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Von Coraline Celiker

Praktikantin Redaktion

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4. Oktober 2022 um 04:00

Awareness-Konzepte boomen, doch einfach «einkaufen» lassen sie sich nicht

Awareness-Konzepte im Nachtleben: In der alternativen Szene Zürichs köcheln sie bereits seit einigen Jahren – und erfahren jetzt auch von kommerzielleren Clubs Aufmerksamkeit. Wir haben uns mit den wenigen Akteur:innen, die in diesem Bereich tätig sind, getroffen. Luisa Ricar, awareness radical und Studio Kali über Diskriminierung, gratis Arbeit und die Verantwortung der Clubbetreiber:innen.

awareness radical: Wollen mehr Awareness im Zürcher Nachtleben und geben dafür ihre Freizeit her.

Vibrierende Bässe. Tanzende Menschen. Das Nachtleben gilt als ein Raum der Ekstase, wo die Alltagssorgen verschwimmen sollen. In Kombination mit enthemmenden Substanzen kommt es gerade dort oft zu Situationen, in denen ein Verhalten als grenzüberschreitend wahrgenommen wird: Ob aus sexistischen, rassistischen, homophoben, transphoben, ableistischen oder anderen diskriminierenden Motiven. 

Seit einigen Jahren gibt es deswegen in einigen Clubs und an Partys sogenannte Awareness-Konzepte, die ihren Ursprung vor gut zehn Jahren in Hamburg und Berlin fanden. Awareness leitet sich dabei vom Englischen «to be aware» ab, was so viel bedeutet, wie «sich über etwas bewusst sein». Diese Konzepte sollen dafür sorgen, dass jeglicher Art von Diskriminierung und Missachtung von körperlichen, psychischen und persönlichen Grenzen Sichtbarkeit verliehen und entgegengetreten wird. 

Auch Zürich will «aware» zu werden

In Zürich gilt das Rhizom Festival in der Roten Fabrik, das seit 2017 stattfindet, als eine der ersten Events, dass prominent mit einem Awareness-Konzept aufwartete. Seitdem wurden in Zürich unter anderem Kampagnen wie «Ist Luisa hier?» (2018) oder «Zürich schaut hin» (2021) lanciert, die betroffenen Personen Schutz bieten und Belästigungen Sichtbarkeit verleihen sollen. Zudem bietet die Bar- und Clubkommission Zürich seit 2013 jährlich einen Staff-Day mit kostenlosen Personalschulungen an, der laut Angaben des Sprechers Alexander Bücheli auch Awareness-Themen, wie die oben genannten, bespricht. 

Dennoch wird gerade in Sachen Awareness vielfach noch auf unkonventionelle Angebote zurückgegriffen. Wer steckt hinter diesen Projekten? Wir wollten mehr darüber erfahren und haben uns mit Personen getroffen, die sich im Zürcher Nachtleben aktiv mit Awareness auseinandersetzen und ein entsprechendes Angebot bieten.

Wellness-Team: Luisa Ricar

Luisa Ricar ist vielbeschäftigt. Sie hat nur kurz Zeit, bevor sie weiter ins Training muss. Für einen Job in Bern, für den sie als Drehbuchautorin und Regisseurin wirkt, pendelt sie regelmässig. Am Wochenende arbeitet sie als Türsteherin vor Zürcher Clubs – und das seit sieben Jahren. 

Luisa Ricar steht mit dem Wellness-Team «aus der linken Szene, für die linke Szene» seit knapp sechs Jahren in und vor den Clubs. (Foto: Coraline Celiker)

«Auch wenn wir jemanden mal ungerechtfertigt rausschmeissen an einem Abend, ist es uns wichtiger handlungsfähig zu sein und Betroffene schützen zu können.»

Luisa Ricar, Drehbuchautorin, Regisseurin und Türsteherin

Ricar sieht das Nachtleben auch in den links-radikalen, feministischen, alternativen Kreisen, in denen sie sich bewegt, als nicht entlastet von Hierarchien, Normen und Unterdrückungsmechanismen: «Es kann nicht sein, dass wir befreite Räume schaffen wollen, aber schlussendlich rassistische, sexistische oder queer-phobe Mechanismen an einer Türe reproduziert werden, weil man konventionelle Securitys engagiert, die möglicherweise nicht so sensibilisiert sind. Genauso untragbar ist es aber auch, wenn man gar keine Sicherheitsstrukturen hat.» 

