Kinderbetreuerin: «Wenn wir streiken, bricht das Chaos aus.»

Eine kleine Gruppe von Fachpersonen Betreuung (FaBe) wehrt sich gegen die prekären Arbeitsumstände in der Kinderbetreuung. Die «trΩtzphase» kritisiert Personalmangel, zu wenig Lohn und vor allem zu wenig Wertschätzung für ihren Beruf. Tsüri.ch hat Mitgründerin Camilla Carboni für ein Interview getroffen.
21. November 2017

Dass ein Elternteil zuhause auf die Kinder aufpasst, ist ein Zustand aus dem letzten Jahrhundert. Es ist fast schon Normalität, dass man bereits Babys und Kleinkinder in eine Kindertagesstätte bringt. Die Kitas bauen so auch stetig ihre Anzahl an Krippenplätzen, ihre Angebote und die Öffnungszeiten aus. Doch ein rasantes Wachstum bringt auch immer neue Probleme zum Vorschein. In der Kinderbetreuung beklagt man sich über Mangel an Fachkräften. Dies bekommen nicht nur die Betreuer*innen selbst zu spüren, sondern auch die Kinder.

Gegen diese Missstände wollen sich acht Kinderbetreuer*innen jetzt wehren und haben dafür die Gruppe «trΩtzphase» gegründet. Die Fachpersonen Betreuung (FaBe) haben keine Lust mehr auf schlecht bezahlte Jobs, auf zu lange Arbeitszeiten und keinerlei Wertschätzung für was sie leisten. Diesen Freitag feiern sie sich im Provitreff nun selbst. «Will’s suscht niemert macht», heisst es auf dem Flyer. Unterstützt werden sie dabei vom Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD.

Tsüri.ch hat «trΩtzphase»-Mitgründerin Camilla Carboni getroffen. Sie hat eine Lehre als FaBe abgeschlossen, anschliessend die Berufsmaturitätsschule besucht und studiert momentan Psychologie an der ZHAW. Trotzdem setzt sie sich für ihren ehemaligen Beruf ein. Sie gibt sich kämpferisch und unerschrocken.

Camilla Carboni verteilt Flyer und sensibilisiert an der ersten Berufsmeisterschaft für
Fachfrauen und -männer Betreuung FaBest.

Die Trotzphase nennt man beim Kind jenen Lebensabschnitt, wenn es sich weinend zu Boden wirft und Wutanfälle hat. Dabei lehnt sich das Kind gegen die Eltern auf, testet Grenzen aus. Wem gilt euer Trotz?
Uns stört die fehlende Anerkennung der Gesellschaft für unseren Beruf. Um Kleinkinder zu betreuen, haben wir eine dreijährige Lehre abschliessen müssen und doch ist die allgemeine Meinung, dass jeder, der Kinder mag, uns ersetzen könnte. Das geht so weit, dass manche Kitas und FaBes nicht einmal mehr selbst an den Verdienst ihrer eigenen Anerkennung glauben. Ein Selbstwertgefühl für den Beruf fehlt gänzlich und wirklich schätzen tut uns kaum jemand.

Wie äussert sich das?
Wenn ich erzähle, dass ich FaBe bin, weiss eigentlich niemand wirklich, was wir machen. Aber es scheint sie auch nicht wirklich zu interessieren. Sie denken einfach, dass wir den ganzen Tag mit den Kindern spielen. Dass viel mehr dahinter steckt, traut unserem Beruf niemand zu. Eine langjährige Freundin hat mich erst jetzt, wo es die «trΩtzphase» gibt, das erste Mal gefragt, was ich denn den ganzen Tag so mache. Ihr war nicht bewusst, dass mein Beruf derart facettenreich und wichtig ist. Aber genau deshalb stört sich auch niemand daran, dass unser Lohn schlichtweg zu tief ist. Mit dem Geld könnte ich kaum meine Familie ernähren.

Was ist der Mindestlohn?
Es gibt keinen. Es gibt lediglich Lohnempfehlungen. Aber auch die sind unterirdisch. Nach der Lehre verdient man zwischen 4’000 bis 5’000 Franken. Viel besser wird der Lohn danach auch nicht, weil es im Beruf nur wenige Weiterbildungsmöglichkeiten gibt.

Weshalb trotzt ihr genau jetzt?
Es ist auffallend, dass wir mit Mitte 20 bereits zu den Dienstältesten gehören. Und schon jetzt sind wir am Anschlag. Viele von uns sind ausgebrannt. Die Kitas sind häufig überbelegt und es herrscht Personalmangel. Unter solchen Umständen zu arbeiten nimmt die Freude am Beruf. Man kann die Prioritäten oft nicht richtig setzen. Die Zustände im Arbeitsalltag sind prekär. Wir trotzen, damit wir Wertschätzung erhalten und den Beruf wieder mit mehr Freude ausüben können. Denn eigentlich ist die Arbeit mit Kindern wunderschön – sich dafür einzusetzen lohnt sich.

