehen.»

«Es beginnt dann, wenn Gefühle mit im Spiel sind.»

«Ein Kuss oder Sex zählt als Fremdgehen, ein intimes Gespräch noch nicht. Da bin ich sehr auf körperliche Aspekte beschränkt.»

«Ich hätte gerne täglich Sex, das ist aber leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar.»

Schlanke Körper und grosse Brüste

Was die Wahl der Partner:innen und die eigene Wahrnehmung betrifft, so üben Schönheitsstandards auf die Zürcher:innen nach wie vor einen Einfluss aus: 

«Viele meiner Ex-Partner haben zwar ein Bäuchlein oder einen Bauch und das fand ich auch immer attraktiv. Aber ich war noch nie intim mit einer wirklich dicken Person. Da bin ich sicherlich von Schönheitsbildern geprägt.»

«Ich würde gern behaupten, dass Body-Positivity für mich sehr wichtig ist. Ich muss jedoch zugeben, dass ich schlankere und fittere Körper attraktiver finde, auch wenn ich selbst etwas dicker bin. Schönheitsstandards haben daher einen gewissen Einfluss auf mich.»

«Natürlich zieht mich meine Freundin auch sexuell an, weil ich ihren Körper vergöttere. Da spielt aber noch viel mehr mit.»

«Ich dachte sehr lange, meine Brüste wären zu klein – weil die Frauen in den Magazinen, auf den Werbetafeln und in Pornos alle viel grössere ‹Boobs› hatten als ich.»

Gleichzeitig geben viele an, sich mehr Body-Positivity in unserer Gesellschaft zu wünschen. 

«Vor allem nach der Geburt musste ich nochmals sehr fest meinen Körper kennenlernen», berichtet eine Teilnehmerin diesbezüglich. Mehr als die Hälfte findet es darüber hinaus attraktiver, wenn jemand sich im eigenen Körper wohlfühlt.

Viel Spielzeug, wenig BDSM

Neben Schönheitsidealen schleichen sich bei den Teilnehmer:innen auch die einen oder anderen Sexspielzeuge ins Schlafzimmer. Vor allem Dildos, Vibratoren und Butt-Plugs kommen oft und gerne zum Einsatz, wie die Teilnehmenden berichten.

Bei BDSM halten sich die meisten zurück, können sich unter dem Akronym jedoch etwas vorstellen: «Meine sadomasochistische Ader ist nicht sehr ausgeprägt.»

Sex auf Friedhöfen und in Beträumen

Wie es sich für eine Sex-Umfrage gehört, darf die wichtigste Komponente nicht fehlen: Die Frage danach, wie oft die Teilnehmer:innen überhaupt Sex haben. Bei den meisten kommt es etwa zwei- bis dreimal wöchentlich dazu. Bei manchen verhält es sich jedoch anders:

«Momentan habe ich viel zu selten Sex, das spielt sich bei mir in Phasen ab. Es kann zwei bis drei Monate nichts laufen und dann wieder täglich.»

«Ich hätte gerne täglich Sex, das ist aber leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar.»

«Von mehrmals pro Woche bis hin zu einmal alle vier bis fünf Monate. Kommt darauf an, ob ich jemanden aktiv date.»

Was die Wahl des Orts für intime Stunden betrifft, zeigen sich die Zürcher:innen als sehr kreativ mit einer Vorliebe für Sakralbauten. Hier kommt eine Liste der verrücktesten Orte, wo Zürcher:innen schon einmal Sex hatten:

  1. Beim Moods um die Ecke

  2. Friedhof Sihlfeld auf der Wiese (die Toten haben wir in Ruhe gelassen)

  3. An der Limmat

  4. Auf der Wiese des Kasernenareals

  5. In der Kirche beim Meierhofplatz

  6. Auf einer Baustelle im Kreis 4

  7. Im Betraum des Grossmünsters

  8. In einem Vorlesungssaal des Uni-Hauptgebäudes

  9. Vor dem Uni-Hauptgebäude im Regen

Zu guter Letzt gilt dieser Antwort besondere Würdigung: «Da habe ich leider keinen Input für eure sensationslüsterne Neugier.»

«Feuchter Januar»

Der «Feuchte Januar» ist eine Zusammenarbeit von Tsüri.ch mit dem queerfeministischen Sexshop untamed.love. Was dich dabei erwartet? Vier Gespräche mit untamed.love-Gründerin Jessica Sigerist im «Das Gleis» im Kreis 5. Ob die Anlässe live oder digital stattfinden, steht noch nicht fest. Sicher ist jedoch bereits, wer teilnehmen wird: Nach dem Eröffnungsgespräch zwischen Jessica Sigerist und Tsüri-Redaktionsleiterin Rahel Bains wird die Tsüri-Kolumnistin mit Eneas Pauli über Non-binäre Geschlechtsidentitäten, mit Brandy Butler über Body-Positivity und mit Sidonia Guyer und Michelina Fuchs von Zwischenwelten über BDSM & Kink-Praktiken diskutieren. 

Vergangene Talks:

  1. Talk vom 4. Januar mit Rahel Bains und Jessica Sigerist: «Sex-Positivity bedeutet nicht einfach mehr Sex für alle»
  2. Talk vom 11. Januar mit Jessica Sigerist und Brandy Butler: «Fat Acceptance ist noch lange nicht am Ziel»
  3. Talk vom 17. Januar mit Jessica Sigerist und Eneas Pauli: «Warum sollte ich mit Nudes nicht auch Geld verdienen?»

Save the Date:

  1. 25. Januar, 20 Uhr: Talk mit Jessica Sigerist und Sidonia Guyer und Michelina Fuchs (Verschoben)