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Zurich Pride: Ein Blick zurück

Die Pride ist vorbei und wir wagen einen kritischen Blick zurück.
14. Juni 2017
Redaktorin

Vorweg möchte ich eins klarstellen: Die Zurich Pride Demonstration am Samstagnachmittag war ein wunderschöner Anlass und dem Organisationskomitee muss Respekt gezollt werden für seine Arbeit. Ich habe keine einzige Person getroffen, die den Anlass und das anschliessende Fest auf dem Kasernenareal nicht genossen hat. Mehrere Personen, die bereits an Prides in anderen Ländern teilgenommen haben, bestätigten, dass sich die Zürcher Pride im Vergleich mit grösseren Städten keinesfalls verstecken muss. Wer beim Umzug mitgelaufen ist, hätte den Eindruck bekommen können, dass in der Schweiz mit den Rechten und der Akzeptanz der LGBTQIA-Community alles im grünen Bereich ist. Das diesjährige Motto «no fear to be you» beschrieb gerade die Stimmung bei den jungen Teilnehmer*innen der Jugend-Pride sehr gut, auch wenn es sich eigentlich auf LGBTQIA-Geflüchtete bezog.

Dennoch gibt es auch im Nachhinein innerhalb der LGBTQIA-Community Diskussionen über gewisse Aspekte der Veranstaltung. Die Meinungen über die Ausrichtung des Anlasses gehen auseinander, doch um sich weiterzuentwickeln tut es Organisationen und Interessengruppen durchaus gut, den Status Quo immer wieder zu hinterfragen.

LGBTQIA... wie bitte?

Für Aussenstehende ist es jeweils schwierig, den Überblick zu behalten, deshalb vorweg eine kurze Erläuterung des Begriffs LGBTQIA für diejenigen, die sich nicht intensiv mit dem Thema befassen. Früher sprach man von Lesben und Schwulen, um die Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, zu beschreiben. Der neuere Begriff beschreibt ebendiese Menschen, die sich selbst als lesbisch, schwul, bezeichnen, aber auch Leute, die bisexuell, transsexuell, queer, intersexuell oder asexuell sind.

Kritik an der Pride

Die neunzehnjährige Teilnehmerin Nadia Kuhn, welche sich im Kanton Zürich politisch engagiert und auch innerhalb der LGBTQIA-Community aktiv ist, fasste in einem Facebook-Post die Punkte, welche ich von verschiedenen Teilnehmer*innen gehört hatte, sehr gut zusammen. In der Diskussion unter dem Post teilen aber insbesondere Mitglieder des OKs nicht die ganze Kritik:

Diversität

Betreffend übermässiger Vertretung von weissen, schwulen Cis*Männern am Umzug hörte ich in meinem Umfeld von einem schwarzen, schwulen Mann, der genau aus diesem Grund dem Anlass fernblieb. Was mich persönlich an der fehlenden Diversität störte, war jedoch die Tatsache, dass sich der Vorstand der Pride aus genau zwei Frauen und sieben Männern zusammensetzt, wobei keine Frau das Präsidium oder Co-Präsidium innehat. Auch im OK engagieren sich im Gegensatz zu 13 Männern nur zwei Frauen. Hier finde ich, ist es auch an den Frauen und Trans*Menschen sich mehr einzubringen und Einfluss zu nehmen.

Jugendpride

Ich habe den Eindruck und die Hoffnung, dass sich die Diversität mit der nächsten Generation der LGBTQIA-Community einiges ändern wird. Bei der Jugend-Pride, welche Teil der offiziellen Zurich Pride ist und seit 2013 von der Jugendorganisation Milchjugend organisiert wird, lief und tanzte eine in allen Belangen bunt gemischte Gruppe von etwa 200 Jugendlichen mit. Bereits zum zweiten Mal wurde der Jugendpride der hinterste Platz zugeteilt, womit die Organisator*innen nicht ganz glücklich waren. Das OK meinte aber, so die grössere Aufmerksamkeit zu bekommen als mittendrin.

