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Feminismus-Kolumne: «Mansplaining» in der Musikbranche

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In der heutigen Kolumne stellt Pascale Niederer fest: In der Musikbranche geben die Männer den Ton an.
17. Oktober 2020
Kolumnistin / Das da unten

«Jungs hängen mit Jungs, kennen Jungs und buchen Jungs» Mit diesem simplen Satz erklärt mir meine Freundin Miriam Heinzer, weshalb sie als Frau in der Musikbranche benachteiligt ist. Ich sitze mit ihr bei einem Feierabendbier zusammen und wir sprechen über ihre Erlebnisse als Sängerin. Seit 15 Jahren steht Miriam auf der Bühne, seit einem Jahr als Second Daughter mit eigenen Songs. Trotz dieser langjährigen Erfahrung und einem Master in Musikpädagogik erlebt sie unzählige Situationen, in welchen sie nicht ernst genommen wird. Sie erzählt mir, dass ihr noch immer «mansplained» werde, wie sie das Mikrofon zu halten oder die eigenen Monitore hinzustellen habe.

«Als Frau* ist es einfach schwieriger in diesen Boy’s Club hinein zu kommen und wenn du dann drin bist musst du dich mehr beweisen, vor allem, was das technische Know-How angeht.», führt Miriam aus. Weiter beschreibt sie, weshalb es überhaupt so schwierig ist, als Frau* in der Schweizer Musikbranche Fuss zu fassen: «Vieles kommt über die richtigen Beziehungen zustande und weil noch immer hauptsächlich Männer tonangebend sind, werden Frauen* weniger oft unter Vertrag genommen oder weniger oft gebucht.» Da ich musiktechnisch eine absolute Laiin bin und sich mein Tun auf den Konsum von Musik und Konzerten beschränkt, habe ich mir nie wirklich Gedanken über die Schweizer Musikszene gemacht. Mir leuchten Miriams Ausführungen ein. Ich frage mich, ob andere Frauen*, die ebenfalls in der Musikbranche tätig sind, ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

Um mehr zu erfahren, nehme ich mit der Tontechnikerin Norina Largiader Kontakt auf. Norina ist in der Postproduktion tätig, was heisst, dass sie Radiosendungen kreiert, Werbespots abmischt und Audio für Sendungen aufnimmt. Sie bestätigt mir das Bild, welches Miriam bereits beschrieben hat. «Ich bin die einzige Frau in meinem Betrieb und obwohl ich am vorherigen Arbeitsort nicht die Einzige war, waren wir klar in der Unterzahl. Dort bekam ich die Stelle sogar, weil ich eine Frau bin und sie bewusst die Frauenquote anheben wollten.» Dass sie als Frau nicht immer respektiert wird, merkte Norina, als sie noch als Tontechnikerin an Live-Konzerten gearbeitet hat. Damals kam es immer mal wieder vor, dass ihre Anweisungen von aus Männern bestehenden Bands ignoriert wurden.

Auch Norina beschreibt diesen Boy’s – oder wohl passender Men’s Club: «Stell dir ein Studio vor, in welchem ein neues Album einer hippen, zeitlosen Rockband aufgenommen wird. Die Band, bestehend aus vier Männern, lebt das Leben des Rock’n’Rolls. Sie sitzen hinter dem Sound Engineer und trinken Bier, während einer hinter der wohlbekannten Glasscheibe das Beste von sich gibt. Der Typ am grossen Mischpult mit unendlich vielen Knöpfen und Faders ist ein bärtiger Mann im besten Alter.» Norina gibt zu, dass sie dieses Bild überzeichnet. Doch grundsätzlich seien es solche Bilder, die Frauen* abschreckten und davon abhielten in der Musikproduktion zu arbeiten.

Je mehr ich über die Schweizer Musikszene erfahre, desto klarer ist zu erkennen, dass die Strukturen problematisch sind. Die wichtigen Entscheidungsträger sind hauptsächlich Männer, welche bewusst oder unbewusst mehrheitlich andere Männer fördern. Diese Männer können Erfahrungen sammeln, sich weiterentwickeln und besser werden. Dadurch werden sie bekannter als Frauen*. Diese Bekanntheit hat dann zur Folge, dass es sehr viele männliche Vorbilder gibt, jedoch kaum weibliche. Auch Miriam merkte, wie wichtig gleichgeschlechtliche Vorbilder sind: «Alle Jungs, mit denen ich aufgewachsen bin und mit denen ich in Bands gespielt habe, hörten die gleiche Musik wie ich. Beatles, Stones, Queen. Aber in all diesen Bands hatte es keine Frauen*. Für die Jungs war klar, dass sie Schlagzeug, Gitarre oder Bass spielen werden. Ich hatte zwar weibliche Vorbilder, aber die waren immer nur Sängerinnen. Ich kannte keine Frauen*, die sich selbst produziert haben oder Instrumente gespielt haben – deshalb dauerte es so lange, bis ich mich ans Songschreiben und die Instrumente gewagt habe.

