Experte zu Rosengartentunnel: «Es droht eine grosse Verdrängung»

Im Auftrag der Stadt hat das Institut INURA die möglichen Auswirkungen des Rosengartentunnels und -trams auf das Quartier untersucht. Co-Autor Philipp Klaus spricht im Interview über Auf- und Abwertung, Parallelen zur Weststrasse und was die Stadt unternehmen könnte.
03. Oktober 2017

Herr Klaus, was ist die überraschendste Erkenntnis der Studie?

Wie viele Baulandreserven im Quartier stecken hat mich überrascht. Je nach Gebiet sind es 20 bis 40 Prozent! Dieser Anteil könnte reichen, um eine starke Aufwertung in Gang zu setzen. Der Grossteil des Eigentums ist jedoch kleinteilig, wodurch vorerst keine grossen Überbauungen von Investoren möglich sind. Ebenfalls erstaunlich ist, dass einige Häuser abgerissen werden müssten, wenn der Tunnel und die neue Strasse mit dem Tram kommen.

Wen würden diese Abrisse treffen?

Zum Beispiel die Häuser direkt an der Rosengartenstrasse mit lärmbedingt einkommensschwachen Bewohner*innen. Wir erwarten aber nicht nur eine Aufwertung! Das doppelstöckige Tunnelportal auf Höhe Röschibachstrasse würde noch mehr Lärm und Luftverschmutzung bedeuten, was natürlich den Wert der Immobilien drückt. Die Stadt muss genau hinschauen, was dort passieren wird.

Welche Funktion hat die stark befahrene Rosengartenstrasse heute für das Quartier?

Die Strasse hat eine massive Trennfunktion, da es fast keine Übergänge und nur wenige Unterführungen gibt. Diese trennende Wirkung der Strasse würde aber auch bei der Umgestaltung nicht ganz verschwinden, weil das Tram hoch zum Bucheggplatz und weiter zur Milchbuck fahren wird. Auch wenn in der neuen Rosengartenstrasse Tempo-30 vorgesehen ist, braucht es viel mehr Übergänge!

Diese Aufwertung wirkt sich natürlich auf die Immobilienpreise und somit auch auf die Einwohner*innen aus.

Wenn der Tunnel kommt, erleben wir dann die gleiche Verdrängung wie damals bei der Beruhigung der Weststrasse?

Ja, die Gefahr einer grossen Verdrängung besteht. Wir können davon ausgehen, dass ähnliche Mechanismen spielen werden, wie bei der Weststrasse. Was eigentlich toll ist, sind die städtebaulichen Möglichkeiten – zum Beispiel Quartiersplätze – und auch die bessere Erschliessung durch das neue Tram. Aber diese Aufwertung wirkt sich natürlich auf die Immobilienpreise und somit auch auf die Einwohner*innen aus.

Was kann und was sollte die Stadt Zürich tun, um eine massive Aufwertung nach dem Bau des Tunnels zu verhindern?

Eigentlich hätte das schon längst passieren müssen, jetzt ist es fast schon zu spät: Die Stadt kann Liegenschaften kaufen. Zudem haben wir ein Gesetz, das bei Umnutzungen einen Drittel gemeinnützige Wohnungen verlangt. Die Ausformulierung liegt meines Wissens allerdings noch beim Regierungsrat. Diese beiden Instrumente wären sehr wichtig für das Quartier.

Was können wir, die Bewohner*innen von Zürich, unternehmen?

Wir müssen schauen und einfordern, dass die Stadt eingreift, wenn sich etwas in die falsche Richtung entwickelt. Wir müssen Diskussionen anregen und auf die Gefahren, Chancen, Risiken und Potenziale hinweisen. Abgesehen vom Verkehrspolitischen braucht die Rosengartenstrasse unbedingt eine umfassende sozialräumliche Debatte.

Hier findest du die ganze Studie von INURA
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