19. Januar 2022 um 11:00

Aktualisiert 19.01.2022

Winterrede Natalie Rickli: «In dieser Pandemie geriet unsere perfekte Welt ins Wanken»

Es ist wieder soweit: Karl der Grosse lädt zur alljährlichen Ausgabe der «Winterreden» ein. Vom 17. bis 28. Januar 2022 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede aus dem Erkerfenster des Karls. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!

Ist seit 2019 Zürcher Gesundheitsdirektorin: Natalie Rickli. (Fotos: Jill Oestreich)

Hier geht's zum weiteren Programm.

Rede: Natalie Rickli

Guten Abend liebe Zürcherinnen und Züricher und Gäste von weiter her.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal aus einem Erkerfenster eine Rede auf den Grossmünsterplatz halten werde. Wie Sie sich vorstellen können, habe ich aber in den letzten zwei Jahren einiges gemacht, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Ziemlich genau heute vor zwei Jahren wurde die chinesische Millionenstadt Wuhan abgeriegelt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Bilder. Menschen in Schutzanzügen desinfizierten Strassen. Das sah für uns ziemlich surreal aus, eher wie in einem Netflix-Film «Pandemic» oder so.

Damals konnten wir noch hoffen, dass wir ähnlich glimpflich davon kommen wie bei SARS 2003 oder bei der Schweinegrippe 2009. Doch leider kam es anders. Kurze Zeit später war das verheerende Virus auch in der Schweiz.

Mittlerweile beschäftigt uns alle die Pandemie seit bald zwei Jahren. Sie hat unser Leben zeitweise auf den Kopf gestellt. Es hat viele von uns an ihre Grenzen gebracht und grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Das gilt wahrscheinlich für uns alle, es gilt ganz sicher für mich persönlich. 

Ich bin seit bald drei Jahren Regierungsrätin und für das Gesundheitswesen im Kanton Zürich verantwortlich, zwei Jahre davon in einer Pandemie.

Eine Pandemie ist ja nicht ein abstraktes politisches Thema: Menschen werden krank, viele müssen ins Spital, einige kommen auf die Intensivstation. Es geht um Leben und Tod. Ich habe selber verschiedene Intensivstationen der Zürcher Spitäler besucht und kann Ihnen sagen, wenn man da schwangere Frauen sieht, 30-jährige Männer ohne wesentliche Vorerkrankungen, die wegen Covid beatmet werden müssen, macht man sich schon Gedanken. Und ja, es sterben auch Menschen an der Krankheit, zeitweise konnten sich die Angehörigen nicht einmal von ihnen verabschieden. Das sind für die Betroffenen schwierige Momente.

Es gab auch Zeiten, in denen Krebsbehandlungen und Herzoperationen verschoben werden mussten. Das ist für die Betroffenen und ihre Familie eine Katastrophe. Das hat mich nicht nur in meiner Rolle als Gesundheitsdirektorin beschäftigt, sondern auch als Mensch.

«Die Schweiz ist das einzige Land, in welchem über ein Covid-Gesetz abgestimmt werden konnte. Und dies gleich zweimal.»

Natalie Rickli

Corona ist aber nicht nur ein medizinisches Problem. Die Pandemie und die damit verbundenen Massnahmen für die Eindämmung und Bewältigung hatten drastische Auswirkungen auf uns alle. Auf Wirtschaft, Schulen, Kultur, Sport, wir als Gesellschaft, aber auch wir als Individuen sind herausgefordert und müssen uns ständig neu orientieren.

Denn in dieser Krise ändert sich die Informationslage rasch, oft täglich, teilweise schon fast stündlich. Denken Sie nur an die letzten Wochen: Omikron. Erst seit Ende November ist uns dies ein Begriff und was seither alles passiert ist. Jeden Tag neue Informationen. Die anderen Länder, der Bund und die Kantone, die neue Vorgaben machten. Ändernde Vorgaben des Bundes, der Kantone und der anderen Länder.

Im Regierungsrat, in der kantonalen Verwaltung, und vor allem zusammen mit meinem Team bei der Gesundheitsdirektion, aber auch mit unseren Partnern – den Spitälern, den Hausarztpraxen, den Apotheken, den Heimen, der Spitex und privaten Dienstleistern – sind wir ständig daran, der Situation gerecht zu werden, Lösungen zu suchen und in Szenarien zu denken. 

Winterreden22

Auch wenn man vieles kritisieren kann, wenn man das Ganze an objektiven Kriterien misst, hat doch vieles recht gut geklappt. Auch wenn die Pandemie noch nicht ganz überstanden ist und wir noch schwierige Wochen vor uns haben, kann man doch schon festhalten, dass wir in der Schweiz, wir hier in Zürich, im Vergleich mit anderen Ländern und Regionen sehr gut durch diese Pandemie gekommen sind.

