Mr Raoul K – ein Dj zwischen den Kulturen

27. Oktober 2016

1992, im Alter von 16 Jahren, verlässt Raoul Kanon seine Heimat in der Elfenbeinküste und lässt sich in Hamburg bei seinem Bruder nieder. 1998 nimmt ihn eine Freundin auf die Love Parade in Berlin mit. Von dem Moment an möchte Raoul DJ sein. Seither konnte sich Raoul Kanon, alias Mr. Raoul K, als fixe Grösse in der Welt elektronischer Musik etablieren. Nebst seinen eigenen Labels Baobab Music und Baobab Secret erschienen seine Releases bereits auf Labels wie Fatsouls oder Stillmusic. Zu nennen ist natürlich auch seine LP, Introducing my World, auf dem namhaften japanischen Label Mule Musiq. In seinen Produktionen treffen komplexe Afrikanische Perkussionen auf dreckigen House. Auch in den eklektisch zusammengesetzten Dj-Sets lädt er stets zu einer musikalischen Weltreise ein. Wohlgemerkt ist er einer der wenigen Djs, die nur auf Vynil spielen. Am kommenden Samstag tritt er im Rahmen des Alors Festival im Nordflügel auf. Ich habe mich im Vorfeld mit ihm über seine Anfänge mit elektronischer Musik und seine besondere musikalische Herangehensweise unterhalten.

Raoul, kannst du mir etwas von deinen anfänglichen Kontakten mit elektronischer Musik erzählen?

1998 nahm mich eine Freundin mit nach Berlin an die Love Parade. Das war mein erster wirklicher Kontakt mit der elektronischen Musik. Danach wollte ich einfach nur Dj sein. Ich kaufte mir zwei Plattenspieler, lernte zu mixen, und begann ein bisschen in der Umgebung von Hamburg zu spielen. Nach einiger Zeit merkte ich jedoch, dass meine Musik speziell ist und dass die Leute eher das hören wollten, was ich im Radio spielte. Ich wollte jedoch lieber den Leuten Musik präsentieren, die ich selber mag. So kam ich schnell zum Schluss, dass man eigene Tracks produzieren muss, um als Dj bekannt zu werden. Dabei zeigten sich früh bestimmte musikalische Einflüsse, die ich unbewusst während meiner Jugend in Afrika aufgenommen hatte.

Durch alle deine Releases hindurch lässt sich dein spezifischer Stil vernehmen: komplexe afrikanische Perkussionselemente vermischen sich zusammen mit technoiden Beats zu einem unverkennbaren Klangbild. Wie sieht deine musikalische Herangehensweise aus?

Als ich anfing, elektronische Musik zu produzieren, war es mein Ziel, etwas ausserhalb des Normalen zu tun. Wenn du etwas zurück schaust, dann siehst du, dass es vor 2007 im Bereich der Technomusik kein Gebrauch typisch afrikanischer Instrumente gab. Wenn man von Afrohouse sprach, dann beschränkte sich das meistens auf das Djembe oder afrikanische Vocals. Ich wollte andere Instrumente entdecken. Ich wollte sagen: schaut her, in Afrika gibt es eine grosse Menge an weniger bekannten Instrumenten. Ich bin also zu meiner Heimat, der Elfenbeinküste, zurückgekehrt und zum Glück gibt es da viele Leute unterschiedlicher Herkunft, es gibt Nigerianer, Senegalesen, etc. Dementsprechend gibt es auch viele verschiedene musikalische Einflüsse. In meinem ersten 12inch release, Le cerlce Peule, führte ich die Kora und Saba ein. Die Kora ist ein Perkussionsinstrument, das man im Westen der Elfenbeinküste und in Mali findet. Die Saba kommt aus Senegal. Deswegen horchten auch die Leute schnell auf, als sie meine Produktionen zum ersten Mal hörten. Ich versuche immer in meinen Produktionen diese afrikanische Seite darzustellen. Ich bin immer auf der Suche nach neuen, typisch afrikanischen Instrumenten. Deswegen betrachten mich manche Leute vielleicht auch als Pionier.

