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Manuel Bürgin: Leiter Theater Winkelwiese, Schauspieler und Tsüri-Member

Seit knapp 50 Jahren bietet das Theater Winkelwiese zeitgenössischen Theatertexten eine Bühne. Wir haben mit dem Leiter Manuel Bürgin darüber gesprochen, welche brisanten Themen Zürcher*innen beschäftigen, welche Texte wir diesen Sommer lesen müssen und warum wir öfters das Theater als das Fitnessstudio besuchen sollten.
26. Juni 2020

Gut 1100 Menschen sind Tsüri-Member. Welche Gesichter und Geschichten stecken hinter dieser Zahl? Wir machen uns auf die Suche und treffen sie für ein Gespräch. Bist du auch Tsüri-Member und einem Portrait nicht abgeneigt? Melde dich!


Tsüri.ch: Du bist Leiter des Theater Winkelwiese in Zürich. Was bedeutet Theater für dich?
Manuel Bürgin: Während des Lockdowns ist mir – noch mehr als sonst – bewusst geworden, dass Theater eine der wenigen Kunstformen ist, die direkt mit dem Publikum interagiert. Mir hat der unmittelbare Austausch zwischen Bühne und Zuschauer*innen sehr gefehlt. Spannend fand ich aber, dass sich durch den Lockdown Alternativen zum klassischen Theater angeboten haben: Plötzlich fand Theater im Netz, über Audiokanäle oder im Freien statt. Eine gute Gelegenheit also, lustvoll zu überdenken, wie Theater auch in Zukunft aussehen könnte – wobei ich die klassische Variante keineswegs missen möchte.

Eine Einzigartigkeit des Theaters Winkelwiese: Ihr produziert eigene Theaterstücke und zeigt diese im Haus auf.
Richtig. Dies erlaubt uns einerseits, den Fokus auf das zeitgenössische Autor*innentheater zu schärfen. Und wir können spannende Stückentdeckungen als Ur- oder Erstaufführungen präsentieren. Andererseits haben wir dadurch die Möglichkeit, kontinuierlich mit einem Pool von Künstler*innen zusammen zu arbeiten, die das Bild der Winkelwiese mitprägen.

Auch du hast als Künstler gearbeitet – nachdem du Schauspiel an der ZHdK studiert hast, warst du freischaffend in Berlin tätig. Vermisst du die freie Szene in Deutschland?
Ehrlich gesagt: nein. Ich geniesse es, in der Schweiz freies Theater zu machen. Und zwar ohne einen Nebenjob haben zu müssen, der mir das Theatermachen überhaupt erlaubt. Hier in der Schweiz gibt es (noch immer) gute Strukturen, um freies Theater zu finanzieren und ein starkes Netzwerk an freien Häusern, die diese Produktionen zeigen.

Zürich ist eine lebendige und wohlhabende Stadt – verglichen mit der freien Szene in Berlin oder Wien. Wie nimmst du Zürich als Kulturstadt wahr?
Wien und Berlin sind eher noch lebendiger als Zürich, wenn auch mit weniger Geld für die freie Szene ausgestattet. In Zürich ist das kulturelle Angebot sehr gross, die Theatervielfalt ist unglaublich! Wenn man möchte, könnte man einen Monat lang jeden Tag ein anderes Theater besuchen – angefangen bei uns im Winkelwiese bis hin zum Schauspielhaus. Und zusammen mit den Festivals hier in der Stadt kann man als Zuschauer*in wirklich einiges sehen, was gerade in der europäischen Kulturszene aktuell ist. Doch genau da liegt auch die Kehrseite: Wir sind als Publikum sehr gut bedient. Manchmal wünschte ich mir, dass die Zürcher Kulturbürger*innen etwas aufgerüttelt und daran erinnert werden, was sie alles in dieser Stadt haben!

