Denkmal: mal denken # 2: Das nackte Mädchen der Landiwiese

Alle sehen sie, doch kaum jemand kennt sie: Statuen, Monumente, Büsten. Zürich ist voller eindrücklicher Skulpturen mit einer spannenden Geschichte. In der Artikelserie «Denkmal: mal denken» erzählt Redaktor Severin die Geheimnisse dieser stummen Denkmäler. Im zweiten Teil erklärt er, wie aus der Furcht des Zweiten Weltkrieges die Landiwiese erschaffen wurde und wieso ausgerechnet dort ein nacktes Mädchen steht.
12. Juli 2019

Unbeschwert und gemütlich ist sie: Die Landiwiese, einer der beliebtesten Badeorte in Zürich. So lange gibt es diesen ruhigen Rückzugsort aber noch gar nicht. Vor genau 80 Jahren wurde die Landiwiese geschaffen, um dort Schweizer Patriotismus zu feiern.

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges glorifiziert die Schweiz ihre helvetische Eigenart in Zürich. Jahrelang beobachtet man erschrocken die aggressive Eroberungspolitik der Nationalsozialisten – dieser Nachbarn, die zwar die gleiche Sprache sprechen und doch fremder kaum sein könnten. Aus der nationalen Verunsicherung heraus entsteht so die «Landi 39».

Aus der Furcht Stärke schöpfen

Hauptschauplatz der Landesausstellung ist das linke Seeufer bei Wollishofen. Um mehr Platz zu schaffen, wird mit dem Aushubmaterial des nahe gelegenen Enge-Tunnels eine umfangreiche Seeauffüllung durchgeführt und so die Landiwiese aufgeschüttet.

(Die neue und die alte Schweiz werden an der Landi 39 präsentiert. Quelle: ETH Bildarchiv)

Vom 6. Mai bis 29. Oktober 1939 findet die grosse Landesausstellung statt. Zweck der Ausstellung ist das Selbstbewusstsein der Schweiz zu stärken: «Die LA soll ein Bild schweizerischer Eigenart und Kultur, schweizerischen Denkens und Schaffens vermitteln, sie soll die vorwärts strebenden wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Kräfte unseres Landes sammeln und darstellen.», heisst es im eigenen Reglement.

Während auf der Landiwiese die moderne Schweiz mit ihren technischen Errungenschaften aus Industrie und Architektur – Uhren, Tourismus, Verkehr, Bahnen, Post und Telephon, Kleider und Mode, Essen, Elektrizität – gezeigt werden, wird im Landidörfli auf der gegenüberliegenden Seeseite die konservative und bäuerliche Schweiz dargestellt. In Zwölf Gebäuden aus verschiedenen Kantonen werden Themen wie Landwirtschaft, Kulturtechnik, Markt und Propaganda, Pflanzenbau, Mosterei usw. veranschaulicht.

(Kein Augen verschliessen: Auch Krieg ist ein Thema an der Landi. Quelle: ETH Bildarchiv)

Zwischen der alten und neuen Schweiz zelebriert die Landi aber vor allem auch ein Sinnbild von Patriotismus, Wehrhaftigkeit und Solidarität. Die starke Schweizer Armee wird von ihrer besten Seite präsentiert. Pathetische Gemälde, Waffenschau, Ausrüstungen – das alles soll den Besucher*innen Mut machen.

Am 1. September wird die Landi jedoch für kurze Zeit geschlossen. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Nazideutschland überfällt Polen und Europa wird für die nächsten sechs Jahre brennen. Sofort wird die Schweizer Armee mobil gemacht und die an der Landi zur Schau gestellten Waffen entfernt, da sie für den Wehrdienst gebraucht werden. Nach drei Tagen eröffnet General Guisan höchstpersönlich die Landi wieder.

(Postkarte der Landi 39. Quelle: ETH Bildarchiv)

Ein Mädchen im Reich der Männer

Zahlreiche Wandgemälde und Skulpturen werden sogar eigens für die Landi 39 geschaffen. Die berühmteste darunter ist sicherlich «Das Mädchen mit erhobenen Händen».

Splitternackt und mutig steht die Bronzefigur auf einem hohen Podest und streckt die Arme in die Höhe. Gemacht wurde das Mädchen von Hermann Haller, «Begründer der neuzeitlichen Plastik in der Schweiz», wie er im Künstler-Lexikon der Schweiz beschrieben wird. Schon lange vor Hallers berühmtestem Werk kennt man den Bildhauer in der Kunstszene Europas. In Paris gehört er zum Kreis um das Café du Dôme, das auch die deutschen Top-Kunsthändler Paul Cassirer und Alfred Flechtheim frequentierten. Auch bei den Zürcher Behörden geniesst Haller hohes Ansehen. So stammt beispielsweise auch das Reiterstandbild von Hans Waldmann vor dem Fraumünster von Haller.

(Auch die Kunst an der Landi ist helvetisch geprägt. Quelle : ETH Bildarchiv)

Am meisten verbindet man Haller jedoch mit der Darstellung von nackten Frauenkörpern. Neben den anderen Skulpturen der Landi 39 («Knabe mit Pferd», «Schreitender Löwe», «Wehrbereitschaft» etc.) sticht das nackte Mädchen klar heraus.

Im Krieg geboren, von Frauen behütet

Knapp 20 Jahre später könnte es für die Bronzefigur allerdings keinen besseren Platz geben. 1958 findet die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) statt. Austragungsort ist wieder die Landiwiese. Die Ausstellung steht unter dem Motto: «Lebenskreis der Frau in Familie, Beruf und Staat» und zeigt Frauenarbeit, die nach Ansicht der Organisatorinnen zu wenig geschätzt wird. Ganz in der Nähe Bronzefigur wird eine künstliche Insel angelegt, die aus diesem Grund heute noch Saffainsel» genannt wird. Schon fast ikonographisch heisst das Mädchen mit erhobenen Händen die Frauenausstellung willkommen. Ein Bild, das so gut passt, dass man die Bronzestatue heute viel eher mit der Saffa verbindet als mit der patriotischen Landesausstellung.

Nächste Woche geht es weiter mit Teil 3 der Artikelserie. Dort erklärt Severin, wieso das berühmte Alfred-Escher-Denmkal beim HB eigentlich verkehrt herum steht...

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(Titelbild: Stadt Zürich)

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