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Parking Day – Velokino und Zimmerpflanzen statt Autos

Am Parking Day werden Parkplätze weltweit kreativ umgenutzt. Wir haben am Freitag verschiedene Aktionen besucht und mit den Menschen gesprochen, die sich mehr Lebensraum und weniger Parkplätze wünschen.
21. September 2020
Praktikantin Redaktion

Ein Blumenfeld aus Kreide schmückt den Asphalt innerhalb des blau umrahmten Rechtecks. Ein paar Blocks weiter flimmert das Licht einer Discokugel über einen Perserteppich. Daneben sitzen Menschen an einem Holztisch und essen und trinken, diskutieren über die Zukunft ihres Quartiers. Aus der Konsumkamine, ein Musikgefährt der Critical Mass, dringt Technomusik hinüber.

An der Hohlstrasse neben der Bäckeranlage riecht es nach Sommer. Es ist ein heisser Spätsommernachmittag im September und das eben geschilderte Szenario ist einmalig. An jedem anderen Tag im Jahr stehen hier statt Tischen und Zimmerpflanzen nämlich Autos.

Quartiertreffpunkt am Freitag: Die Parkplätze vor der Bäckeranlage.

Schweizer Städte sind zurückhaltend

Aber heute ist «Parking Day». An diesem Tag ist es möglich, eine Bewilligung der Stadt zu bekommen, um einen oder mehrere Parkplätze kreativ umzunutzen.

Der «Parking Day» wird jedes Jahr weltweit durchgeführt. In Deutschland ergreifen die jeweiligen Städte selbst die Initiative, berichtet ein Organisator. In der Schweiz seien die Städte sehr zurückhaltend. Nichts werde organisiert – kein Auto- oder Parkverbot am Tag, damit die Parkplätze frei liegen.

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Auf den Parkplätzen der Bäckeranlage führt Lukas Bühler geschäftig Gespräche mit Freund*innen und Quartierbewohner*innen. Er wohnt direkt an der Bäckeranlage und nervt sich über die Parkplätze vor seiner Haustür. «Das Tiefbauamt hat vor eineinhalb Jahren versprochen, hier 11 Parkplätze aufzuheben.» Dies weil es zwar einen durchgehenden Veloweg habe, die vielen Parkplätze aber zu sehr viel Suchverkehr führten. Heute haben er und ander Bewohner*innen die Parkplätze mit Tischen und Teppichen zugestellt und ein Programm organisiert. Dazu gibt es Essen und lokales Bier.

Kaffeekultur am Zähringerplatz

Nicht nur Lukas sondern auch viele andere machen heute am «Parking Day» mit. Am Zähringerplatz schenken die Betreiber*innen von Isule Kaffee aus einem Kaffeefahrrad gratis Espresso Macchiato aus. Kleine Menschentrauben versammeln sich um das Fahrrad. Es riecht nach frisch gemahlenen Bohnen. Kaffee ist Kultur, dafür braucht es mehr Platz, ist das Credo von Isule. Sie finden es schade, dass die Stadt so wenig Eigeninitiative ergreift, um sich andere Lösungen für die Parkplätze zu überlegen. Genau am Zähringerplatz, welcher ein hochprofitabler Platz wäre, könnte man die Fläche so viel anders nutzen. Wenn man in Zukunft Autos so wie E-Trottinetts oder E-Bikes gemeinsam nutzen würde, bräuchte es auch viel weniger Parkplätze. Nur schon einige davon durch Kies zu ersetzen, wäre ein Ansatz, sagen sie. Schliesslich würden die Betonflächen, zu denen auch die vielen Parkplätze gehörten, im Sommer massgeblich zum Hitzestau beitragen.

Gratis Kaffee von «Isule» auf dem Zähringerparkplatz.

