Maurice Polo AKA Steezo: «Majors wollten mich als zweiten Bligg vermarkten»

Maurice Polo – früher bekannt als Steezo – ist und bleibt wohl der Schweizer Rapper mit den meisten Veröffentlichungen. Sein neustes Album zählt noch nicht dazu – er hat es soeben auf Anfang 2018 verschoben. Tsüri.ch hat den Rapper getroffen, um über sein bisher schwierigstes Release, seinen schlechten Ruf und über Schwamendingen zu sprechen.
28. November 2017

Vor über 18 Jahren hat Steezo begonnen zu rappen. Heute nennt er sich Maurice Polo. Aus dem Zürcher Norden heraus hat er sich damals zusammen mit dem Rapperkollektiv «Broken Mental» einen Namen gemacht. Neben «Griot» in Basel waren sie in den 2000er Jahren eine Blaupause für den Schweizer Street-Rap – hart, kompromisslos und nie um einen Diss verwegen. Steezo regierte zu dieser Zeit das Schweizer Mixtape-Game, indem er praktisch jede Woche eines veröffentlichte. Das macht ihn bis heute zum Rapper mit den wohl meisten Releases. Auch danach blieb es nie still um ihn: Es folgte ein Debüt-Album mit Komplikationen und einige weitere Releases als Solokünstler, «Broken Mental»-Mitglied oder mit Freund Skor unter dem Namen «MDMA». Zuletzt erschien 2016 sein Album «Nordringboulevard». Es war sein erstes Album unter dem neuen Pseudonym «Maurice Polo». Nun folgt im Frühjahr des nächstens Jahres wahrscheinlich sein nächstes Album – oder um es im O-Ton von Maurice zu sagen «Es muss!»

Im Februar hast du in einem Video bekannt gegeben, dass dein Album ziemlich sicher dieses Jahr erscheinen wird. Vor kurzem hast du nun das Album auf nächstes Jahr verschoben. Was war der Grund?

In der Entstehungsphase eines Albums arbeitet man mit vielen Leuten zusammen. Manchmal leider auch mit sehr unzuverlässigen. Termine werden nicht eingehalten, auf Nachrichten wird nicht mehr geantwortet, es wird nicht abgeliefert. Das kann passieren. Aber so extrem wie bei diesem Album hatte ich das noch nie.

Zumindest mit Produzent «Japhna Gold» von der Starter Gang scheinst du zufrieden zu sein. Das wird das zweite Album, das du zusammen mit ihm produzierst. Was schätzt du an der Zusammenarbeit?

Japhna ist ein absoluter Perfektionist. Früher habe ich einen Beat gepickt, zwei Stunden aufgenommen und dann war der Song fertig. Da gab es, nichts mehr zu rütteln dran. Wenn ich heute einen Song aufnehme, klingt der nach einer Woche schon ganz anders, weil Japhna daran stetig weiterarbeitet. Der Song ist dann wirklich besser. Früher habe ich Quantität geliefert, heute setze ich auf Qualität.

Ein interessantes Statement von jemandem, der zu seiner Hochzeit fast wöchentlich ein Mixtape herausgegeben hat...

Ich musste lernen, ruhiger und geduldiger zu werden. Früher bin ich an die Decke gegangen, wenn ein Veröffentlichungstermin verschoben wurde. Da hat es einige Gespräche gebraucht, bis ich für mich verstanden habe, dass man manchmal lieber länger an etwas arbeitet, als es gleich rauszuhauen, nur weil es noch frisch ist.

Du hast eine Familie mit vier Kindern und arbeitest 70 bis 90 Prozent. Wie schafft man es, trotzdem noch Musik zu machen?

Es ist ganz einfach. Meine Woche ist durchstrukturiert und Montag ist Studiotag. Das nehme ich mir heraus. Unter der Woche schreibe ich spätabends Texte, wenn meine Kinder schlafen und am Montag wird aufgenommen. Wenn man jeden Montag zuverlässig abliefert, kommt man auf diese Weise ziemlich schnell ziemlich weit.

Letztes Jahr ist dein Album «Nordringboulevard» erschienen. Auffällig war dabei vor allem, dass du deinen Namen von Steezo zu Maurice Polo geändert hast. Im Interview mit 167Flash erklärst du, dass dein alter Name dich blockiert hat. Wie meinst du das?