Unser Gesundheitswesen hat immer funktioniert, die Todesfallzahlen in der Schweiz sind deutlich tiefer als beispielsweise in England, Frankreich oder Italien. Die Wirtschaft läuft insgesamt gut, die Arbeitslosigkeit ist auf dem gleichen Niveau wie vor der Pandemie. Eine Studie hat deshalb auch ergeben, dass es in dieser Pandemie keinen besseren Ort zum Leben gegeben hat, als die Schweiz und auch in Zürich. Wo auf der Welt hätten Sie während der Pandemie lieber leben wollen als hier in Zürich?

Und diese sehr guten Ergebnisse wurden dabei erst noch mit deutlich weniger Eingriffen in unsere persönliche Freiheit erreicht. Stellen Sie sich vor, wir hätten wie in vielen anderen europäischen Ländern ein Ausgehverbot erlassen und die Menschen zuhause eingesperrt. Oder sogar die eigenen Bürgerinnen und Bürger über Monate nicht ins eigene Land gelassen wie in Australien. Das wäre bei uns in der Schweiz nicht vorstellbar. Sie können auch schauen, was gerade jetzt wieder rund um die Schweiz herum passiert. Die Einschränkungen sind stärker, der Zwang grösser. 

Warum ist es uns denn in der Schweiz so gut gegangen? Ich bin sicher, ein ganz wichtiger Grund ist die Qualität des Gesundheitswesens. Und diese wird massgeblich geprägt von den Mitarbeitenden. Was diese in den letzten beiden Jahren geleistet haben ist schlicht grossartig.

Ärztinnen und Ärzte in Spitälern und Hausarztpraxen, Pflege- und Betreuungspersonal in Spitälern und Heimen, aber auch Apothekerinnen und Apotheker, die Mitarbeitenden der Spitex, im Contact-Tracing, in Impf- und Testzentren, meine Mitarbeitenden in der Gesundheitsdirektion, alle haben sich unermüdlich für die Bewältigung dieser Pandemie eingesetzt. Ihnen möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich danken, und ich bin sicher, ich tue das auch in Ihrem Namen.

Ein weiterer wichtiger Grund ist aber auch, dass wir Schweizerinnen und Schweizer gewohnt sind, Verantwortung für uns selbst und unser Umfeld zu übernehmen, und nicht immer darauf warten, bis es der Staat richten wird. Und deshalb möchte ich auch Ihnen ganz herzlich danken. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir so gut durch die Pandemie gekommen sind. Sie haben sich an die Massnahmen gehalten. Und Sie haben sich – so hoffe ich doch – impfen lassen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet.

So haben wir im Kanton Zürich auch eine der höchsten Impfquoten des Landes. 1,1 Mio. Zürcherinnen und Zürcher, über 80 Prozent der Personen ab 16 Jahren sind vollständig geimpft, deutlich mehr als die Hälfte davon auch schon geboostert. Ich bin stolz auf sie. Die meisten von Ihnen haben also ihre Eigenverantwortung wahrgenommen. Damit schützen Sie nicht nur sich, sondern auch Ihr Umfeld. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Platz auf der Intensivstation benötigen, ist damit sehr viel kleiner als ohne Impfung. Und die Belegung der Intensivbetten gibt in dieser Pandemie den Takt vor.

Jetzt höre ich schon einige von Ihnen sagen, dann stellt doch mehr Intensivbetten bereit. Aber erstens haben wir nicht das Personal dafür und zweitens können wir es auch nicht aus dem Hut zaubern. Abgesehen davon, haben wir im Kanton Zürich Massnahmen ergriffen, um die Personalsituation im Pflegebereich zu verbessern: Wir haben die Spitäler finanziell unterstützt, um den Betrieb sicherzustellen und den erhöhten Bedarf an Personal auf den Intensivstationen zu decken.

Im August 2020 intiierte Zürich als ersten Kanton die IPS-Unterstützungspflege-Ausbildung. Über 100 Personen konnten ausgebildet und eingesetzt werden. Um die Anstellungsbedingungen für das Pflegepersonal zu verbessern, hat die Gesundheitsdirektion gemeinsam mit den kantonalen Spitälern deren Personalreglemente überarbeitet. Und weiter ist es einfach eine Tatsache, dass die Intensivbetten zu 80 Prozent von Ungeimpften belegt werden. Würden sich alle, die das können, impfen lassen, wäre das Intensivbetten-Problem schon lange keines mehr. Und die Massnahmen hätten schon früher aufgehoben werden können.

Was sicher auch dazu beigetragen hat, dass wir bisher so gut durch die Pandemie gekommen sind, ist unser politisches System. Das wundert Sie jetzt vielleicht, gibt es doch nicht wenige, die finden, der schweizerische Föderalismus sei nicht krisentauglich.

Es ist schon so, dass es in gewissen Situationen rasche Entscheide und nationale Regelungen braucht. Der Wirrwarr der unterschiedlichen Regeln und das Pingpong zwischen Bund und Kantonen war nicht immer hilfreich. Und wahrscheinlich auch viele von Ihnen verunsichert. Aber insgesamt hat sich die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden bewährt.