Elia Meier, Leitung Kommunikation bei Helvetiarockt, nennt ebenfalls fehlende Vorbilder als einer der Hauptgründe, dafür, dass Frauen* in der Musikbranche markant untervertreten sind. Der Verein Helvetiarockt hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauen*anteil in der Musikbranche zu erhöhen und ihnen den Zugang dazu zu erleichtern. Laut Helevtiarockt besteht die Bühnenpräsenz in Pop, Rock und Jazz aus nur 15 Prozent Frauen*. In der Musikproduktion seien gar nur 2 Prozent, als Lehrpersonen an Schweizer Musikhochschulen nur 12 Prozent Frauen* tätig. Die Zahlen, so Elia, basieren auf eigenen Zählungen und solchen von Medien, da es noch keine schweizweite Studie dazu gebe. Ich finde tatsächlich keine offizielle Untersuchung, stosse jedoch auf eine Vorstudie der Universität Basel. Darin sollen bis Anfang 2021 die Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb untersucht werden. Eine weitere Vorstudie, welche ich entdecke, erhob im Zeitraum von 2008 bis 2017 den Frauenanteil in der Basler Pop-Szene. Dabei wurden 898 Bands mit insgesamt 2859 Musiker*innen untersucht. Die Auswertung zeigt, dass davon 2573 Personen männlich und nur 286 Personen weiblich sind, was einem Frauenanteil von 10 Prozent entspricht.

Heute bin ich meine eigene Produzentin
Miriam

Um die Branche zu stärken lanciert Helvetiarockt am 20. Oktober die Plattform www.musicdirectory.ch. Es ist eine Datenbank auf der sich Frauen*, Trans- sowie Interpersonen und non-binäre Menschen in der Schweizer Musikbranche vernetzen und sichtbar machen können. «Die Datenbank ist für Musiker*innen, Tontechniker*innen, Produzent*innen, Filmer*innen, Booker*innen und viele mehr. Alle Funktionen und Niveaus sind auf musicdirectory.ch Willkommen.», betont Elia. Dadurch werden nahbare und zugängliche Vorbilder generiert. Zudem kann die Datenbank von unterschiedlichen Akteur*innen für Recherche genutzt werden. Wird eine Stelle frei oder ein neues Bandmitglied gesucht, wird mensch auf der Datenbank fündig.

Letztes Jahr hat Helvetiarockt zudem die Diversity Roadmap, eine Art Empfehlungssammlung zur Förderung der Diversität, erstellt. Elia erklärt, was der Grundgedanke dahinter ist: «Unsere Gesellschaft ist divers - dies soll sich auch auf und hinter den Bühnen, im Publikum und in den Organisationsstrukturen widerspiegeln. Teams sollten wann immer möglich mit Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Herkunft sowie Leuten mit oder ohne Einschränkungen besetzt werden. So verringern wir blinde Flecken.» Wichtig ist auch eine barrierefreie Infrastruktur, Interventionsmassnahmen bei sexualisierter Gewalt und Diskriminierung, gendergerechte Sprache sowie ausgewogene Line-Ups.

Um auf individueller Ebene der fehlenden Diversität in der Schweizer Musikszene entgegenzuwirken, nimmt Miriam Heinzer ihre Rolle als Musikpädagogin wahr: Ich zeige den Kindern vielfältige musikalische Vorbilder und ich versuche sie an genderuntypische Instrumente heranzuführen.» Miriam ist zudem im feministischen Streikhaus in der AG Bandraum aktiv. Interessierte können dort Musik machen, sich austauschen und Projekte realisieren.

Ich wundere mich, ob diese individuellen und kollektiven Bemühungen dem Ungleichgewicht in der Musikbranche entgegenwirken und frage nach. «In den letzten zwei Jahren hat sich ein Umdenken bemerkbar gemacht. Früher haben wir an viele Türen geklopft, die nicht aufgemacht wurden. Wir wurden nicht angehört. Heute treffen wir jedoch viele offene Türen an und manchmal werden wir sogar eingeladen. Clubs oder Festivals möchten sich in Bezug auf die Diversität verbessern. Es wundert mich jedoch, wie nachhaltig diese Veränderungen sind.» meint Elia. Auch Miriam ist der Meinung, dass es immer mehr tolle Vorbilder für junge Frauen* gibt. Die Arbeit sei jedoch noch lange nicht erledigt. So sei es beispielsweise wichtig, dass sich die Künstler*innen gegenseitig unterstützten. Deshalb versucht sie nach dem Grundsatz «Support your local female* artists.» zu leben.

Dieser Grundsatz gefällt mir und die Aussagen stimmen mich positiv. Auch dass in der Musikproduktion ein Bewusstsein für eine Frauenquote vorhanden ist, deute ich als ein Zeichen, welches in die richtige Richtung zeigt. Gibt es weiterhin Leute, die sich für die Diversität in der Musikszene einsetzen, glaube ich an eine nachhaltige Veränderung. Es scheint logisch, dass die auf Männer ausgerichteten Strukturen durch die Förderung durchmischter Teams und ausgewogener Line-Ups langsam aber sicher aufgebrochen werden können. Der Men’s Club wird wohl Mühe haben, fortzubestehen.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Alle Kolumnen findest du hier.

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