Sind wir verwöhnt?
Ja, ich finde schon. Ein Stachel, der uns ab und zu in diese Blase piekst, wäre nicht schlecht!

Welche Themen beschäftigen Zürcher*innen in dieser Bubble?
Geld, Macht und Tradition? In Zürich ist es wichtig, in welchen Kreisen man sich bewegt und mit wem man sich umgibt. Was muss man unternehmen, um jemanden zu sein? Was muss man machen, um länger in dieser Bubble zu bleiben? Auch Ästhetik ist ein grosses Thema, das die Leute hier umtreibt.

Es ist ja Wahnsinn, wie die Leute hier gekleidet sind und was sie für Aufwand treiben, um ihr Heim rauszuputzen und zu erhalten!
Manuel Bürgin, Leiter Theater Winkelwiese

Wird das grosse kulturelle Angebot in der Stadt deiner Meinung nach rege genutzt?
Die Stadt bietet eine enorme Palette, wie man den Feierabend gestalten kann. Tatsächlich kommt ein Theaterbesuch für viele als letztes in Frage. Ich sage immer, viele sind noch am Joggen, wenn wir bereits am Spielen sind. Viele Leute entscheiden sich ausserdem spontan, an einem Abend ins Theater zu gehen. Verglichen mit Wien hat man hier ein ganz anderes Verständnis von Kultur – dort gehört es einfach dazu, ins Theater zu gehen. Genauso wie man hier seinen Körper trainiert oder entspannt, gehen die Wiener*innen ins Theater, um den Geist zu strapazieren. Oder im Gegenteil: Um abzuschalten und zu entspannen. Ich formuliere das bewusst überspitzt – auch als Einladung an die Zürcher*innen etwas mehr Zeit im Theater als im Fitnessstudio zu verbringen.

Das Theater Winkelwiese im Kreis 1. (Foto: zVg)

Auch die Berichterstattung beeinflusst unser Kultur-Verhalten. Erst kürzlich wurde das Theater Winkelwiese Tsüri-Member – weshalb?
Aufs Stadtmagazin sind wir aufmerksam geworden, weil es viele kulturelle Berichterstattungen publiziert – über die Orte, an denen aufgetreten wird und die Künstler*innen, die dort auftreten. Angesichts des Schwundes an Berichterstattungen im Kulturbereich gibt uns diese Plattform die Möglichkeit, weiterhin sichtbar zu bleiben und über unsere Aktivitäten und unsere Ausrichtung im Dialog zu bleiben.

Der Tagesanzeiger hat keine Kulturredaktion mehr – auch andere Medien berichten nur spärlich über die kulturelle Vielfältigkeit. Was wünschst du dir, als kulturelle Institution, von den Medien?
Diese Tendenz ist katastrophal! Durch den Abbau um Kulturjournalismus – nicht nur beim Tagi – fehlen Informationen über kulturelle Projekte und deren kritische Hinterfragung. Der Diskurs über Kunst und Kultur braucht zwingend kritische Berichterstattungen! Dieses Vakuum müssen wir auf andere Art und Weise füllen. Eben auch über neue Plattformen, die eine kritische Stimme pflegen.

Welchen Text würdest du unseren Leser*innen als Sommerlektüre empfehlen?
Wir zeigen hauptsächlich zeitgenössische Autor*innen – aber ich wähle jetzt bewusst einen wahren Zeitgenossen, der nicht mehr unter uns weilt. Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: «Man muss im Theater zu Hause sein können». Das finde ich sehr schön und passend. Am 5. Januar 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden. Dürrenmatt – eine sehr kritische und nimmersatte Person – wieder zu lesen, würde ich allen Leser*innen wärmstens empfehlen.

Welches seiner Werke legst du unseren Leser*innen besonders ans Herz?
Beginne nicht mit den grossen bekannten Werken, sondern mit «Labyrinth – Stoffe 1-3». Da steht alles drin, was man über Dürrenmatt wissen muss.

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