Wie wirkt sich das aus?
Viele wechseln den Beruf, sobald sie können. Ich kann mich daran erinnern, dass wir im letzten Lehrjahr gefragt wurden, wer im Beruf bleibe und wer nicht. Über die Hälfte der Klasse hat damals bereits den Entschluss gefasst, dem Beruf den Rücken zu kehren. Aber wir lieben unseren Beruf und sind uns sicher, dass wir wichtige Arbeit leisten. Wir wollen nicht einfach weiterziehen, sondern bleiben, um die Situation zu verbessern. Wir wollen, dass wir unseren Beruf wieder schätzen können und die Menschen in unserem Beruf bleiben.

Mit deinem Psychologie-Studium wechselst ja auch du den Beruf.
Das stimmt. Die Lehre hat mir Spass gemacht. Aber nach dem dritten Lehrjahr war mir klar, dass ich weg von diesem Beruf will. Er hat mich nicht genügend herausgefordert und es gibt kaum Weiterbildungsmöglichkeiten. Deshalb studiere ich jetzt Psychologie.

Die fehlende Wertschätzung plagt nicht nur euch. Das geht fast allen so. Oder wüsstest du, was zum Beispiel ein Postangestellter den ganzen Tag macht?

Nein, weiss ich nicht. Mir ist bewusst, dass es viele andere Berufe gibt, die auch nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdient hätten. Dass viele Menschen nicht genug verdienen, um gut über die Runden zu kommen. Wenn man sieht, dass einige derart viel verdienen, müssten sich ohnehin viel mehr Menschen wehren. Aber wir müssen uns für unser Berufsfeld stark machen – und für die Kinder, denn sie sind nicht in der Lage, sich zu wehren.

In der Facebook-Gruppe sucht die «trΩtzphase» den Dialog untereinander.

Auf eurem Titelbild auf Facebook steht: «Beschämend, dass wir jene, die auf unsere Kinder aufpassen, schlechter bezahlen, als die, die auf unser Geld aufpassen». Die Antwort ist ernüchternd: Sie generieren Geld – ihr nicht.
Ja, es geht immer nur ums Geld und Macht. Viele haben noch nicht begriffen, dass wir ja eben jene Kinder betreuen, welche später dann in die Wirtschaft kommen. Wir versuchen, den Kindern einen möglichst guten Start ins Leben zu bereiten. Misslingt dieser Start, kann das einen auch im weiteren Leben noch prägen.

Die Betreuung von Kindern wurde bis Ende des letzten Jahrhunderts als eine notwendig von der Frau verrichtete, unbezahlte Arbeit gesehen. Weshalb soll man heute plötzlich dafür bezahlen?
Es hat ein grosser Wandel stattgefunden. Zum Glück! Endlich dürfen Frauen auch arbeiten und sich anderweitig als Hausfrau und Mutter verwirklichen. Eine Frau muss dieselben Möglichkeiten haben wie ein Mann. Durch die Kinderbetreuung wird dies gewährleistet.

Es könnte ja trotzdem jemand zuhause bleiben.
Es ist schön, wenn es sich eine Familie leisten kann. Aber das können viele nicht. Deshalb braucht es uns.

Früher gab es einfach Mütter. Die waren auch keine professionell ausgebildeten Arbeitskräfte. Auch deren Kinder sind gross geworden.
Eine Mutter – wie auch übrigens ein Vater – leisten zuhause eine ganz andere Arbeit als wir in der Kita. Das kann man nicht vergleichen. Die Eltern erziehen ihre Kindern geleitet durch ihr Gefühl und ihre Werte. Es ist anders, wenn man die eigenen Kinder betreut. Bei uns gibt es ein pädagogisches Konzept, dem wir folgen. Wir bilden und fördern die Kinder. In der Kita lernen Kinder andere Kompetenzen als zuhause, wie zum Beispiel Sozialkompetenzen. Aber ich bin schon auch der Meinung, dass es nicht schlecht wäre, wenn Eltern sich über eine zeitgemässe Erziehung informieren würden. Denn ihre Beziehung kann gute wie auch schlechte Auswirkungen auf das Kind haben. Das begleitet das Kind ein Leben lang.

Aber braucht es wirklich eine dreijährige Lehre, um Kinder zu betreuen?
Das ist eines der meistgehörten Vorurteile. Vor Kurzem habe ich ein Inserat gefunden, bei dem für unregelmässige Einsätze Frauen mit ausreichenden Deutschkenntnissen gesucht wurden, welche gut mit Kindern umgehen können. Es werden viel zu oft nicht qualifizierte Menschen eingestellt, um Engpässe zu verhindern. Und nein, ganz im Gegenteil; die Ausbildung müsste noch länger sein! Die Anforderungen im Beruf steigen stetig. Es wird alles komplexer. Wir müssen heute beispielsweise auch den Anforderungen für Kinder mit Migrationshintergrund wie auch Kinder mit Behinderung gerecht werden. Es ist super, dass alle Kinder inkludiert sind. Aber das birgt andere Facetten, welche in der Lehre überhaupt nicht thematisiert wurden, und wenn, dann nur am Rande.

