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Foto: Flicker / Silvision / CC BY-ND 2.0

Es ist Weltfrauentag und ich bin «hässig»

Polizeigewalt gegen Frauen in Zürich, ein «Ja» zum Verhüllungsverbot und ein offener Brief von diskriminierten Redaktorinnen an ihre Geschäftsleitung. Das vergangene Wochenende zeigte einmal mehr, wie lange der Weg hin zu einer gleichgestellten Gesellschaft noch sein wird. Ein Kommentar zum Weltfrauentag – der hoffentlich nicht nur von Frauen gelesen wird.
08. März 2021
Redaktorin

Es ist der 8. März. Weltfrauentag. Im Jahr 2021. Und ich sollte meine Kolleginnen «empoweren». Stattdessen bin ich hässig, kann kaum wahrhaben, was in den vergangenen Tagen passiert ist: Polizeigewalt gegen Frauen, das «Ja» zum Verhüllungsverbot und ein Brief von Tamedia-Redaktorinnen an ihre Geschäftsleitung, der von den Medien kaum aufgegriffen wird. All diese Ereignisse generieren ein Abbild unserer Gesellschaft, das mich erschaudern lässt, mich zutiefst deprimiert und ermüdet. Und ich weiss, vielen Frauen geht es gleich. Auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden, schreibe ich diese Zeilen aus meiner Wut heraus.

Die Demo

Aber alles auf Anfang: Am Samstag, dem 6. März 2021, gehen in Zürich – anlässlich dem Weltfrauentag – hunderte Frauen auf die Strasse, um auf ihre Rechte aufmerksam zu machen. Die meisten tragen Masken, halten die geforderten Abstände ein. Trotzdem wird die unbewilligte Demo von Polizeieinheiten gemäss Augenzeug*innen gewaltvoll aufgelöst. Videos in den sozialen Medien zeigen Szenen, die schockieren. In einem davon wird eine junge Frau zu Boden gedrückt. Sie wehrt sich nicht, fleht jedoch den Polizisten an, sie loszulassen. Es dauert mehrere Minuten, bis dieser von ihr ablässt. Ich frage mich ernsthaft, welche Gründe gut genug sein können, um ein solches Verhalten seitens der Polizei zu rechtfertigen. Immerhin haben wir gemäss Verfassung ein Demonstrationsrecht – egal, ob bewilligt oder nicht. Reichen also die Umstände, dass die Demo nicht bewilligt war, aus, um derart repressiv vorzugehen?

Die Antwort der Polizei scheint klar: «Ja». Denn zur gleichen Zeit findet in Chur eine Demo von fast 4000 (!) Corona-Skeptiker*innen statt, die – surprise, surprise – von der Polizei nicht aufgelöst wurde. Diese ist bewilligt gewesen. Anscheinend Grund genug nicht einzuschreiten; trotz offensichtlichem Ignorieren der Corona-Regeln, sprich Maske tragen und Abstand wahren, seitens einer Grosszahl der Teilnehmenden. Der Verantwortliche der Churer Stadtpolizei spricht gegenüber SRF von einer «Güterabwägung». Eine Abwägung, die in Chur für die Corona-Skeptiker*innen und in Zürich scheinbar auf die Kosten der demonstrierenden Frauen ausfiel. Und eine, die meiner Meinung nach stark zu kritisieren ist.

Der Brief

Doch wer jetzt glaubt, die Willkür der Polizei alleine reiche aus, um mein Blut zum Kochen zu bringen, hat weit gefehlt. Solche masslos übertriebenen Einsätze der Zürcher Stadtpolizei kommen schliesslich immer wieder vor. Was nicht heissen soll, dass es mich nicht wütend und traurig macht, aber beim x-ten Mal nimmt frau es hin, lässt sich 1312 (steht für «All Cops are Bastards») unter die Haut und ins Herz tätowieren und versucht, optimistisch zu bleiben: Am gleichen Tag wie die gewaltsamen Polizeieinsätze an der Frauendemo erreichte mich die Nachricht eines offenen Briefes von Tamedia-Journalistinnen an ihre Geschäftsleitung. In diesem äussern sie sich kritisch zur momentanen Situation in den Redaktionen: «Der Umgangston ist harsch. Frauen berichten von Beleidigungen durch Vorgesetzte, die von anderen Personen mit Cheffunktion entschuldigt und toleriert werden.» Bei der Themenfindung seien Frauen zwar oft Gegenstand, aber selten Teil der Diskussion. Die 78 Journalistinnen fordern von ihrer Geschäftsleitung unter anderem mehr Anstand, eine stärkere Förderung und mehr Frauen in Führungspositionen.

Im ersten Moment war ich baff, im zweiten zollte ich den Schreiberinnen meinen grössten Respekt. Und ich freute mich auf die sonntäglichen Schlagzeilen – um einmal mehr enttäuscht zu werden. Denn nur wenige Medien schienen das Anliegen als wichtig genug einzustufen. Haben die, welche nicht berichten, kein Problembewusstsein? Oder wissen sie, dass die Zustände bei ihnen kaum besser sind? Man kann nicht nicht kommunizieren, sagte einst Watzlawick und ich stimme ihm zu.

Die Abstimmung

Nach diesen Vorfällen war ich also schon mehr als hässig, an diesem Abstimmungssonntag im März 2021. Ein «Nein» zum Verhüllungsverbot hätte meine Stimmung aufhellen können und du würdest diesen Text heute vermutlich nicht lesen. Doch die Schweizer Stimmbevölkerung wollte es anders und mir wurde schmerzlich bewusst, in welcher Bubble ich doch lebe. Wer sind diese 51,2 Prozent, diese 1'427'626 Menschen, die «Ja» zum Burka-Verbot stimmten? So richtig wütend wurde ich allerdings erst, als ich sah, dass gemäss Nachwahlbefragung rund 56 Prozent der Männer und nur 49 Prozent der Frauen für ein Verbot stimmten. Einmal mehr haben also Männer etwas über die Köpfe der Frauen hinweg entschieden – mit Folgen, unter denen Frauen leiden müssen.* Hallo, 21. Jahrhundert!

Es ist der 8. März. Weltfrauentag. Im Jahr 2021. Und ich sollte meine Kolleginnen «empoweren». Doch das ist nicht immer einfach, in Zeiten wie diesen – nach Tagen der Niederlage, wo mir einmal mehr bewusst wurde wie lang der Weg zu einer Gleichstellung noch sein wird. Ich werde wohl noch einige Male hässig werden müssen.

*Mir ist durchaus bewusst, dass hier eine generalisierte Aussage fehl am Platz ist: Es sollen sich diese Männer angesprochen fühlen, die gemeint sind.

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