Ich und meine Leute kamen zum Schluss, dass ich viel zu wenig gepusht werde für das, was ich leiste. Sei es in Zürich, aber auch im Rest der Schweiz. Ich glaube, das hat mit meinem Ruf zu tun. In jungen Jahren war ich nicht der Zuverlässigste und war teilweise nicht sehr seriös. Das spricht sich schnell herum. Deshalb brauchte ich einen Neubeginn.

Meinst du, ein Namenswechsel alleine reicht aus, um den alten Ruf abzuwerfen?

Die Musikszene ist so schnelllebig. Es gibt in der Szene kaum mehr Leute, bei welchen ich anno dazumals einen schlechten Eindruck hinterlassen habe. Die sind alle nicht mehr in diesen Bereichen tätig. Zudem kennen jüngere Generationen einen Steezo nicht mehr und Maurice Polo noch nicht – da hat es für mich keine Rolle gespielt, ob ich meinen Namen wechsle oder nicht. Der Entscheid für den Namenswechsel war mehr aus dem Bauch heraus.

«Viele, die ich früher gedisst habe, sind heute meine Freunde»

Du hast deinen Ruf in der Rapszene angesprochen. In deinen jungen Jahren als Rapper hast du Diss an Diss an die halbe Szene rausgehauen. Bereust du das manchmal?

Das Paradoxe an der Sache ist: Von den Leuten, welche ich damals angegriffen habe, sind die meisten heute meine Freunde. Seien es beispielsweise Gleis Zwei, Bligg oder Brandhärd. Die haben mich damals alle gefeiert, waren aber genervt von meinen Disses. Heute bekomme ich viel mehr positive Resonanz als damals und das spiegelt sich auch auf meinem Album wieder. Aber ob ich diese ganzen Disses bereue? Nein, eigentlich nicht.

Du würdest es also wieder genauso machen?

Zwischen 2002 und 2008 war ich nur im Studio. Wir waren dort meistens zwischen 5 bis 20 Jungs. Da passierte so viel an einem Abend und irgendwo dazwischen habe ich meine Texte geschrieben. Damals war es ganz normal, andere Rapper zu batteln. Wenn ich an einem Abend kein Thema hatte, schrieb ich halt einen Disstrack. Natürlich hätte ich ein, zwei Sachen nicht unbedingt rappen müssen, aber im Grossen und Ganzen bereue ich nichts. Das hat damals Leben in die Szene gebracht.

Bei «Broken Mental» wurde damals viel auf Französisch gerappt, deine Crew hiess gar «Bilingue» – du selbst hast aber immer auf Mundart gerappt. Kannst du Französisch?

Nein, zumindest nicht fliessend. Ich bin mit Kongolesen aufgewachsen und verstehe Französisch, aber sprechen kann ich es nicht gut. Das war damals auch egal. Wir waren einfach gestrickt: Das Thema wurde meistens sehr grob abgesteckt. Meistens haben wir einen Track über die Strasse geschrieben. Wir haben uns die Texte aber nie gegenseitig übersetzt. Das war blindes Vertrauen. Wir haben zwar unterschiedliche Sprachen gesprochen, trotzdem sind wir denselben Weg gegangen.

2009 hast du dein Debütalbum «Tüfel & Ängel» veröffentlicht. Entgegen der Erwartungen, ging es damals nicht durch die Decke. Wie siehst du diese Zeit im Nachhinein?

Damals war ich bei «MuVe Recordings» untergekommen und mein Album stand kurz vor der Veröffentlichung. Die wollten mich als zweiten Bligg vermarkten. Sie schrieben in den Pressetext, dass ich ein 20-jähriger Single sei, dabei hatte ich eine Freundin und war bereits 27 Jahre alt, aber das passte nicht zu meinem Playboy-Image. Der damalige CEO wurde dann fristlos entlassen und ich hatte vom einen Tag auf den anderen keine Ansprechsperson mehr. Niemand wusste, was mit meinem Album zu tun war. Ich habe dann zum Indie-Label «No Code» gewechselt, welche nicht dieselben Mittel zur Verfügung hatten. Entsprechend ist mein Album dadurch ein wenig untergegangen.

Wie beurteilst du die damaligen Entwicklungen, fast zehn Jahre später? Trauerst du dieser verpassten Chance nach?

Damals war ich Mitte Zwanzig und hatte das erste Mal das Gefühl, dass es mit der Musik klappen könnte. Ich sass in diesen grossen Konferenzräumen der Labels und wir hörten meine Musik und sprachen über Vermarktungsstrategien. Auf der einen Seite fühlte ich mich geschmeichelt, andererseits fand ich das alles überhaupt nicht real. Damals hat es mich schon runtergezogen, dass es nicht geklappt hat bei einem Major. Dafür habe ich mich für ein bisschen Erfolg nie verbiegen müssen, was im Nachhinein vielleicht besser war.

