Die Stickers in Zürich: Wo Fussball wichtiger ist als Politik

Aufkleber an Ampeln und Abfallkübeln sind omnipräsent. Ist das schon Sachbeschädigung und wer würde dann eigentlich bestraft? Eine genauere Betrachtung der Stickers in den Strassen Zürichs.
30. Oktober 2017

Achten die Stadtflaneur*innen erst einmal darauf, stechen sie ihnen alle paar Minuten ins Auge: Am Abfallkübel, Veloständer, Laternenpfahl und auf dem Strassenschild kleben sie. Repräsentieren Fussballclubs, hetzen gegen die Polizei oder bewerben ein Album. Die Stickers sind wie mittlerweile die O-Bikes Bestandteil des öffentlichen Raumes. Zeit, die Aufkleber genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Welt der Stickers
Grob lassen sich die Aufkleber in vier Kategorien einteilen:

  1. In die erste Kategorie gehören die Aufkleber der Fussballclubs: GC («d Nummer 1 in Züri») und FCZ («Wo du bisch sind mir», «Züri isch öis»). Mit den Stickern markieren die Fans ihr Territorium, wollen den jeweilig anderen aus ihrem Stadtbild und der Stadt mit einem Stadion für zwei Clubs vertreiben. Vermehrtes Aufkommen dieser Stickers ist rund ums Stadion Letzigrund zu beobachten und die Route von der Fritschiwiese – Treffpunkt einiger FCZ-Fans vor dem Heim-Match – dorthin ist gesäumt mit denselbigen.
  2. Eine weitere Kategorie sind die politischen Stickers wie «Free Nekane» oder «Ewiger Hass der Polizei». Die Botschaft ist klar: Kämpfen wir für Gerechtigkeit. Die Urheber*innen sind im Vergleich zu jenen von den Fussballclub-Stickers nicht klar zu eruieren, können aber meist einer politischen Ausrichtung zugeordnet werden.
  3. Eine grosse Gruppe machen die Stickers aus, die für ein Projekt werben und darauf deshalb der Absender auch deutlich zu erkennen sein muss. In diese Kategorie gehören beispielsweise die Aufkleber der Band Dabu Fantastic, die damit ihr Album «Drinks» bewerben. Zudem die Stickers, die auf ein Restaurant oder Club aufmerksam machen. Bei dieser Kategorie gilt die Devise: Wenn die Betrachter*in nicht auf den ersten Blick sieht, wer dahinter steckt, ist der Sticker wertlos. Es gibt keine Low-Budget Firma, die nicht auf die Idee kommt, Stickers zu produzieren. Sie sind wohl das billigste Werbemittel: Die Kund*innen identifizieren sich mit dem Unternehmen, wollen Teil der Bewegung sein und verteilen sie deshalb selbst in der ganzen Stadt. Sie sorgen so für Street-Credibility des Unternehmens. Zumindest mehr, als dass es ein stinknormales Plakat an der Litfasssäule tun würde.
  4. Als letzte Kategorie gibt es die «nebulösen» Sticker. Sie lassen den Betrachter*innen viel Interpretationsraum. Der*die Absender*in bleibt dabei meist im Dunkeln. «Ich liebe mein Leben» steht z.B. auf diesen Stickers. Nicht mehr – keine Webseite, nichts. Diese Sticker gehören damit zu «Kunst im öffentlichen Raum». Ihre Mission: Die Betrachter*innen zum Nachdenken anregen oder Verwirrung stiften.

Doppelte Ladung FCZ Stickers auf einem Strassenschild im Kreis 3

Je weiter oben, desto Fussballclub

Je weiter vom Boden entfernt der Sticker klebt, desto wichtiger ist den Anbringer*innen ihre Botschaft. Denn nicht für alles riskiert man einen verstauchten Knöchel. An Stellen, wo Stickers nur mit Kletterpartien angebracht werden können, pappen vorwiegend die Fussballclub-Stickers. Mit gleich viel Herzblut wie sie sich dem einen Fussballclub verschrieben haben, bringen sie auch die Stickers an, klettern dafür auf Abfalleimer und riskieren falls nötig eine unsanfte Landung. Je höher, desto länger bleiben sie dort auch kleben. Gleich unterhalb sind die politischen Stickers zu finden. In der Zürcher Sticker-Welt ist Fussball also wichtiger als Politik.
In angenehmer Höhe folgen die Projekt Stickers. Ganz nach dem Motto: «Ich mache gerne Werbung für mein Lieblings-Radiosender, aber dafür auf Verkehrsschildern rumzuturnen, das ist zu viel verlangt.» Auf gleicher Höhe etwa kleben auch die «nebulösen» Sticker.

Ballungsräume aller Stickers sind die Langstrasse und Zürich West. Dort, wo sich das jüngere Publikum bewegt, dort finden sich jene Laternenpfähle mit mehreren Schichten Stickers.

Vor lauter Stickern den Pfahl nicht mehr sehen...

Es könnte jeder gewesen sein

Einen Sticker anzubringen ist risikolos: Es dauert zwei Sekunden und geschieht meist unbemerkt. Eine Ladung Aufkleber im Jackensack, beim Rotlicht wartend, auf dem Velo sitzend, einen Kleber anbringen. Nichts leichter als das, zudem sind die Urheber*innen schwer zu eruieren. Der Sticker trägt keine persönliche Handschrift. Es könnte jeder oder jede gewesen sein. Und da taucht die Frage auf: Wer soll zur Rechenschaft gezogen werden? Die Person, die den Sticker aufgeklebt hat, oder die Firma, die sie produziert und sie unter den Kunden verteilt hat – mit der unterschwelligen Botschaft, sie in der Stadt zu streuen? Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich, gibt dazu folgende Auskunft: «Personen, die in flagranti ertappt werden, werden in der Regel verzeigt. Es kann auch vorkommen, dass aufgrund von Hinweisen oder Ermittlungen Täter nachträglich eruiert und verzeigt werden.» Es werden also grundsätzlich nur die aufklebenden Personen bestraft und nicht das Unternehmen hinter den Stickern.

Wenn es sich um eine Sachbeschädigung handelt, erstellt die Stadtpolizei einen Rapport für das Stadtrichteramt. Dieses legt dann die Höhe der Busse fest. Laut Judith Hödl handelt es sich aber nicht in jedem Fall um Sachbeschädigung. Das müsse jeweils einzeln beurteilt werden. Lässt sich ein Sticker sofort problemlos wieder entfernen, dann sei das keine Sachbeschädigung.

Alle sieben Jahre wird gereinigt
Wie lange bleibt denn so ein Sticker kleben? Viele Aufkleber sind auf Verkehrstafel zu finden. Heiko Ciceri, Sprecher der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich, sagt dazu: «Die Reinigung erfolgt gebietsweise und periodisch. Ziel ist es, alle sieben Jahre in jedem Gebiet zu reinigen.» Die Reinigung erfolgt aber schnellstmöglich, wenn die «Verunstaltung» Auswirkungen auf die Sicherheit hat – beispielsweise bei einem zugeklebten Lichtsignal.
Stickers sind die ungewollte Social-Media-Werbung in der analogen Welt – nur weniger aufdringlich und mit einem guten Targeting. Die Stickers lassen sich an jenen Orten anbringen, wo sich die Zielgruppe bewegt: Im Skatepark für die Snowboardmarke und am viel befahrenen Veloweg für die Veloinitative. Nerven tun sie höchst selten und sonst blendet man sie aus – was allerdings nicht mehr ganz einfach ist, hat man erst einmal darauf geachtet.

Alle Fotos stammen von der Autorin.

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