Warum die «Velostadt Zürich» trotz 2250 neuer Stadt-Velos Utopie bleibt

Gleich drei Veloverleihe wollen ihre Zweiräder an die Zürcher Kundschaft bringen. 2018 stösst noch die Stadt mit einer neuen «Züri Velo»-Flotte dazu. Ist das der richtige Weg zur «Velostadt Zürich»? Ein Überblick:
04. August 2017

1. «Züri rollt»

An sieben Stationen in der Stadt kannst du gegen ein Depot von 20 Franken ein Velo ausleihen. Willst du das Gefährt über Nacht behalten, zahlst du zehn Franken Gebühr. Retournieren kann die Nutzer*in das Velo an einem beliebigen «Züri rollt»-Standort. Die «Züri rollt»-Flotte besteht aus über 300 Velos: Neben normalen Modellen gibt es auch Speedbikes, Kindervelos, E-Bikes und Cargo-Velos. «Züri rollt» ist ein Angebot der Stadt Zürich und wird im Jahr 2018 durch einen neuen Service ersetzt.

2. «Smide»

(Ein «Smide» inklusive Helm auf dem Sattel.)

Waren es vor fünf Jahren nur Omas und Opas, die in einem Mords-Tempo den Berg hochradelten, haben heute immer mehr junge Leute das E-Bike für sich entdeckt. «Smide» stellt 200 E-Bikes in der ganzen Stadt zur Verfügung. Die Nutzung des Bikes kostet 25 Rappen pro Minute und die Nutzer*innen müssen Pakete à mindestens 20 Minuten kaufen.

Über die «Smide»-App wird das Bike geortet und gebucht. Das E-Bike kann an einem beliebigen Platz auf Stadtgebiet abgestellt werden. Fährst du damit jedoch über die Stadtgrenze hinaus, kannst du nicht auschecken und zahlst für die Zeit, in der es sich ausserhalb befindet, weiter. Die Bikes fahren bis zu 35 Kilometer pro Stunde – somit ist Tragen eines Helmes Pflicht. Zudem verlangt das Gesetz für das Fahren dieser E-Bike-Art mindestens einen Führerausweis der Kategorie M, wie bei Mofas.

3. «oBike»

(«oBike»: Würdest du hier dein eigenes Velo parkieren?)

Seit Juli 2017 stehen 350 orange-graue «oBikes» eines Startups aus Singapur auf Zürichs öffentlichen Plätzen. Wer die Zweiräder benutzen will, muss zuerst eine Kaution von 130 Franken hinterlegen. Eine halbe Stunde «oBike» fahren kostet 1.50 Franken. Auf der Facebookseite von «oBike» Switzerland bemängeln User*innen jedoch, dass das Velo nur einen Gang hat, dass es unbequem und die Kaution zu hoch sei. Die «oBikes» können wie jene von «Smide» überall abgestellt werden, im Idealfall natürlich an einem offiziellen Veloparkplatz – daran halten sich aber längst nicht alle.

«Züri Velos» – Ab 2018

(Gut 2000 dieser Velos stehen ab 2018 in der Stadt. Bild: PubliBike)

Die drei Zürcher Leihvelo-Anbieter scheinen noch nicht zu genügen: 2018 führt die Stadt zusätzlich die «Züri Velos» ein. An 150 Stationen in der Stadt werden 2250 Fahrräder aufgestellt. Die Hälfte der Fahrräder verfügt über einen Elektroantrieb, womit Geschwindigkeiten von bis zu 25 Kilometern pro Stunde möglich sind.

Die Fahrräder können nur in unmittelbarer Nähe zu einer Station abgestellt werden. Ohne Jahresabo kosten 30 Minuten Fahrt auf den «normalen» Velos drei Franken und auf den E-Bikes 4.50 Franken. Mit dem Jahresabo à 50 Franken sind Fahrten bis 30 Minuten gratis. Dieser Service löst die Velos von «Züri rollt» ab.

Drei Veloverleihe, aber keine Velowege

Doch wer soll diese Velos mieten? Wer in Zürich wohnt und täglich Velo fährt, hat sein eigenes Fahrrad. Für Touristen ist es kein Leichtes, sich im Strassendschungel ohne Velowege und mit vielen Tramschienen zurecht zu finden. Hinzu kommt, dass der Strassenverkehr in Zürich in den letzten Jahren immer gefährlicher geworden ist. Die Zahl der Unfälle mit Personenschaden hat im Jahr 2016 im Vergleich zum Durchschnitt von 2011 bis 2015 um 14.4 Prozent zugenommen: In der Stadt Zürich wurden im vergangenen Jahr 1257 Personen leicht und 230 schwer verletzt. Der Verkehr forderte 2016 sieben Todesopfer.

«Der Sprung zur attraktiven Velostadt»
Das Velo-Angebot in der Stadt wird zwar kontinuierlich verbessert, doch auf politischer Ebene musste das Velo kürzlich einen Rückschlag einstecken: Anfang Juli 2017 wurde bekannt, dass der Regierungsrat den regionalen Richtplan festgesetzt hat, ohne die vier Veloschnellrouten, die der Gemeinderat beantragt hat, zu berücksichtigen. Marco Denoth (SP) und Sven Sobernheim (GLP) verlangen jetzt mit einer gemeinsamen Motion einen Baukredit für die vier Veloschnellrouten, trotz der Absage des Kantons. Die Begündung: Der Notwendigkeit nach Velostrassen in Zürich müsse unbedingt Rechnung getragen werden. Diese Velostrassen sollen sich so rasch als möglich in die Veloweglandschaft der Stadt Zürich einfügen. «Damit doch noch der Sprung zu einer attraktiven Velostadt gemacht werden kann», heisst es in der Motion. Denn eines ist Zürich – obwohl sie es gerne wäre – bestimmt nicht: eine «attraktive Velostadt».

Schlusskommentar:

Velos zur Verfügung zu stellen ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch wichtiger wäre die Velo-Infrastruktur voranzutreiben, sodass Velofahrer*innen – ob mit geliehenem oder eigenem Velo – ohne regelmässige Nahtoderlebnisse auf der Langstrasse radeln können. Denn eine attraktive Velostadt wird Zürich nicht durch unzählige Leihvelos, sondern durch eine Verkehrsgestaltung, die Velofahren sicher und komfortabel macht. Dazu gehören unter anderem durchgängige Velowege für schnelles Vorankommen, deutlich markierte Velostreifen auf allen grösseren Strassen und genügend Parkplätze für die Zweiräder. Von solch einer Verkehrsgestaltung ist Zürich leider noch weit entfernt.

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