Die Milchjugend versucht als Vertretung der Community jeweils die verschiedenen Jugendorganisationen, die sich für LGBTQIA-Themen stark machen zu koordinieren. Den Jugendlichen wird ermöglicht von anderen Städten aus gemeinsam anzureisen (wenn nötig mit finanzieller Unterstützung), um zu sehen, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung nicht alleine sind.

Sponsoring oder Pink Washing?

Ob die Credit Suisse Hauptsponsorin ist oder zusammen mit der UBS den Anlass als Partnerin unterstützt, macht rein politisch und ethisch keinen Unterschied. Es ist eine Tatsache, dass die Aktivitäten, die diese Banken betreiben mitunter dazu beitragen, dass sich in anderen Ländern korrupte, konservative, kriegslustige Politiker*innen halten können. Dies wiederum führt dazu, dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Kriegssituationen flüchten müssen. Wäre es nicht die Aufgabe anderer Schweizer oder internationaler Firmen, diesen Anlass zu unterstützen und als Werbeplattform zu nutzen? Denn, wie ein Mitglied des OKs festhält, «ist man für einen so grossen Anlass nun mal auf Sponsoren angewiesen».

LGBTQIA-Flüchtlinge

Am Anfang des Umzuges wurden sie gemäss Vorstandsmitglied Alan Sanguines auf dem Münsterhof offiziell begrüsst und durften den Umzug mit einem eigenen Wagen anführen. Gemäss Aussagen von Alan Sanguines erwähnten mehrere LGBTQIA-Flüchtlinge, dass dies für sie “der schönste Tag des Jahres gewesen sei.” Einzelne Fluchtgeschichten wurden stellvertretend von Aktivist*innen von Queeramnesty und dem Transgender Netzwerk Schweiz vorgelesen, weil sich die Betroffenen nicht getrauten, diese selbst vorzulesen.

Selbstverständlich ist es oft schon rein aus sprachlichen Gründen nicht einfach, solche Leute zu finden, ganz abgesehen davon, dass bei Leuten aus einem anderen Kulturkreis das Thema häufig noch schambehafterer ist als bei uns. Dennoch fand ich es schade, dass einzig bei den Reden auf dem Festivalgelände nach dem Umzug nur ein einziger queerer Flüchtling selbst sprach. zu Worte kam.

Für viele Leute, die selbst in einem Block mitliefen, am Strassenrand zuschauten oder nur ans Festival auf dem Kasernenareal kamen, war trotz aller Bemühungen leider zu wenig ersichtlich, dass betroffene LGBTQIA-Flüchtlinge am Anlass teilgenommen hatten. Die Idee dahinter, queere Flüchtlinge zu einem Thema zu machen, wurde jedoch von allen Personen, mit denen ich sprach, unterstützt.

Bild: Samantha Jean Photo

Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

Der angestrebte, neue Verfassungstext hält übrigens explizit fest, dass die Bestimmung den Gesetzgeber nicht verpflichtet, homosexuellen Paaren die Adoption zu ermöglichen. Mit einer persönlichen Adoptionsgeschichte durch ein heterosexuelles Paar, kann ich nur sagen, dass ich Adoptionen in jedem Fall unterstützenswert finde. Ich kenne einige Leute in meinem Alter, die ebenfalls alle von heterosexuellen Paaren adoptiert wurden. Es erstaunt kaum, dass wir wie der Rest der Gesellschaft unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben, die Heterosexualität aber vorherrschend ist. Doch ich befürchte, dass es noch lange dauern wird, bis die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz möglich sein wird - bis dahin müssen Wege gefunden werden, die sich in Graubereichen bewegen, die bestimmt nicht schlecht, aber auch nicht besser sind für die Kinder dieser Paare.

Beispielsweise in den USA ist seit letztem Jahr die gleichgeschlechtliche Adoption eines biologischen (Leihmutter) und nicht-biologischen Kindes in allen Bundesstaaten erlaubt worden. Auf dem Bild unten siehst du eine glückliche Familie, die in einigen Jahren hoffentlich auch bei uns nicht mehr als exotisch gelten wird.

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