Dies ist der Grund, weshalb sie an der Türe des Umbo‘s, ehemals Klubi, das Wellness-Team mitbegründete. Seit knapp sechs Jahren agiert sie mit ihrem Team dort «aus der linken Szene, für die linke Szene». An der Schnittstelle zwischen dem Security- und Awareness-Bereich bietet das Wellness-Team eine Alternative zum herkömmlichen Sicherheitspersonal. Dies an Orten wie dem Provitreff, der Roten Fabrik, der ZWZ, dem Umbo oder an politischen Soli-Veranstaltungen. 

«Wir haben ein offenes Ohr, sind vertrauenswürdig und können auf die Situationen eingehen. Wir fragen direkt bei den Leuten nach, wie es ihnen geht und ob sie Unterstützung brauchen. Und wir können Konflikte entschärfen, indem wir vermitteln oder physisch eingreifen, wenn der Umstand es verlangt», erläutert Ricar. Im besten Fall ginge ein Konflikt im Dialog und ohne physische Gewalt über die Bühne: «Doch ganz ehrlich, auch wenn wir jemanden mal ungerechtfertigt rausschmeissen an einem Abend, ist es uns wichtiger handlungsfähig zu sein und Betroffene schützen zu können.» 

«Ich finde die Awareness-Arbeit sollte genauso in eine Abend-Planung integriert werden wie zum Beispiel das Aufräumen.»

Luisa Ricar, Drehbuchautorin, Regisseurin und Türsteherin

Persönlich wollte die 29-Jährige mit dieser Arbeit auch dem «klassischen maskulinistischen Männlichkeitsbild» des breiten und dominanten Sicherheitspersonals entgegentreten und aufzeigen, dass niemand «gross, breit und cis-männlich» sein muss, um sich zu behaupten, Sicherheit zu gewährleisten und Konflikte zu schlichten. «Es ist ein gut bezahltes Hobby», scherzt Ricar. Doch die Arbeit sei streng.  

Inzwischen sei auch die Nachfrage sehr gross. «Wir können längst nicht mehr alles annehmen, für das wir angefragt werden. Da wir ein Kollektiv aus Freund:innen sind, wollen wir einander vertrauen können und nicht unreflektiert grösser werden, sondern organisch wachsen», erklärt Ricar. Das gesteigerte Interesse nach Awareness interpretiert Ricar einerseits als einen aktuellen Trend und andererseits hofft sie, dass es auch aus einem allgemeinen erhöhten Bewusstsein entspringt. «Es ist kein Nischending mehr», erklärt Ricar.

Sie selbst gebe inzwischen auch Awareness-Workshops in konventionelleren Clubs. Den «Awareness-Trend» versteht sie als «zweischneidig», denn zwar freut sie die zunehmende Nachfrage, doch Ricar macht auch deutlich: «Wir haben ein Jahrzehnt lang irgendwelche Awareness-Konzepte in besetzen Häusern und an alternativen Veranstaltungen entwickelt. Und jetzt kommen diese grossen Clubs und sagen: ‹Ah wir wollen auch Awareness. Gebt uns eure Konzepte›. Wir haben sehr viel gratis Arbeit geleistet, dass sich jetzt solche kommerziellen Orte daran einfach bedienen können.»

Generell sei die Haltung oft so, dass solche Arbeit wenig Beachtung erhält und ganz nebenbei, oft unbezahlt, von FINTAs (Frauen, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen) geleistet werden soll. «Ich finde die Awareness-Arbeit sollte genauso in eine Abend-Planung integriert werden wie zum Beispiel das Aufräumen. Schliesslich profitieren am Schluss alle davon», erläutert Ricar.

awareness radical: Anna Blatter und Timo Jost

Seit Februar sind Anna Blatter und Timo Jost vom büro radical neben ihrer Präsenz an der Critical Mass als vélo radical, auch als Awareness-Team unter dem Namen awareness radical auf Partys, Konzerten und Festivals in und um Zürich anzutreffen. Die Motivation für die Awareness-Arbeit entstand für die 25-jährige Blatter, die schon länger im Nachtleben arbeitet, aus dem eigenen Unwohlsein als Betroffene heraus: «Freund:innen von mir haben immer mal wieder Partys organisiert. Meine Rückmeldung war, dass ich mich an ihren Partys selten wohlfühle. Für mich war das quasi das Sinnbild des Zürcher Nachtlebens: Dass ich mich vor allem in Clubs selten komplett wohl gefühlt habe. Die Reaktion war dann: ‹Dann macht ihr doch mal Awareness bei uns›. Und so hat es angefangen.» 

