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«Alle, die von Lohn leben, sollten öfter über Geld reden»

Wer sich in Bern mit Geld beschäftigt, kommt nicht an Simon Küffer vorbei. Ein Gespräch über Akzeptanzprobleme und Schokokuchen.

Der Berner Simon Küffer forscht zu Geld und rappt als Tommy Vercetti.

Manche behaupten, Zürich höre beim Milchbuck auf. Dass das nicht stimmt, wissen wir längst. Doch um deinen Horizont über die Stadtgrenzen noch ein bisschen mehr zu erweitern, wählen wir für dich jeden Sonntag eine Perle von unseren verlangsunabhängigen We.Publish-Partnermedien aus.

Dieser Text ist bereits auf unserem Partnerportal Hauptstadt erschienen. Das Onlinemagazin Hauptstadt gehört wie Tsüri.ch zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz und informiert seit Anfang 2022 Berner:innen und Nicht-Berner:innen über die Geschehnisse in der Schweizer Hauptstadt.

Die «Hauptstadt» trifft Simon Küffer im Salon d’Or des Berner Casinos. Immerhin soll es im Gespräch um Geld gehen. Küffer steuert sofort auf die Vitrine mit der Pâtisserie zu. «Den Schokokuchen muss ich mir für die Bestellung merken.» Wenig später serviert der Kellner das glänzende Gebäck mit Goldverzierung.

Simon Küffer, dieser Kuchen kostet 9.50 Franken. Nicht gerade wenig für ein Dessert.

Das ist völlig überzogen für meine Verhältnisse. Aber der Kuchen ist fein, darum ist es ein guter Deal.

Geben Sie viel Geld für Essen aus?

Mehr, als eigentlich nötig wäre. Ich esse gerne auswärts und habe eine Schwäche für Schokolade. Zwei, drei Mal pro Jahr leiste ich mir gute Pralinen. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet aber der Schokokuchen im McDonald’s.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Ich persönlich rechne Geld vor allem in Zeit um. Spiele ich ein Konzert, überlege ich mir, wie lange ich von der Gage leben kann, ohne dass ich meinem Brotjob nachgehen muss. Unter den aktuellen Bedingungen bedeutet Geld Freiraum, um das zu tun, was ich eigentlich möchte.

Seit vier Jahren schreiben Sie an einer Doktorarbeit zum Thema Geld. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Geld seither verändert?

Intellektuell hat es einen anderen Stellenwert erhalten. Mir ist bewusst geworden, dass Geld unser Denken ganz grundsätzlich prägt – aber auch unseren Alltag. Meine Freundin ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Noch heute kauft sie im Supermarkt Dinge, nur weil sie Aktion sind. Ganz nach dem Motto: Fein oder nicht, Hauptsache zwei Franken gespart. Dabei ist sie heute in der privilegierten Lage, dass diese zwei Franken keinen Unterschied mehr ausmachen.

Kommen wir zum Kernthema: Was ist Geld?

Eine wichtige Frage! Weil da schon alle Fehler beginnen. Geld ist eine Form zu denken, die eine soziale Realität schafft – vereinfacht: eine soziale Konvention. Darum kann es keine Naturgesetze über Geld geben. Die ganze Ökonomie aber ist naturwissenschaftlich geprägt. Sie beruht also auf völlig falschen Grundlagen.

Wie ist Geld als soziale Konvention zu verstehen?

Geld weist einem Phänomen eine ökonomische Bedeutung zu. In Form von inhaltslosen Einheiten. Dadurch werden Dinge miteinander vergleichbar, die eigentlich ohne Zusammenhang sind.

Zum Beispiel?

Ein Fass Erdöl und dass uns jemand die Haare schneidet. Beides ist eigentlich unvergleichbar. Durch das Zuweisen abstrakter Einheiten scheint dies möglich. Zudem lässt sich diese Einheit materialisieren, zum Beispiel in Form von Banknoten. Und daran können Menschen wiederum Eigentum erlangen und damit handeln. Was dazu führt, dass viele denken, Geld sei eine Substanz, etwas Messbares.

Dabei ist eine Banknote grundsätzlich nichts als Papier.

Genau. Sie erhält ihren sogenannten Wert erst durch Akzeptanz. Ich kann eine Tausendernote besitzen. Wenn sie aber niemand akzeptiert, ist sie bloss ein nutzloses Stück Papier. Geld braucht Akzeptanz.

«Geld ist, wie vorhin erwähnt, nichts.»