Deine Tracks sind oft besonders lange. Man hat nicht selten das Gefühl, sie erzählen eine Geschichte und beim Hören wird man in eine eigene Klangwelt gesogen. Wie gehst du bei der Produktion deiner Tracks vor? Was möchtest du mit deinen Tracks den Hörern vermitteln? Kannst du ein konkretes Beispiel geben?

Ja, meine Tracks sind oft besonders lange, weil ich im Vorfeld nie einen genauen Plan dessen erstelle, was ich vor habe. Meistens habe ich einfach eine bestimmte Idee, die ich zum Ausdruck bringen möchte. In meinem letzten Album gibt es beispielsweise einen Track, der heisst Break your Chains and Return to Botswana. Darin richtete ich mich an meine afrikanischen Brüder, die hier in Europa leben und ein bisschen verloren sind. Deswegen versuchen sie, europäischer zu sein als die Europäer. Viele haben ihre kulturellen Wurzeln verloren. Dem wollte ich ein Bewusstsein für die eigene kulturelle Herkunft entgegenstellen. Bei Break your Chains and Return to Botswana ging es darum, sich von den eigenen Fesseln zu befreien, um sich dem Einfluss musikalischer Elemente aus Afrika, in diesem Falle aus Botswana, öffnen zu können.

Ich habe im Vorfeld also keine fixe Idee, wie der Track genau aussehen könnte, sondern ich bearbeite ein Thema und versuche mich darin auch ein bisschen zu verlieren. Ich produziere einfach mal darauf los, bis ich zu einem Punkt komme, an dem ich sage, so jetzt ist gut, dann gehe ich über zu den Details und fertige einen finalen Track an. Eben deswegen sind viele meiner Tracks sehr lange.

Die Message meiner Tracks ergibt sich über die spezifische Form meiner Produktionen. In meinen Tracks gibt es viele Verweise auf verschiedene musikalische Stile. Ich kann dadurch verschiedene Emotionen, wie Freude, Trauer oder Wut, musikalisch zum Ausdruck bringen.

Im Moment produziere ich ein Album. Dort hat es einen Track, der dauert 40 Minuten. Ein Journalist, der den Track bereits gehört hat, sagte: Wenn man diese Musik hört, dann hat man das Gefühl, man sei in einem Dorf ohne Strom, dann leuchtet es auf, und am Ende hat man Internet. Darum geht es: Ich versuche in meinen Tracks die Leute auf eine Entdeckungsreise zu schicken, in der sie die musikalische Welt Afrikas neu erkunden können. Insbesondere geht es mir dabei darum, die Offenheit dieser Welt darzustellen. Es gibt nicht bloss eine afrikanische Musik, sondern eine grosse Vielfalt musikalischer Kulturen.

Mit Le Cercle Peule hast du deinen ersten Durchbruch geschafft. Kannst du etwas über die Elemente dieses Tracks und dessen Entstehungskontext erzählen?

Das ist mein erster Track, der wirklich von vielen aufgenommen wurde. Inspiration dafür, war das Bestreben einige typisch afrikanische Instrumente zu gebrauchen, die noch nie verwendet wurden und auf dem Dancefloor funktionieren. Ich fing mit der Sabar an. Das ist ein sehr starkes senegalesisches Perkussionsinstrument. Zum Glück kannte ich einen Senegalesen, der einer der bekanntesten Sabarspieler ist. Ich stellte ihm mein Projekt vor und er stimmte zu, mitzumachen. Ich fertigte dann im Vorfeld einige elektronische Beats an und liess ihn dazu spielen. Ich fragte ihn, ob er noch weitere Musiker kenne, die andere afrikanische Instrumente spielten wie das Kora oder das Ngoni. Ich machte dann mit ihnen weitere Aufnahmen für meine Tracks. Zuhause in meinem Studio fügte ich dann das Ganze zusammen.