Jost und Blatter sind besonders seit den Sommermonaten verstärkt als Awareness-Team vor Ort. (Foto: Coraline Celiker)

Ganz ohne Werbung und durch reine Mund-zu-Mund-Propaganda traf die Arbeit der jungen Sozialarbeiter:innen einen Nerv. Die Nachfrage ist gross. «Unser erster Einsatz war, ganz klassisch, vor dem Club zu stehen und Selektion zu machen in Zusammenarbeit mit der Security. Danach waren wir diesen Frühling und Sommer an sehr vielen verschiedenen Festivals und Festen. Zum Beispiel am Ämsfest, am Lauterfestival oder am linken Seeuferfest», erläutert Blatter.

«Mir geht es vielfach auch darum, die Leute zu erreichen, noch bevor sie ins Nachtleben eintauchen.»

Anna Blatter, Sozialarbeiterin

Jost (26), welche:r im Mannebüro arbeitet, weiss aus Erfahrung, dass die Gewaltbereitschaft gerade unter Alkohol- und Drogeneinfluss hoch sein kann und erklärt, dass neben der «Tür-Arbeit», die sie stets gemeinsam mit Securitys bestreiten, besonders das «vor Ort sein» als Ansprechperson, nachdem es zu Gewalttaten und Grenzüberschreitungen kam, ein wichtiger Bestandteil ihrer Awareness-Arbeit ist. «Doch meistens ist es für die Betroffenen sehr schwierig, im Club um Hilfe zu bitten. Sie müssen viele innere Hemmschwellen überwinden, bevor sie etwas sagen. Und Diskriminierung ist häufig sehr subtil, deswegen sind diese Vorfälle auch nicht immer so gut zu beobachten», erklärt Jost. 

Für Blatter und Jost gehören deshalb die sensibilisierende Vorarbeit, inklusive ein auf das Event zugeschnittenes Awareness-Konzept und eine inhaltliche Auseinandersetzung zusammen mit den Veranstalter:innen und dem gesamten Personal, wie auch ein abschliessendes Debriefing genauso zur Awareness-Arbeit, wie die sichtbare Präsenz und Sensibilisierungsarbeit als Awareness-Team vor Ort. «Mir geht es vielfach auch darum, die Leute zu erreichen, noch bevor sie ins Nachtleben eintauchen. Auch so ein bisschen als Erinnerung à la ‹Auch du trägst zu einer guten Stimmung bei›, um dadurch an die Eigen- und Gruppenverantwortung zu appellieren. Dadurch hatten wir oft mehr spannende Gespräche über Awareness-Themen, statt eigentliche Interventionen. Dieser Austausch ist eine mega Chance», sagt Blatter. 

«Ihr seid nicht diskriminierungsfrei, sobald ihr ein Awareness-Team habt. Wir müssen gemeinsam diskriminierungssensibel sein.»

Timo Jost, Sozialarbeiter*

Wenn eine Intervention notwendig wird, sei das Ziel, mit den Gewalt ausübenden in einen Dialog zu treten, um ihnen ihr Verhalten nachhaltig zu spiegeln und bestenfalls einen Reflexionsprozess anzuregen. Dieser mache auch vor den Veranstalter:innen nicht halt. «Wir sind auch schon eingeladen worden und dann war so die Erwartung: ‹Ah ja, ihr macht ja jetzt die Awareness und alles ist gut.› Dann finden wir aber so ‹Das machen wir gerne, aber das ist eine gemeinsame Haltung. Ihr seid nicht diskriminierungsfrei, sobald ihr ein Awareness-Team habt, wir müssen gemeinsam diskriminierungssensibel sein›», äussert sich Jost.

Das alles machen Jost und Blatter bis jetzt unentgeltlich, ab und zu werden sie mit symbolischen Beiträgen bezahlt. Das liegt unter anderem an der Art der Events, die sie unterstützen, da diese grösstenteils durch Freiwilligenarbeit getragen werden. In Kombination mit der üblichen Lohnarbeit der professionellen Sozialarbeiter:innen lässt sie die freiwillige Awareness-Arbeit an ihre Grenzen stossen. Jost und Blatter wollen sich in der kommenden Zeit noch einmal sortieren und abwägen, was und wie diese Arbeit weiterzuführen ist. Doch für Jost war und ist ihre Motivation klar: Eine Veränderung kommt vor allem von unten, «grassrooted».