Umverkehr fordert mehr Lebensraum statt Parkplatz

Dies ist auch ein wesentlicher Punkt der Organisation Umverkehr, die den «Parking Day» jedes Jahr in der Schweiz vorantreibt. «Lebensraum statt Parkplatz» fordern sie. Auch deswegen, weil die über sechs Millionen Autos in der Schweiz nur etwa eine halbe Stunde am Tag genutzt würden. Die rund 10 Millionen Parkplätze nähmen dafür eine Fläche der Grösse des Vierwaldstättersees ein. Ein weiteres Anliegen sind Umverkehr die Velowege, die durch die Parkplätze unterbrochen würden. Und zu guter Letzt die Lebensqualität der Stadtbevölkerung: Auf den Parkplätzen könnten Strassenkaffees entstehen, Grünflächen und Flaniermeilen.

«Parkplätze sind auch eine Art Waste»

Genau diese Lebensqualität entdeckt das Kollektiv des L200 für sich, welches seinen zweieinhalb-jährigen Geburtstag auf den zwei Parkplätzen vor ihren Räumlichkeiten feiert: Die Parkfelder an der Neugasse, direkt gegenüber der Vineria Centrale sind mit bunten Fähnchen von der Strasse abgetrennt, darauf stehen zwei lange Tische. Von Cremeschnitte bis zu Salaten steht darauf allerlei gerettetes Essen. Dazu sind alle eingeladen. Die Aktion passt zum Konzept des Kollektivs: Sie setzen sich für Nachhaltigkeit und gegen das «Lädelisterben» ein. Apropos Foodwaste: Parkplätze seien auch eine Art Waste, findet der Präsident Thomas Raoseta. Nie zuvor hätte er sich vorstellen können, dass es hier an der Strasse gemütlich sein könnte. Er sei jedoch komplett vom Gegenteil überzeugt worden: «Hier kann man viele schöne andere Sachen machen, als zu parkieren».

Essen retten bei L200.

«Sonst stehen hier einfach zwei Autos»

Auch der Verein Urban Equipe hat sich den diesen besonderen Tag zu Nutzen gemacht: Sie haben am Röschibachplatz eine Art Wohnzimmer eingerichtet, in dem die Quartierbewohner*innen über die Zukunft von Wipkingen diskutieren und die Ideen auf der Plattform «Quartieridee» eingeben können. Ein Vater mit seinen zwei kleinen Kindern wünscht sich einen grösseren Spielplatz im Quartier. Daneben sitzt eine Frau mit Gitarre, hinter ihr halten ein paar junge Leute im Kreis eine Sitzung ab. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, ein Miteinander ist sichtbar. «Es haben sich jetzt 12 Leute auf diesen Parkplätzen versammelt. Man führt Sitzungen, Gespräche und jetzt sogar ein Interview, sonst stehen hier einfach zwei Autos», erzählt Lars Kaiser, ein Vereinsmitglied.

Gemütliche Versammlung am Röschibachplatz.

Vom Röschibachplatz geht es hinunter zu einem sogenannten Unort, ein Parkplatz unter der Brücke am Wipkingerplatz, wo man wirklich keine Zeit verbringen möchte: Grauer Beton soweit das Auge reicht, es ist laut und die Luft ist schmutzig. Hier hat der Verein zwei Parkplätze in eine kleine Oase verwandelt. Aus Bambus haben sie eine Lounge errichtet. Sogar ein Dach gegen die Sonne ist bereits aufgestellt. Aus diesem Ort, auf dem praktisch nie Autos parken würden, könnte man doch etwas so viel Schöneres machen, erzählt Sabeth Tödtli von der Urban Equipe, während sie damit fortfährt, Bambusrohre zusammenzustecken. Sogar ein Megaphone steht bereit: Falls sie wirklich einmal dringend etwas sagen möchten, was den Lärm übertönt, heisst es lachend.

Umgestaltung eines «Unorts» unter der Brücke am Wipkingerplatz.

Es geht langsam gegen Abend zu. Im Kreis 4 werden die Parkplatzkreationen an verschiedenen Orten bereits wieder abgeräumt. Bei Lukas Bühler an der Hohlstrasse geht es jetzt erst richtig los: Mit einem Velokino und Vorträgen bis in die Dunkelheit.

Der Heimweg führt am Blumenbeet aus Kreide vorbei. Die Spitzen der Grashalme sind nur noch bei genauem Hinsehen zu erkennen – in der Zwischenzeit hat darauf ein Auto parkiert.

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