Insgesamt sind dadurch sechs Tracks entstanden. Ich nahm zum Label Deeper Soul, das nicht mehr existiert. Das Label entschied sich fünf der sechs Tracks aufzunehmen. Doch gerade Le cercle Peule wollten sie nicht. Ich war allerdings der Ansicht, dass gerade dieser Track besonders gut sei. Ich verstand nicht, wieso sie den nicht wollten. Ich wartete also, aber fand schliesslich niemanden, der den Track veröffentlichen wollte. So kam ich zum Schluss, selber ein Label zu gründen, um den Track zu publizieren. Mein Label Baobab ist aus diesem Kontext entstanden. Das war in gewisser weise ein Versehen, denn ich wollte zurzeit kein eigenes Label gründen. In der Folge liess ich 500 Platten pressen. Ich hatte auch noch keinen Verteiler für die Platten, sie blieben alle bei mir Zuhause. Sechs Monate lang fand ich niemanden, der die Platten kaufen wollte. Eines Tages ging ich zu einem Plattenladen in Hamburg namens Underground Solution. Ich fragte den Besitzer, ob er mir nicht vielleicht einige Platten abkaufen möge. Der Besitzer sagte mir: Schick mir ein Exemplar, ich höre es mir an, und dann reden wir weiter.

Nachdem der Besitzer des Plattenladens den Track gehört hatte, leitete er ihn an den Chef von Word and Sound, einem grossen Plattenvertreiber in Deutschland, weiter. Letzterer willigte ein, alle 500 Platten abzunehmen. Zwei Wochen später waren alle 500 Platten verkauft und ich musste nachpressen! Ich presste also weitere 500 Stück und drei Wochen später waren auch diese restlos ausverkauft! Ich musste also nochmal nachpressen und auch die wurden alle verkauft. Das war Ende 2007. Dieser Track markierte sozusagen meinen Durchbruch.

Du bist im Alter von 16 Jahren nach Deutschland gekommen. Mit nach Deutschland hast du auch ein Bewusstsein für die Vielfalt afrikanischer Musik genommen. Wie sieht es allerdings in der umgekehrten Richtung aus. Welche Rolle spielt die elektronische Musik in Afrika, beziehungsweise, inwiefern versucht du auch, in den Menschen in Afrika elektronische Musik näher zu bringen?

Meine Rolle in Bezug auf die Szene in Afrika sehe ich ähnlich wie in Bezug auf die europäische Szene. Ich möchte diesen Mix zwischen Techno und Afrikanischer Musik weiter treiben. In der Elfenbeinküste, zum Beispiel, verstehen viele unter Techno David Guetta. Das ist natürlich falsch. Ich möchte also den Leuten auch meine Technokultur, die mir früher auch fremd war, näher bringen. Im Moment bin ich in Afrika noch nicht wirklich bekannt. Es gibt allerdings Leute in Afrika, vor allem auch solche, die in Europa Zeit verbracht haben, die versuchen, meine Musik auch in Afrika bekannter zu machen. In Afrika gibt es viele musikalische Talente und ich möchte versuchen, ihnen auch die Kultur des Technos zugänglicher zu machen.

Wenn man das Lineup des Alors Festivals anschaut, dann fällt eine Offenheit für verschiedene musikalische Einflüsse auf. Hier wird nicht einfach standardmässiger Züri-Techhouse serviert. Auch in Bezug auf die Herkunft der Acts lässt sich das sagen. Was hältst du von diesem Bestreben, den Leuten Dinge zu präsentieren, die sie noch nicht kennen?

Es freut mich sehr, dass es zunehmend Booker und Promoter gibt, die versuchen, Talente aus aller Welt in die elektronische Szene hereinzuholen. Solche teils weniger bekannten Acts zu buchen, ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Es ist aber gerade ihnen zu verdanken, dass wir stets Neues entdecken können. Wenn man nur die wirklich bekannten Künstler bucht, dann geht uns eine grosse Menge an grossen Talenten verloren. Ich bin jenen Promotern besonders dankbar, die Versuchen, die Grenzen des Ordinären zu überwinden und sich dem Unbekannten öffnen.

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