Tsri logo
account iconsearch

12. November 2022 um 07:00

«Überheblich und verletzend»: Über den Umgang mit Ungerechtigkeiten

In ihrer aktuellen Kolumne schreibt Mandy Abou Shoak über den Umgang mit Ungerechtigkeiten. Als Expertin für Gewaltprävention weiss sie, dass es gefährlich sein kann, diese anzusprechen – weil man damit oft selbst zur Zielscheibe wird.

(Foto: Zana Selimi)

Ich sitze draussen in einem Zürcher Café. Es ist einer der wenigen Herbsttage, an denen sich die Sonne durch den Nebel gekämpft hat. Ich halte kurz inne, nehme einen tiefen Atemzug und halte mein Gesicht in die Sonne. Ich wiege mich ein wenig in ihrer Wärme, bevor ich meinen Laptop aus meinem Rucksack nehme. Michaela kommt mit einem strahlenden Lächeln auf mich zu und sagt: «Mandy, das ist wahrscheinlich der letzte Tag, an dem wir die Terrasse offen haben.» Ich erwidere: «Und ich bin dabei, was für ein Glück.» Wir lachen und Michaela fragt: «Chai Tea Latte mit Assugrin wie immer?»

Irgendwann setzen sich zwei Frauen um die Mitte 40 neben mich hin. Die eine Frau (in meinem Kopf heisst sie Verena) erzählt der anderen (in meinem Kopf Franziska), dass sie seit drei Wochen eine ukrainische Frau und ihre zwei Kinder bei sich aufgenommen hat. Es sei nicht immer einfach, weil nur das eine Kind gut Englisch spreche. Sie müsse immer ihr Handy in der Hand haben, um mit der Mutter kommunizieren zu können. Deshalb habe sie sich nun ein Gerät gekauft, das direkt alles auf Ukrainisch übersetzt. Ihre Freundin Franziska schaut sie entgeistert an. Mein Herz bleibt kurz stehen und ich mache mich darauf gefasst, dass Franziska nun ihre ultimative Bewunderung dafür ausspricht, weil Verena eine Familie aus der Ukraine bei sich aufgenommen hat. 

Sie sagt aber nur: «Dafür brauchst du doch nicht extra ein Gerät, das kannst du auch mit deinem Handy. Komm ich zeig es dir.» Ich entspanne mich wieder und sehe Michaela auf mich zukommen. Sie bringt mir meinen ersehnten Chai Tea Latte. Michaela gleitet wieder davon. Sie trägt einen langen gelben Umhang und für einen kurzen Augenblick scheint die Sonne so auf Michaela, dass es aussieht, als würde sie von einem goldigen Schimmer umhüllt und getragen. Ich lächle in mich hinein. 

Wenn plötzlich der Atem stockt

Dann höre ich Verena wieder sprechen: «Weisst du, es ist schon streng, dieses Zusammenleben – die Küche und das Bad zu teilen. Aber ich bin einfach froh, dass sie aus der Ukraine sind und nicht aus Syrien oder Afghanistan oder so.» Mir stockt der Atem. «Weisst du, bei ihnen funktioniert das mit der Sauberkeit wenigstens einigermassen.» Mein Magen dreht sich einmal im Uhrzeigersinn. Ich atme nochmals tief ein und strecke meine Arme zur Seite, um meinen Bauch vor dem Schmerz zu befreien. Verena setzt nochmals an: «Stell dir vor…» In diesem Moment drehe ich mich zu ihr um und sage: «Entschuldigen Sie, ich konnte mich Ihrem Gespräch leider nicht entziehen. Ich fühle mich durch Ihre Aussagen belästigt. Sie schreiben allen nicht aus der Ukraine geflüchteten Menschen diese negativen Eigenschaften zu. Allen. Das ist so überheblich, verletzend und dehumanisierend.» 

Ich überlege mir ganz kurz, ob ich sagen soll, dass es im Grunde einfach ultra-rassistisch ist. In meinem Kopf gehen die Alarmglocken los: «Mandy, du weisst doch, was der Begriff Rassismus bei Menschen auslöst. Sag Diskriminierung, sag irgendwas anderes.» In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich schliesse kurz die Augen und schüttle gleichzeitig den Kopf und sage nichts.

«Die Diskussion wird laut, manchmal sogar handgreiflich. Wieso diese heftige Reaktion? Weil wir am Selbstverständnis rütteln.»

Mand Abou Shoak

Verena schaut mich zunächst mit sehr grossen Augen an. Danach fasst sie sich selbst mit der rechten Hand ins Gesicht und dreht den Kopf nach links. Sie schiebt ihren Stuhl hin und her. Sie öffnet den Mund, um ihn einige Sekunden später wieder zu schliessen. Ich bin so aufgebracht, dass ich beginne, mein Portemonnaie und meinen Schlüssel in meinen Rucksack zu werfen. Verena legt ihre Hand auf meine. Ich zucke zusammen. Ich bebe innerlich. Sie schaut mich an und sagt:

«Bitte gehen Sie nicht. Das wollte ich nicht. Es tut mir leid.»

Ich bin sprachlos und ziehe meine Hand weg. Die Zeit bleibt still. Alles um mich herum löst sich auf. Gefühlt vergehen viele Minuten. Dann schaffe ich es, sie kurz anzuschauen und ein «Danke» auszusprechen. Ich rutsche in meinen Stuhl zurück und lege meine Hände um meine noch warme Tasse Chai Tea Latte. Da höre ich Franziska sagen: «Ja, dann ist ja alles gut, da bin ich froh und wir wollten ja sowieso gehen.» Die Spannung weicht langsam aus meinem Körper.

Ungerechtigkeiten nie allein ansprechen

In den meisten Fällen gehen solche Situationen anders aus: «Was fällt Ihnen ein, uns zu belauschen, das geht Sie überhaupt nichts an.» – «Belauschen? Sogar die Eisbären in der Antarktis können Sie hören. Diskretion sieht anders aus.» – «Was fällt ihnen ein, mich derart zu beschimpfen? Das ist Verleumdung.» – «Uiuiuiuiui, jetzt geht die Umkehr wieder los. Lassen Sie uns doch über Ihre wirklich höchst problematischen Aussagen sprechen.»

Als Expertin für Gewaltprävention weiss ich, dass es gefährlich sein kann, Ungerechtigkeiten anzusprechen, weil man damit selbst zur Zielscheibe werden kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir es, wenn möglich, zu zweit, zu dritt, jedenfalls gemeinsam tun. Denn: Wenn wir Ungerechtigkeiten alleine ansprechen, dann wird das oft abgewehrt. Und das klingt dann so: «Du bist zu sensibel», «Jetzt bleibt mal locker» oder «Seit wann hast du keinen Humor mehr?»

Umso hartnäckiger wir versuchen, die Situation zu erklären und einzuordnen, umso heftiger wird die Abwehr. Die Diskussion wird laut, manchmal sogar handgreiflich. Wieso diese heftige Reaktion? Weil wir am Selbstverständnis rütteln. «Ich bin doch nicht», «Wie kannst du es wagen?», «Das ist unverschämt!» Diese Menschen kämpfen dann darum, nicht bezeichnet, nicht zugeschrieben zu werden, währenddem genau das umgekehrt ständig passiert.

Als Expertin kann ich schnell einschätzen, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt. Ich erkenne Schlüsselmomente, kann sie teilweise antizipieren, gezielt darauf hinarbeiten oder mich der ganzen Diskussion entziehen. Was ich nicht kann, ist, Verenas auf die Welt zu zaubern. Aber genau das würde ich mir wünschen. Mehr Verenas!