Der Föderalismus und die direkte Demokratie sorgen dafür, dass ein Ausgleich der Interessen stattfindet, dass es keine Machtballung gibt und die Menschen im Lande in die Entscheidungen einbezogen werden. Das macht es auch einfacher, die getroffenen Entscheide umzusetzen. Die Schweiz ist das einzige Land, in welchem über ein Covid-Gesetz abgestimmt werden konnte. Und dies gleich zweimal.

Natürlich habe ich die teilweise gereizte Stimmung in unserem Land auch wahrgenommen. Ich kann punktuell die Kritik an den Behörden schon nachvollziehen. In der Schweiz ist man sich gewohnt, dass alles perfekt funktioniert. Von der Geburt bis zum Tod, in allen Lebenslagen. Wenn das Tram nur zwei Minuten Verspätung hat, werden wir ungeduldig und nervös. Für diese Zuverlässigkeit, die Präzision, die Ordnung werden wir im Ausland auch zurecht bewundert. 

Aber in dieser Jahrhundert-Pandemie geriet unsere perfekte Welt ins Wanken. Wir waren verunsichert und haben uns schwergetan, mit dieser unsicheren Situation umzugehen. Es gab keine schnelle und einfache Lösung für das Problem. Und sehr oft gab es auch nicht die einzig richtige Lösung. Man konnte bei vielen Themen zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Das hat zu grossen Diskussionen geführt, vor allem natürlich bei der Beurteilung der Massnahmen.

Die einen wollen Lockdowns und die anderen ihre volle persönliche Freiheit. Die einen wollen sich sofort impfen lassen, die anderen möglichst keine Spritze sehen. Ich finde es richtig und wichtig, dass Eingriffe in die persönliche Freiheit hinterfragt werden. Ich finde es aber auch wichtig, dass man sich bei politischen Entscheidungen auf wissenschaftliche Fakten stützt.

Und gerade in Krisen und speziell im Falle einer Pandemie müssen manchmal vorübergehend Einschränkungen in die persönliche Freiheit in Kauf genommen werden. Denn eine Pandemie geht nicht einfach weg. Denken Sie nur zurück, wo wir vor 14 Monaten standen. Es gab noch keine Impfung, die Intensivstationen waren voll und es starben in der Schweiz 100 Personen pro Tag an Corona. Es brauchte griffige Massnahmen, um diese Phase zu überstehen.

Und was die Impfung angeht, muss man feststellen, dass wir grosses Glück hatten. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass wir weniger als ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie schon eine wirkungsvolle und sichere Impfung hätten. Hier haben die Forscherinnen und Forscher Grossartiges geleistet.

Aber ja, sich impfen zu lassen ist ein sehr persönlicher Entscheid. Nur: eine Pandemie bewältigt man nicht alleine, sondern nur gemeinsam. Wenn alle denken, es reicht ja, wenn die anderen sich impfen lassen, kommen wir nicht weiter.

Aber wie gesagt: Diskussionen und kritisches Hinterfragen von Politik und von Verwaltung sind gut, sie sind die Basis unserer Demokratie, sie machen die Stärke der Schweiz aus.

Jetzt mit Omikron sind wir einmal mehr mit einer komplett neuen Situation konfrontiert. Wir wissen nicht mit Sicherheit, wie sie sich weiter entwickeln wird. Die neue Virusvariante ist so ansteckend, sie lässt sich nicht aufhalten. Die Zahl der Infektionen ist so hoch wie noch nie während der ganzen Pandemie weltweit. Wir haben eine sehr hohe Dunkelziffer, weil viele gar nicht merken, dass sie angesteckt sind, vor allem bei den geimpften. Und auch die Lage in den Spitälern ist stabil, trotz den rekordhohen Fallzahlen.

Und das, liebe Zürcherinnen und Zürcher sind gute Nachrichten: Omikron ist weniger gefährlich als die vorherige Deltavariante. Die eingesetzten Impfstoffe und der Booster schützen vor schweren Verläufen. Wir müssen deshalb jetzt sicherstellen, dass wir diese Phase, die hoffentlich schon Ende Februar, im März zu Ende gehen wird, gut überstehen. Es kann sein, dass wir uns dann wieder in der Normalität befinden. 

Und mit dieser Zuversicht komme ich auch zum Schluss, geschätzte Damen und Herren.

In den letzten zwei Jahren habe ich mich auch immer wieder gefragt, schaffe ich das, schaffen wir das, aber meine Verantwortung in meiner Rolle als Regierungsrätin, als Gesundheitsdirektorin für anderthalb Millionen Zürcherinnen und Zürcher hat mich immer wieder motiviert und mir Energie gegeben.

Danke für Ihre Unterstützung und fürs Zuhören – eine besondere Freude ist die morgige Rede der 2.- 5. Klasse der Schule am Wasser.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und gute Gesundheit.

Alle bisherigen Reden 2022:

  1. Winterrede Samuel Schwarz