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Die Arbeit bei der Post beinhaltet mehr als das Ausliefern von Briefen und Paketen. (Alle Fotos: Elio Donauer)

Ab die Post: Mit Pöstler Sali auf Tour im Kreis 5

Im Jahr 2020 hat die Schweizerische Post so viele Pakete wie noch nie zugestellt. Stress pur für die Mitarbeitenden? Wir haben den 24-jährigen Pöstler Sali Etemi einen Morgen lang auf seiner Tour im Kreis 5 begleitet.
23. Januar 2021
Redaktorin

Zürich-Mülligen, zwei Tage vor dem schweizweiten Schneechaos. Hier, wo die Stadt aufhört und die Agglo anfängt, steht eines der insgesamt drei grossen Briefsortierzentren der Schweizerischen Post. Als Sali Etemi mich vor dessen Toren begrüsst, ist es in meiner Zeitrechnung noch Nacht. Sali hingegen ist bereits seit zwei Stunden auf den Beinen: Seine Schicht begann um fünf Uhr. An das frühe Aufstehen würde man sich gewöhnen, meint er. Unter seiner Maske zeichnet sich ein Lächeln ab. Sali ist nicht der einzige Pöstler, der von Schlieren aus Briefe und Pakete zustellt. 240 Mitarbeitende sind in diesem Briefzentrum für die Postzustellungen für die Stadt Zürich zuständig.

Neu ist immer besser

Sali führt mich in die Katakomben. Hier gibt es keine Fenster; stattdessen erscheint auf einem Bildschirm eine Liveaufnahme der Stadt Zürich. «Damit die Postbot*innen wissen, wie die Wetterverhältnisse sind.» Die Stadt schläft noch. Im Verteilerzentrum hingegen ist es laut, überall wuseln Menschen herum. Unmengen an Päcklis stapeln sich in Rollgitter-Wagen. Seit dem Beginn der Corona-Krise boomt der Online-Handel: Im Jahr 2020 wurden schweizweit 182,7 Millionen Pakete von den Mitarbeitenden der Post bearbeitet. So viel wie nie zuvor in der 170-jährigen Geschichte des Unternehmens.

Seit vergangenem März würden deshalb Pöstler*innen, die wie Sali mit dem Dreirad-Roller unterwegs sind, nebst Briefen zusätzlich auch Pakete ausliefern, erklärt Markus Werner von der Post-Kommunikationsstelle Region Nord. Eine Neuerung, die zur Entlastung der Paketbot*innen während dem ersten Lockdown eingeführt wurde. Traditionellerweise sei die Brief- und Paketzustellung strikt getrennt gewesen, so Werner.

Wir Postbot*innen arbeiten bei jedem Wetter und jeder Temperatur.
Sali Etemi

Ob er diese Neuerung gut fände, frage ich Sali. Er bejaht. Die Post würde sich darum bemühen, Innovationen voranzutreiben. Diese kämen auch den Mitarbeitenden zu Gute. «Wir hatten beispielsweise das Problem, dass die Anhänger mit den Paketen für die Dreiräder zu schwer wurden, wenn man sie an das Fahrzeug kuppeln wollte. Danach wurde zusammen mit uns Mitarbeitenden eine Lösung dafür ausgearbeitet. Nun hilft ein Stützrad, das Gewicht zu stemmen.»

Identität, Anonymität

Dass Arbeitnehmende als Quelle für Ideen angeschaut werden, gebe ihnen ein Gefühl von Anerkennung und Wertschätzung. Sali spricht sehr positiv von seiner Arbeitgeberin erwähnt die Angebote für Mitarbeitende, wie zum Beispiel ein vergünstigtes Handyabo oder ein Gratis-Halbtax. Er zeigt mit dem Finger auf die Betondecke. In der 1. Etage würde sich gar ein hauseigenes Fitnesszentrum befinden. Vor Corona habe er dort regelmässig trainiert.

Nun aber stehen wir an Sali’s Arbeitsplatz, vor uns türmt sich ein Gestell mit Fächern auf, davor liegt ein Haufen Briefe, ein Stapel Spendenbriefe und einige kleinere Pakete. Die Fächer sind mit Strassennamen versehen: Quellenstrasse, Josefstrasse, Motorenstrasse. Sali mag seine Tour mitten im Kreis 5. Nicht nur, weil er in der Stadt aufgewachsen ist. «Die Touren in den Städten sind zwar nicht weniger zeitaufwendig, aber man legt kürzere Distanzen zurück.» Auf dem Land sei das anders. Nach seiner Lehre hatte Sali in Regensdorf gearbeitet, dort habe er deutlich mehr Kilometer pro Tour zurückgelegt. 50 Kilometer pro Stunde schnell kann der gelbe Dreirad-Roller fahren. Während der 24-Jährige meine Fragen beantwortet, ordnet er die Briefe und legt sie in das entsprechende Fach.

Sind diese Briefe schon vorsortiert worden?

Ja, das erledigen glücklicherweise die Maschinen für uns. Sie ordnen die Post nach Postleitzahl und Strassennamen. Trotzdem kann es natürlich vorkommen, dass mal ein Brief bei mir landet, der in den Kreis 4 gehört. Aber dann bringe ich ihn schnell rüber zur zuständigen Abteilung – wir sind hier alle unter einem Dach.

Liest du manchmal Postkarten oder Briefe?

Nein, für alle Mitarbeitenden der Post gilt das Briefgeheimnis. Ausserdem hätte ich gar keine Zeit dafür.

Passen nicht alle Pakete in den Anhänger, hilft ein*e Pöstler*in von einer benachbarten Tour aus.

Kommt es vor, dass Adressen von Briefen nicht entziffert werden können, weil die Handschrift unleserlich ist?