Simon Küffer

Wie entsteht diese Akzeptanz?

Menschen akzeptieren Geld schlicht deshalb, weil sie wissen, dass es andere Menschen auch wieder akzeptieren. Es funktioniert zirkulär. Damit hat Geld aber ein grundlegendes Akzeptanzproblem.

Was meinen Sie damit?

Geld ist, wie vorhin erwähnt, nichts. Wieso sollte ich jemandem Lebensmittel liefern, wenn mir diese Person im Gegenzug ein Stück Papier gibt? Weiter: Warum sollten Menschen ein Geldsystem akzeptieren, das ihnen in vieler Hinsicht schadet? Ausserdem entspricht die heutige Geldmenge dem x-fachen der globalen Wirtschaftsleistung – man kann damit gar nichts kaufen.

Trotzdem akzeptieren wir als Gesellschaft Geld. Wie wird das Akzeptanzproblem gelöst?

Mit sogenannten Beglaubigungsstrategien. Sie stützen die Akzeptanz des Geldes.

Wie sehen solche Beglaubigungsstrategien aus?

Die Zentralbank als Institution ist eine solche Beglaubigungsstrategie. Sie soll unser Vertrauen in das Geld und das Geldsystem fördern. Früher auch die Religion, beispielsweise indem Jesus auf die Rückseite von Münzen geprägt wurde. Zudem fördern Staaten die Akzeptanz von Geld direkt, indem sie Steuern verlangen. Ihre Bürger*innen sind so gezwungen, Geld zu beschaffen, um die Steuerschuld zu begleichen – und damit natürlich, Geld zu akzeptieren.

«Hier ist das gute Leben!», sei die Botschaft des Salon d'Or im Casino, sagt Simon Küffer. (Foto: Manuel Lopez)

In Ihrer Forschung widmen Sie sich ästhetischen Beglaubigungsstrategien. Was ist das?

Da gehört die ganze Werbung dazu. Sie zeigt uns ganz sinnlich, was es alles für Geld zu kaufen gibt. Sogar Gefühle wie Liebe. Oder Bankenwerbung: Die zeigt zum Beispiel einen Baum mit viel Laub, der ein Gefühl von Stabilität und Wachstum vermittelt. Genau das, was Kunden von einer Bank erwarten.

Welche Rolle kommt dabei Bargeld, also physischem Geld, zu?

Bargeld ist eine wichtige Beglaubigungsstrategie. Es nährt die Vorstellung, Geld sei etwas Materielles und liege bei der Bank gebündelt in einem Tresor. Dabei existiert nur ein Bruchteil allen Geldes in physischer Form. Trotzdem denken die meisten beim Stichwort Geld zunächst an Bargeld.

Wieso wird Bargeld schön gestaltet? Eigentlich ist ja egal, wie Banknoten aussehen, solange man damit bezahlen kann.

Die feingliedrigen Ornamenten, unterschiedlichen Materialien und komplexen Drucktechniken bei der Herstellung von Banknoten implizieren eine hohe Werthaftigkeit. Die Tausendernote ist derart hightech, dass man ihr ihren Wert schon fast glaubt, wenn man sie in den Händen hält. Oder umgekehrt formuliert: Billig und lieblos gestaltetem Geld würden wir weniger vertrauen.

«In unserer Gesellschaft geht soziale Anerkennung einher mit Reichtum.»

Simon Küffer

Wir befinden uns im Salon d’Or des Casino, umgeben von goldenen Stühlen und Lampen. Welche Erzählung über Geld trägt dieser Raum?

Reichtum will immer zeigen: «Hier ist das gute Leben!». Das ist das Geld-Beglaubigende daran. Dazu kommt das soziale Prestige. In unserer Gesellschaft geht soziale Anerkennung einher mit Reichtum. Auch zwischen Geld und Prestige gibt es eine zirkuläre Anerkennungsschlaufe.

Wie meinen Sie das?

Wer etwas leistet, hat soziale Anerkennung verdient, die er in Form von Geld erhält – so die Annahme. Das heisst umgekehrt: Wer Geld hat, hat anscheinend geleistet und kann leisten. Reichtum zu zeigen, verspricht also Prestige – und mehr Geld, weil man natürlich denen gibt, die leisten können. Darum ist es zum Beispiel in bestimmten Bankabteilungen Gebot, teure Uhren zu tragen.

Wie beim Geld handeln wir in diesem Fall aufgrund von Schein. Ist das ein Problem?

