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8. Oktober 2022 um 04:00

Wer die Gästeliste nicht ehrt, ist den Eintritt nicht wert

Unser Nachtleben-Kolumnist Dominik André echauffiert sich darüber, dass sich Zürcher:innen zwar gerne auf die Gästeliste einer Party setzen lassen, dieses Privileg jedoch oft nicht zu würdigen wissen. Sie tauchen nicht auf, stattdessen stehen andere Gäst:innen draussen im Regen. Doch niemand ist perfekt – auch nicht unser Kolumnist.

(Foto: Illustration: Zana Selimi)

In Zürich existiert eine kühne Selbstverständlichkeit dafür, A – auf die Gästeliste eines Clubs zu kommen und B – einfach nicht aufzutauchen, wenn sich eine «lässigere» Option auftut. Leider komme ich nicht drum herum, dieses Verhalten als fehlenden Respekt und Wertschätzung für meine Arbeit zu verstehen. Doch zuerst eine Anekdote von Anfang Jahr.

Spontane Abendaktionen in Brüssel

Immer dann, wenn ich es am wenigsten erwarte, schlittere ich in die absurdesten Situationen. So zum Beispiel, als ich in Brüssel war. Ich habe mich gut auf die Tage dort vorbereitet und wusste, wen ich treffen werde und welche Veranstaltungen ich vom gerade stattfindenden Club- und Szenefestival «Listen» anschauen möchte. In der Stadt angekommen, machte ich mich sogleich auf zu Crevette Records. Der Plattenladen ist in ganz Europa bekannt für seine gute Auswahl an neuen und Secondhand-Platten. 

Zudem war ich auf einer Mission. Mit dem Ladenbesitzer war abgemacht, dass ich Platten von meinem Label vorbeibringen kann. Gerade erst angekommen und noch nicht mal im Laden drin, grinste mir Colin entgegen. Wir kennen uns aus Amsterdam und er war es, der mein Label einst in die Distribution aufgenommen hat, wo wir heute noch sind. Ich freute mich über das unerwartete Treffen und da wir uns eine Weile weder gesehen noch geschrieben haben, gab es einiges zu erzählen. Im Verlauf des Gesprächs lud er mich zur Party im Club C12 ein, bei der er noch am selben Abend spielte. Da ich für diese Nacht nichts geplant hatte, nahm ich die Einladung dankend an und freute mich auf das ungeplante Ereignis.

Mit ein paar Platten weniger im Gepäck unternahm ich auf dem Rückweg vom Plattenladen noch einen Abstecher zum lokalen Kiosk Radio. Ich wollte wirklich nur kurz die Lokalität inspizieren, da ich zwei Tage später selbst dort spielen würde. Es ging jedoch nicht lange, da wurde ich in diverse Gespräche verwickelt und als Identified Patient das letzte Set des Tages beendete, gesellte er sich anschliessend mit einer Zigarette im Mundwinkel und einem Bier in der Hand zu uns. Bald waren wir noch zu dritt, betrunken und hungrig. Job, wie Identified Patient eigentlich heisst, wollte sich noch kurz hinlegen, da er später im Club Fuse spielte. Mir sollte es recht sein, ich hatte das Ticket von Colin, und obwohl das Fuse mit seinem Namen und seiner Geschichte verlockend war, stand es nicht auf meiner Prioritätenliste. 

Zwischen Hustle und schlechtem Gewissen

Fast Forward. Zu viel Bier, eine undurchsichtige Anzahl an Chickenwings und stundenlanger Shittalk später landeten wir mit Hilfe des DJ-Status von Job im Backstage des Fuse. Selbst an diesem Punkt glaubte ich noch fest daran, dass ich es ins C12 schaffe, um der Einladung von Colin nachzukommen. 

Bis heute war ich nie im C12 und mich plagt ein sehr schlechtes Gewissen. 

«Für viele Menschen gehört das Husteln nach Gästelistenplätzen zum wöchentlichen Ritual und irgendjemand kennt immer irgendjemanden.»

Dominik André

Was den Umgang mit Einladungen und Gästelisten angeht, bin ich offensichtlich keinen Deut besser als die vielen Freund:innen und Bekannten, denen ich gratis Tickets und Gästelistenplätze ermöglichte und die dann nie auftauchten. Klar, es ist ein Ding der Unmöglichkeit, eine Ausgehnacht zu planen, und man landet in vielen Fällen nicht da, wo man hin wollte.

Für viele Menschen gehört das Husteln nach Gästelistenplätzen zum wöchentlichen Ritual und irgendjemand kennt immer irgendjemanden. Was im ganzen Hustle jedoch oft vergessen geht: Andere arbeiten dafür, damit sie jemanden gratis an eine Veranstaltung lassen können. Dazu kommt, dass der Job als DJ und Veranstalter:in nur dann funktioniert, wenn Menschen bereit sind, Eintritt zu bezahlen.

«Dabei handelt es sich bei der Gästeliste um ein Privileg. Wie mit jedem Privileg geht man aber auch hierbei mit Respekt um.»

Dominik André

Im Magazin «Groove» beschrieb Martina Dünkelmann die Arbeit im Nachtleben, als Arbeiten «wo andere Urlaub machen, respektive feiern.» Und wenn sich Gäste als König:innen verstehen, vergessen sie gerne ihre Manieren und das wird durch den imaginierten Status der Gästelistenplatzbesetzer:innen noch verstärkt. Dabei handelt es sich bei der Gästeliste um ein Privileg oder eine bewusste Bevorzugung, die es Veranstalter:innen und Clubs erlaubt, die Eintritte zu regulieren. Wie mit jedem Privileg geht man aber auch hierbei mit Respekt um. So bürgt die Person, die einen mit einem Platz auf der Gästeliste betraut und das muss eigentlich Grund genug sein, ein guter Gast zu sein.

Ich setze sehr gerne jede Person auf die Gästeliste und unternehme auch gerne Zusatzanstrengungen, um den Eintritt zu ermöglichen. Ich vertraue der Person, die mich nach einem Platz auf der Gästeliste fragt, ein guter Gast zu sein und dass diese Person auch kommt und den Platz nicht einfach reserviert. Weil durch das Nicht-Erscheinen bleibt vielleicht jemand draussen, der tatsächlich gerne die Veranstaltung besucht hätte – und vielleicht sogar kommt wegen dem was ich mache. In Fällen des Nicht-Erscheinens wünsche ich mir, diese Gästelistenplätze an Menschen vergeben zu haben, die vor dem Club in der Schlange stehen und sich nicht aufgrund von «was ist die angesagteste Party» und «wo komme ich gratis rein» entscheiden, eine Veranstaltung zu besuchen.

Dominik André

Dominik André schreibt seit einigen Jahren über DJ-Kultur, Musik-Nerd-Kram und manchmal auch über das Musikgeschäft. 2014 mitbegründete er das Onlinemagazin 45rpm.ch und schrieb eine Zeit lang für das Groove Magazin in Berlin und das Szene- und Eventportal ubwg.ch. Als aktiver DJ und Betreiber des Plattenlabels Subject To Restrictions Discs lebt er mit, um und in Clubs und Plattenläden. Für Tsüri.ch schreibt er regelmässig über Clubkultur und was die hiesige DJ-Szene grade umtreibt.