Sowas kann schon mal vorkommen. Aber dann fragen wir im Team, ob es jemand lesen kann. Da gibt es schon so Spezialist*innen unter uns.

Und wenn es niemand schafft?

Für sogenannte unanbringliche Sendungen gibt es eine speziell eingerichtete Abteilung bei der Post. Diese darf im Extremfall auch Briefe öffnen, um den*die Absender*in herauszufinden.

Kennst du deine Empfänger*innen?

Je nachdem: Wenn man eine Tour schon länger macht, tauchen natürlich immer wieder Namen auf, die sich täglich oder wöchentlich wiederholen. Aber persönlich kennt man die Empfänger*innen meistens nicht.

In der Stadt sei es noch anonymer als auf dem Land. Dort habe es auch mal Weihnachtskärtchen oder Osterschokolade gegeben. Dass ihn die Bewohner*innen nicht gut kennen, stört Sali nicht. Angeschnauzt würde man selten werden. Dafür käme ab und zu eine Beschwerde via Mail reingeschneit.

Kritische Stimmen wurden laut

Sali ist Leiter eines 13-köpfigen Auslieferung-Teams im Kreis 5 und ist deshalb neben der Planung von Arbeitseinsätzen oder Ferientagen auch für die Bearbeitung dieser Beschwerdemails zuständig. Meistens gehe es um Briefe oder Pakete, die noch nicht zugestellt werden konnten. Gerade in der Vorweihnachtszeit hätten die gesetzlich vorgegebenen 24 Stunden Lieferzeit oft nicht ausgereicht, um die Päckli-Flut zu bewältigen. Am 15. Dezember 2020 verbuchte die Post schweizweit 1,3 Millionen Pakete. Ein Allzeitrekord. Vor Corona waren es an einem normalen Tag um die 600'000 gewesen.

Die Gewerkschaft Syndicom äusserte sich bereits Anfang Dezember 2020 kritisch zu dem erhöhten Arbeitspensum und der körperlichen und mentalen Belastung der Pöstler*innen. In einer Umfrage beim Deutschschweizer Personal der Tochterfirma Postologics gaben 70 Prozent an, dass sie das hohe Paketvolumen in den vergangenen Monaten «eher fest» oder «sehr fest» belasten würden. Neben Rückenschmerzen – ausgelöst durch das Hochheben und Herumtragen von Paketen bis zu 30 Kilogramm – ist es gemäss Syndicom aber vor allem der Dauerbegleiter Stress, der den Paketzusteller*innen Sorge bereitet.

Über das Corona-Jahr hinweg seien deshalb über 700 neue Stellen geschaffen worden, sagt Markus Werner. Plus 800 Teilzeitangestellte in der Vorweihnachtszeit. So hätten die Pakete auf mehr Schultern verteilt werden können. Mittlerweile habe sich die Lage wieder etwas entspannt. Zumal nach Weihnachten die Zahlen laut Werner wieder rückläufig gewesen sind. Vorerst, denn der erneute Lockdown werde dem Päckli-Boom wohl keinen Abbruch tun.

Die meisten Fussgänger*innen würden sich nicht daran stören, dass er mit dem Roller auf dem Trottoir fährt, sagt Sali.

Keine Regel ohne Ausnahme

Meine Pöstlerin im Quartier sei immer sehr gestresst, erzähle ich Sali. Wir sind im Kreis 5 angelangt, stehen in der Quellenstrasse. Es ist eiskalt, aber immerhin schneit es nicht. «Die Touren sind in der Regel so aufgeteilt, dass man sie gut in drei bis vier Stunden erledigen kann. Zudem können wir uns den Arbeitstag relativ flexibel und selbständig einteilen. Normalerweise dauert eine Schicht von 5 bis 13 Uhr. Wenn wir früher fertig sind, sind wir früher fertig – und umgekehrt. Vielleicht will deine Pöstlerin einfach immer etwas früher Feierabend machen.» Wir lachen. Sali steigt auf seinen Dreirad-Roller, düst wenige Meter, stoppt, steigt ab und nimmt einen Stapel Briefe, die wir vier Stunden zuvor im Verteilerzentrum sortiert hatten. Er drückt mir ein Bündel Spendenbriefe in die Hand.

Die kannst du in alle Briefkästen schmeissen.

Aber hier steht «Keine Werbung».

Ja, aber es gibt Werbung, die an alle geht.

Ah, ja?

Ja, zum Beispiel politische Werbung oder eben Spendenbriefe.

Ach so. Gibt es Möglichkeiten, solche abzubestellen?

Nein...

Geklaut wurde ihm auf seiner Tour noch nie etwas. Die Roller sind so konzipiert, dass sie nur fahren, wenn jemand darauf sitzt, der*die einen Schlüssel in Reichweite hat. Sali trägt diesen immer bei sich. Er habe schon einige Geschichten über die Tour an der Langstrasse gehört. Allerlei Kurioses. Etwas speziell ist auch Sali’s Fellmütze. Diese trage er vor allem, weil sie warm gibt. «Wir Postbot*innen arbeiten bei jedem Wetter und jeder Temperatur.» Zu diesem Zeitpunkt weiss Sali noch nicht, dass drei Tage später der Ausnahmezustand herrscht und einige Pöstler*innen ihre Touren abbrechen müssen.

Das Wetter im Winter sei der grosse Knackpunkt. Ansonsten liebt Sali sein Pöstlerleben. Deshalb wolle er auch weiterhin bei der Post arbeiten, eine interne Weiterbildung machen. Tatsächlich macht er es mir schwer, zu glauben, dass es auch Post-Mitarbeitende gibt, die weniger zufrieden mit ihrer Arbeitgeberin sind – doch bei schweizweit über 60'000 Angestellten ist dies wohl ein törichter Gedanke.

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