Wohngemeinschaft Karthago: Eine wahr gewordene Utopie

Bist du unentschieden zwischen der Mietwohnung und dem Einfamilienhaus? Man kann auch anders leben. Ein Beispiel von der Karthago Genossenschaft in Zürich.
05. Dezember 2017

«Es isch bitzli wiene Beiz», sagt Martin Lassner, einer der Mitgründer*innen der Genossenschaft «Karthago» in der Stadt Zürich, und blickt liebevoll in das gemeinschaftliche Esszimmer. Jeden Abend bereitet eine professionelle Köchin für die ca. 55 Bewohner des Hauses ein Fleischgericht und ein vegetarisches Gericht zu, natürlich mit regionalen, saisonalen Lebensmitteln aus der Umgebung. Ein kleiner Bub winkt gute Nacht, er geht ins Bett. Die Erwachsenen bleiben noch einen Augenblick sitzen. Man trinkt einen Kaffee im warmen Licht des bunt gestrichenen Raumes und redet über die alte Frau von nebenan, die immer kurioser wird, über den Weihnachtsbaum, den man langsam wieder ins Haus bringen sollte, das Theater und eine Ausstellung zum Thema Nachbarn. Kein Fernseher läuft, kein Smartphone liegt auf dem Tisch und niemand tippt noch nebenher auf einem Laptop rum. Es ist ganz still. Und warm. Und gemütlich.

Die Haustür als Wohnungstür

Das Karthago besteht aus acht Wohngemeinschaften, die aus Menschen jeden Alters zusammengesetzt sind und so auch Väter, Mütter und Kinder beherbergen. Jede Wohngemeinschaft organisiert sich selbst, wie eine kleine Familie. Es gibt einen Putzplan und ein gemeinsames Wohnzimmer. Der erste, der nach Hause kommt, bringt die Post hoch. Lassner legt einen Brief vor die Zimmertür seiner Mitbewohnerin und dann geht es hinunter in den dritten Stock. Da klopft er kurz an und tritt dann einfach ein. Eine Wohnungstür ist zwar eine Barriere, aber kein Hindernis. Ganz anders als in einem gängigen Wohnblock, wo man oftmals keine Ahnung hat, wie die Nachbarn eigentlich leben.

Der Pöstler war da: Ein Mitbewohner hat die Briefe verteilt.

In dieser Wohnung leben Gudrun Hoppe, noch fünf andere Menschen und ein Hund, der einen freudig wedelnd begrüsst. Die Haustüre sei eigentlich seine Wohnungstüre, erklärt Lassner und weist darauf hin, dass die soziale Kontrolle dadurch schon grösser ist als in einer herkömmlichen Wohnsituation. «Wenn ein Bewohner eine neue Flamme hat, dann kriegen das die andern schon mit», sagt er. Gudrun meint dazu: «Du bist vielen Leben ausgesetzt. Das braucht Energie und man muss sich auch abgrenzen können.» Sie wohnt seit dem Jahre 1997 hier, einer der vier Gründer*innen, die heute noch hier leben, in einem «mitenand» wie sie und Lassner es nennen.

Nach zwanzig Jahren sind sie immer noch im Karthago: Martin Lassner und Gudrun Hoppe.

Im Karthago darf jeder*jede leben, der*die ein gesundes Mass an Toleranz mitbringt und bereit ist, seine*ihre «Wohnung» mit einer Gemeinschaft zu teilen, die nicht nur aus seinen Freunden besteht, sondern eben aus Nachbar*innen. Die Vorteile dabei sind viele. Gemeinsam lässt sich einiges einfacher bewerkstelligen, bezahlen und unterhalten, wie man an diesem Beispiel sieht. Und was dabei herauskommt, ist durchaus vergleichbar mit den utopischen Ideen von «bolo’bolo».

Der Luxus einer grossen Wohngemeinschaft

Das Highlight der Genossenschaft ist die Grossküche mit dem angrenzenden Speisesaal. In der Monatsmiete von ca. 800 Franken pro Zimmer ist auch der Lohn einer professionellen Köchin an den Abenden von Montag bis Freitag enthalten. Das heisst, keiner der Bewohner*innen des Karthago steht am Abend jemals alleine vor einem leeren Kühlschrank – eine Situation, die der vielbeschäftigte Mensch heute wohl allzu gut kennt. Man kommt vielmehr jeden Tag nach Hause in ein Umfeld, wo immer ein offenes Ohr zu finden ist, wo man Geschichten hört von anderen Alltagen und anderen Ideen und wo ein Raum für Diskussionen geschaffen wird.

Im ersten Untergeschoss befindet sich ein Büroraum, ein Töggelikasten, ein Bandraum, ein Werkraum und ein Kiosk. Aus dem Kiosk holt Lassner zwei Biere und vermerkt dies mit zwei Strichen auf der Verbraucherliste. Dann geht es die Treppe hoch, vorbei an den Bücher- und Kleidertauschbörsen in die Stockwerke mit den Wohnungen. Vor manchen Türen stehen die Schuhe sorgfältig aufgereiht, vor anderen liegen sie chaotisch herum – genau so divers und unterschiedlich, wie die Bewohner*innen des Hauses.