Nicht zwingend. Der Mensch handelt regelmässig aufgrund von Schein. Gesetze, Moral, Religion sind nichts Handfestes und dennoch sinnvoll, um das gesellschaftliche Zusammenleben zu regeln.

Was ist denn das Problematische an Geld?

Geld hat zwei strukturelle Probleme. Einerseits, weil in einer Geldgesellschaft diejenige Person mit Geld stets im Vorteil ist. Die Akzeptanz der Ware ist stets fragwürdig: Die Arbeiterin weiss zum Beispiel nicht, ob sie ihre Arbeitskraft verkaufen kann, also angestellt wird. Die Person mit Geld hingegen weiss, dass sie stets etwas dafür erhalten wird. Geld ist nicht neutral.

Und was ist das zweite strukturelle Problem von Geld?

Weil man durch den Kaufakt das Geld auch immer wieder loswerden muss, ist der Besitzende stets von der Angst getrieben, plötzlich kein Geld mehr zu haben. Der deutsche Philosoph Karl-Heinz Brodbeck hat das sehr schön erkannt: Geldgier ist dem Geld strukturell inhärent. Und weil Geld keine Obergrenze besitzt, ist auch der Gier nach mehr keine Grenze gesetzt.

Simon Küffer: «Geld ist anti-demokratisch.» (Foto: Manuel Lopez)

Was sind die Vorteile von Geld?

Geld stinkt zum Beispiel nicht. Sobald jemand Geld hat, spielen die soziale Herkunft, die Familienzugehörigkeit oder die Religion keine Rolle mehr. Diese Emanzipation machte und macht Geld bis heute möglich. Gerade diese Eigenschaft droht Geld aktuell aber zu verlieren.

Aus welchem Grund?

Weil das Bargeld zunehmend verschwindet. Und digitales Geld bringt das Risiko der Identität und Nachverfolgbarkeit zurück. Das mag positive Seiten haben – etwa in der Kriminalitätsbekämpfung – bringt aber auch negative mit sich. Widerstand ist nur mit Bargeld möglich. In Ländern, wo Menschen verfolgt werden, bleibt die Euphorie für die bargeldlose Gesellschaft aus. Bargeldlosigkeit ist ein Phänomen der Privilegierten.

In der Schweiz wird ungern über Geld gesprochen. Weshalb dieses Tabu?

Weil damit natürlich Fragen der Macht, Verteilung und Gerechtigkeit verbunden sind. Im Rahmen meiner Forschung habe ich über 200 Werbebilder von unterschiedlichen Banken untersucht. Dabei wurde nicht einmal der Begriff Geld verwendet. Und das, obwohl Geld das Geschäft einer Bank ist. Selbst in den Wirtschaftswissenschaften spielt Geld als Erkenntnisgegenstand eine Nebenrolle.

Sollten wir folglich öfter über Geld sprechen?

Alle, die von Lohn leben, sollten öfter über Geld reden. Und alle, bei denen Geld knapp ist, sollten öfter darüber sprechen. Aber auch Politiker sollten mehr über Geld reden. Und zwar nicht so, wie das die FDP heute macht – nach dem Motto: Der Finanzmarkt ist eine komplexe Sache. Sondern darüber, wo das Geld herkommt und wo es hingeht. Follow the money. Als Linker bin ich mir sicher: Die Linke in der Schweiz würde bessere Politik machen, wenn sie mehr über Geld sprechen würde.

Wieso ist Ihrer Meinung nach gerade auf politischer Ebene die Thematisierung von Geld wichtig?

Der neoliberale österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek sagte sinngemäss: Preise sind Befehle. Das ist erstaunlich ehrlich, denn Geld ist anti-demokratisch. Obwohl jede*r nur eine Stimme haben sollte, hat Elon Musk massiv mehr Entscheidungsmacht als jemand, der kein Geld hat. Und statt zu fragen, wie man gesellschaftliche Belange auch ohne Geld regeln könnte, erdreisten sich Politiker und fragen bei der Reform des Gesundheitswesens bloss: «Wer soll das bezahlen?»

Was wäre Ihr Ansatz zur Lösung des Problems?

Wir müssen diesen Naturalisierungsprozess durchbrechen. Geld ist nichts Natürliches. Es ist etwas Soziales, bei dem Menschen bestimmen, ob und wie es das gibt. Wir brauchen einen respektloseren Umgang mit Geld.