Du warst Anfang des Jahres an der «Bounce Cypher», dem grossen Treffen der Schweizer Rapszene auf SRF Virus. Es gab dort einen Buzzer, welchen die Moderatoren Mauro und Pablo bei besonders herausragenden Leistungen drückten. Bei deinen Raps wurde nicht gebuzzert, entsprechend hast du dich danach auf Facebook darüber aufgeregt. Hast du das Gefühl, dass du nicht die Anerkennung bekommst, die du verdient hättest?

Ja und das aus berechtigtem Grund: In der Schweiz schätzen mich die Rapper, arbeiten gerne mit mir und finden mich unendlich dope. Für diese Liebe, die ich szenenintern bekomme, wird meine Arbeit, zu wenig wertgeschätzt. Aber konkret zu dieser Buzzer-Sache: Das war eine Trotzreaktion. Man ist irgendwo, liefert ab, alle drehen durch. Ich wusste, dass es gut war, und dann wird einfach der Buzzer nicht gedrückt. Ich als Hitzkopf und Musiker, der eh schon sensibel ist, drehe dann halt durch. Danach habe zweimal darüber geschlafen. Ich habe es mit Mauro und Pablo geklärt und die Sache war gegessen.

Du scheinst tatsächlich nicht mehr so konfrontativ wie noch vor ein paar Jahren...

Ich arbeite bei der Starter Gang in einem sehr spirituellen Umfeld und glaube an die Anziehungstheorie. Negatives zieht Negatives und Positives zieht Positives an. Sei es früher zu «Broken Mental»-Zeiten, als ich teilweise verbittert war und anderen den Erfolg nicht gönnte. Oder jetzt bei der Albumproduktion, als ich mit einer negativen Einstellung an Sachen ranging, welche dann auch nicht geklappt haben. Ich muss lernen, dankbarer und geduldiger zu sein oder im allgemeinen positiver zu denken. Dann kommt auch mehr Positives zurück.

Um beim Positiven zu bleiben: Was magst du an Zürich am meisten?

Wegen der Familie bin ich heute weniger am Puls von Zürich als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Aber aus der Sicht eines Familienvaters mag ich an Zürich, dass hier alles so geregelt ist und es meine Kinder gut haben. Ich mag Zürich heute aber weniger als früher. Ich bleibe aber insofern Zürich-Patriot, als dass ich nicht nicht in den Aargau ziehen würde für einen tieferen Mietzins.

«Die Zürcher Partyszene geht mir total auf die Eier»

Inwiefern hat sich Zürich für dich zum Negativen entwickelt?

Ich spreche jetzt hier vor allem von der Musikszene. Einfach weil es das ist, was mich noch immer umgibt, weil ich auch heute kaum andere Hobbys als die Musik habe. Die Partyszene geht mir total auf die Eier. Ich kann mich null mit diesen Leuten identifizieren. Es ist alles so oberflächlich. Mein Bruder hat in Zürich drei Cafés und ich sitze mittlerweile viel lieber dort und führe anständige Gespräche, als in irgendeinem Loch mit Verwirrten Unsinn zu reden. Aber vielleicht liegt das auch am Alter.

Du bist in Zürich-Affoltern/Schwamendingen aufgewachsen. Was muss man dort gesehen haben?

Das kann ich dir nicht sagen. Alle Orte von früher sind heute mit Blockbauten übersät. Früher war der Schwamendingerplatz der place to be, aber ansonsten kann ich dir keine Spots aufzählen, welche besonders wichtig sind für das Quartier. Es sind mehr die Menschen. Zürich-Nord hatte früher so viele krasse Persönlichkeiten und die besten Kollegenkreise. Das hat mich sehr geprägt. Da kommt kein anderer Kreis auch nur in die Nähe von Schwamendingen.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Tsüri.ch hat eine Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bereits erschienen sind:
1. Teil: Skor über seine Bekanntheit: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»
2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil:
Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»
6. Teil: Maurice Polo AKA Steezo: «Majors wollten mich als zweiten Bligg vermarkten»
7. Teil: Lügner: «Beim Radio leiste ich Entwicklungshilfe für Schweizer Rap»

Quelle Titelbild: Marco Büsch

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