Wie war das für dich damals in der Berufsschule?
In der Schule war ich oftmals unterfordert. Fast jeder kann FaBe werden, auch wenn den Ausbilder*innen bewusst ist, dass manche nicht für den Beruf geeignet wären. Zusätzlich machen viele Lernende die FaBe-Lehre, einfach damit sie eine Lehre gemacht haben. Die Kitas sind wiederum auf die Lernenden angewiesen. Ohne sie könnte kaum ein Arbeitsplan gefüllt werden. Das löst eine Negativspirale betreffend der Qualität aus. Wenn weder die Berufsschulen, noch die FaBes selbst ihren Beruf mit Überzeugung ausführen können, fehlt es auch an einem Selbstwertgefühl des Berufes. Bis es einen dann nicht einmal mehr stört, dass die Wertschätzung nicht stimmt.

Für die Gesellschaft ist eure Arbeit kaum sichtbar. Nicht viel anders als die Sorgearbeit von Müttern und Vätern. Wie wollt ihr dieser Unsichtbarkeit entfliehen?
Wir müssen die Menschen dazu bewegen, überhaupt über unseren Beruf zu reden. Wir wollen, dass über unseren Lohn, über unsere Arbeitsbedingungen und über unsere Ausbildung gesprochen wird. Deshalb haben wir die «trΩtzphase» gegründet und planen verschiedene Aktionen. Momentan sind wir uns vor allem am Vernetzen mit unseren Berufskolleg*innen. Darum machen wir diesen Freitag eine Party im Provitreff. Wir wollen mit ihnen ins Gespräch treten und herausfinden, welche Probleme überhaupt bestehen. Und dann feiern wir uns selbst, da es ja sonst niemand macht.

Am Freitag feiern sich die FaBes im Provitreff selbst: «Will's suscht niemert macht».

Eine Party und ein paar Gespräche werden den öffentlichen Diskurs noch lange nicht anregen.
Gehört zu werden, ist sehr schwer. Wenn es nötig ist und wenn wir genug FaBes sind, machen wir vielleicht eine Demo. Oder im schlimmsten Fall treten wir in den Streik. Spätestens dann werden uns die Menschen wahrnehmen. Es würde verdeutlichen, was geschehen würde, wenn wir nicht wären.

Das würde viele Menschen, nicht zuletzt die Eltern, wohl verärgern.
Vorerst würden wir wohl nicht gross auf Verständnis stossen. Aber das ist normal. Das Verständnis müssen wir uns erkämpfen.

Wie kommt der griechische Buchstaben Omega eigentlich in euer Logo?
Omega ist das Zeichen des Widerstandes und der letzte Buchstaben des griechischen Alphabetes. Das heisst bis zum Schluss. Das ist unsere Haltung. Wir hören nicht auf, wenn wir auf ein bisschen Gegenwind stossen. Es geht einfach nicht mehr so weiter. Es kann nicht sein, dass eine FaBe alleine mehr als drei Babys betreuen muss. Der Konkurrenzkampf zwischen den Kitas führt zu längeren Öffnungszeiten und so zu noch längeren Arbeitstagen. Die Kitas probieren sich gegenseitig, mit guten Angeboten zu überbieten, um freie Plätze zu belegen. Das wirkt sich auf die Qualität aus und die FaBes leiden darunter. Viele können schlichtweg nicht mehr. Deshalb trotzen wir.

Es kommt vor, dass jemand alleine mit acht Babys ist?
Das kam schon vor, ja. Dafür gäbe es eigentlich eine Krippenaufsicht. Doch diese meldet sich immer schön an, bevor sie vorbeikommt. Beispielsweise weiss ich von einem Fall, bei dem man die Arbeitspläne absichtlich so angepasst hatte, dass man am Tag des Aufsichtstermins genügend Personal hatte. Was aber in der Realität dann ganz anders ausgesehen hätte. Alles wurde vorbesprochen, um möglichst der Aufsicht zu gefallen.

Was muss sich ändern, damit ihr euren Beruf wieder mit mehr Freude machen könnt?
Wir brauchen genügend Personal. Wir wollen weniger Kinder auf einmal betreuen müssen, denn wir brauchen genügend Zeit, um uns um ein Kind zu kümmern – vor allem, wenn wir merken, dass das Kind uns braucht. Wenn wir krank sind, wollen wir zuhause bleiben dürfen, ohne das schlechte Gewissen, dass die Kita auseinander fällt, weil man nicht auftaucht. Es muss doch drin liegen, krank zu sein, zuhause zu bleiben und zu genesen. Das ist heute nicht so. Wir fordern einen Gesamtarbeitsvertrag. Die Ausbildung und die Anforderungen an die Lernenden müssen angepasst werden. Die pädagogische Arbeit muss zeitgemäss werden. Und wir wollen höhere Löhne. Es ist zwar nur Geld, aber auch eine Form der Wertschätzung.

Titelbild: Timothy Endut

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