Die Vielfalt der Schuhe erzählt von ganz unterschiedlichen Bewohnern.

Im gemeinsamen Büro lässt es sich hervorragend nachdenken, schreiben oder: nähen.

Zum Schluss gehen wir hoch in den Dachstock und dann auf die Dachterrasse. Die Benutzung der gemeinsamen Räume, wie auch des Gästezimmers, des Bewegungsraums und natürlich des Speisesaals an den Wochenenden, muss sorgfältig organisiert werden, denn jedes Mitglied muss sich dafür im Kalender eintragen, damit es keine Verwicklungen und Doppelbesetzungen gibt. Nur bei der Dachterrasse nicht, denn: «Wer dobe isch, isch dobe», sagt Lassner und freut sich, die Aussicht mit mir zu teilen. Blickt man auf das Häusermeer der Stadt, so hat man das Gefühl, auf einer kleinen Festung der Geborgenheit zu stehen in einer Welt, die immer anonymer wird.

Der Traum einer alternativen Wohngemeinschaft

Die Gründer des Karthago hatten sich seinerzeit intensiv mit der 1983 geschriebenen Utopie «bolo’bolo» auseinandergesetzt. Sie handelt von einer Gesellschaft, die aus verschiedenen «bolos» besteht – sogenannten Nachbarschaften, bestehend aus einer Wohngemeinschaft, die gemeinsam mit Bauernhöfen ein nachhaltiges Ökosystem bilden. Die Idee beruht auf einem vorsichtigen Umgang mit Ressourcen und damit auch dem Schutz der Umwelt. Aber auch die Frage nach dem idealen Zusammenleben wird in «bolo’bolo» beantwortet. Denn gewohnt wird in einer Gemeinschaft, wo man sich mehr teilt als nur den Waschplan in der Waschküche. Dies war auch der Anspruch der zwölf Gründer*innen der Karthago Genossenschaft. Zuvor besetzte man Häuser, suchte nach alternativen Wohnformen und Wohnkonzepten, besprach Baupläne und besuchte Kommunen in Europa, um herauszufinden, wie diese lebten. Denn das Einfamilienhaus mit dem Vorgarten in Suburbia behagte keinem*keiner von ihnen.

Die Zeichnung eines Bolo, so wie es sich der Autor Hans Widmer vorgestellt hatte (Quelle: Wikipedia)

Einem Teil der Stadt waren die zwölf Visionär*innen jedoch ein Dorn im Auge. Als sie schliesslich von der Stadt ein Stück Land in Altstetten zur Verfügung gestellt bekommen hatten, ergriff die SVP die Initiative und legte ein Referendum ein. Da die Karthager*innen weniger Werbemittel hatten, verloren sie die Abstimmung – mit 300 Stimmen weniger. Dennoch gaben sie nicht auf und schauten sich weiter nach einem geeigneten Stück Bau oder Land um und hörten dann vom leerstehenden Wohnungsblock an der Zentralstrasse 150 im Kreis 3. Bevor sie jedoch offiziell mit den Verhandlungen begannen, stiegen sie über die nachbarschaftliche Dachterrasse und durch die Dachluke ins Gebäude, um sich ein Bild des Objekts zu verschaffen.

Es erstaunt, dass Lassner gar über ihre illegale Methoden offen spricht. «Ja, klar!», antwortet er auf die Frage, ob man das überhaupt so schreiben dürfe. Er lacht bei der Erinnerung an die geheime Erkundungsmission. Was sie damals sahen, gefiel ihnen, sie bekamen über den «Dachverband der Wohngenossenschaften» einen Makler und erstanden das Haus für drei Millionen. Nun galt es, den Grosshaushalt zu strukturieren und das Haus umzubauen. Architekt*innen fingen an, zu zeichnen und zu planen. Eine neue Ära konnte beginnen.

Nicht für jeden geeignet

Ein geteiltes Esszimmer und 54 Mitbewohner*innen, die alle im gleichen Haus leben, das mag nicht das richtige für jedermann oder jedefrau sein. Manch einer geniesst die Ruhe, die eine leere Wohnung bringen kann, wenn man alleine lebt. Auch die vielen Stunden, die in einem solchen Haushalt in die Organisation des Zusammenlebens investiert werden, mögen von vielen als anstrengend oder überflüssig empfunden werden. Und dennoch ist diese liebevoll gepflegte Gemeinschaft für jede*n eine Inspiration, der*die sich mehr Gedanken machen möchte über das Zusammenleben in einer Stadt oder, wie Lassner es nennt, «einem vertikalen Dorf». Das vertikale Dorf, das gibt den Bürgern die Chance, selbst in einer riesigen Stadt in einem rücksichtsvollen Umfeld zu leben. Und dies ist für alle Menschen relevant, auch für jene, die gerne alleine wohnen.

Titelbild: Marco Büsch

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