Studio Kali: Amina Arn und Jenny Kamer

Studio Kali, so nennen Amina Arn und Jenny Kamer ihre Beratungsagentur, die sich zum Ziel setzt, diskriminierungsarme Räume zu schaffen. Während Arn das Erlernte aus dem Kulturwissenschaft-Studium in der Praxis dort einsetzen wollte, wo Probleme in der Gesellschaft vorherrschen, bringt Kamer eine gut 15-jährige Erfahrung aus dem Nachtleben mit: Ob als Garderobenpersonal, als Bookerin, ehemalige Co-Leitung der Zukunft oder DJ. 

«Sehr oft gibt es die Meinung, dass man Awareness auslagern kann und dass diese überspitzt gesagt etwas ist, das man ‹einkaufen› kann.»

Amina Arn, Co-Leitung Studio Kali

Arn und Kamer finden Awareness fängt bei den Clubbetreiber:innen an. (Foto: Coraline Celiker)

Für Studio Kali ist es wichtig, die Awareness bis in die Strukturen eines Betriebs dringen zu lassen. «Sehr oft gibt es die Meinung, dass man Awareness auslagern kann und dass diese überspitzt gesagt etwas ist, das man ‹einkaufen› kann. Wir wollen eigentlich genau gegensätzlich vorgehen. Wirkliche Awareness schafft ihr als Veranstalter:innen erst, wenn ihr zuerst bei euch beginnt und von dort aus die Awareness weiterträgt. Deswegen sind wir vor allem an langfristigen Kooperationen interessiert», erklärt Arn. 

Grundsätzlich wirke Studio Kali bildend. Neben kürzeren Workshops hinterfragen sie auf Wunsch in enger Zusammenarbeit mit ihren Kund:innen die bestehenden Strukturen, machen eine Analyse, erarbeiten entsprechende Massnahmen und unterstützen in der Kommunikation. «Wir arbeiten intersektional. Das heisst: Wir arbeiten antirassistisch und feministisch. Dort, wo wir an die Grenzen unseres Wissens stossen, ziehen wir Expert:innen hinzu. Wir verstehen uns daher nicht als Spezialist:innen, sondern eher als Vermittler:innen und Berater:innen», erläutert Arn.

«Wir glauben an eine offene Fehlerkultur.»

Amina Arn und Jenny Kamer, Leiterinnen Studio Kali

Dieses Beratungsangebot ist sehr gefragt. Zu ihren Kund:innen zählen derzeit unter anderem das Kauz, die Gessnerallee und einzelne Veranstalter:innen. «Die Kund:innen, die wir beraten, merken, dass es unumgänglich ist, sich in diesem Bereich zu entwickeln. Doch es fehlt an Geld. Aus unserer Sicht fehlt das Umdenken, Awareness als einen wichtigen Bereich zu sehen, in den man investieren muss», sagt Arn. Denn aus ihrer Perspektive sei das Bedürfnis da. «Wir alle sind verantwortlich», findet Arn und ergänzt: «Derzeit ist der Status Quo, dass Clubbetreiber:innen die Verantwortung auf Mitarbeitende und Gäste abschieben und diese Awareness selbst gar nicht leben. Doch wenn ein Club zu einem ‹saferen› Ort werden soll, dann sind definitiv die Clubbetreiber:innen in der Pflicht.» 

Sie müssten das Angebot einer Awareness-Weiterbildung für ihre Mitarbeiter:innen schaffen und aktiv entscheiden, für wen eine Party ein «Saferer Space» sein soll. «Der Klassiker ist auch, ein Plakat aufzuhängen, auf dem steht: ‹Hey, wenn du jemanden diskriminierst, fliegst du raus!› – doch wenn dann mal ein Vorfall passiert, merkt man, dass der Prozess nicht fertig gedacht wurde», erklärt Kamer. Oft würden solche Situationen dann schlecht gehandhabt und die Person, die den Vorfall gemeldet hat, zum Beispiel nicht ernst genommen.

Als Awareness-Berater:innen stehen sie daher stets auf der Seite der betroffenen Person und lassen diese entscheiden, wie weiter verfahren werden soll. «Wir glauben an eine offene Fehlerkultur», erklären Kamer und Arn. Es sei ein Prozess des Umlernens, auch für die betroffenen Personen selbst. «Das gilt übrigens auch für uns. Auch wir machen Fehler und lernen voneinander», erklärt Kamer.