Didi: «Heute wie früher – Skor ist Mentor und Freund zugleich»

Am 1. Dezember ist Didis Debütalbum «KUNST» erschienen. Es soll ihn seiner Vision ein Stück näher bringen, eines Tages von der Kunst leben zu können. Tsüri.ch hat den Rapper aus Horgen getroffen, um über Kunst, seine Arbeit mit Jugendlichen und «de Batze» zu sprechen.
26. Dezember 2017

Er will vom Rap leben. Nun ist er seinem Ziel einen wichtigen Schritt näher gekommen: Am 1. Dezember veröffentlicht Didi sein Debütalbum «KUNST». Zehn Jahre zuvor hat Skor ihn nach einem zufälligen Treffen in Horgen auf sein erstes Mixtape eingeladen. Es folgten zahlreiche Projekte mit Produzent Ikara, der früher auch mitgerappt hat, und lange Jahre harte Arbeit am eigenen Stil. Mit Gleichgesinnten hat er 2014 das Label «No Basic» gegründet. In der Nähe des Sihlcitys haben sie ein professionelles Studio aufgebaut, dass jedem Besucher und jeder Besucherin vor Augen führt: Diese Jungs meinen es ernst. Nach seinem letztjährigen Mixtape «Morukmodus» und Platz 17 in der Schweizer Hitparade versucht der 26-Jährige nun, mit seinem Debütalbum «KUNST» den nächsten Schritt zu gehen.

Als «Ikara & Didi» hast du früher gemeinsam mit Ikara gerappt, während er auch das Produzieren übernommen hat. Auf deinem jetzigen Debüt-Album «Kunst» rappst nur du, wobei er immer noch dein Produzent ist. Das Team ist aber das gleiche. Weshalb wird das Album trotzdem nur unter deinem Namen veröffentlicht?

Bei meinem Solo-Album haben wir eine andere Herangehensweise, als bei einem «Ikara & Didi»-Album. Ikara übernimmt die Funktion des Produzenten und ist für das gesamte Soundbild verantwortlich, ich bringe die Songideen und die Texte dazu und rappe diese schlussendlich auf den Tracks. Deshalb ist es ein «Didi-Album», welches von Ikara produziert wurde. Dennoch arbeiten wir nach wie vor auf Augenhöhe. Ich kenne Ikara seit Jahren und habe gelernt, dass ich seine Inputs annehmen kann, weil ich ihm vollkommen vertraue. Es war mir auch wichtig, nach aussen zu tragen, dass er ein grosser Teil dieses Albums ist. Deshalb steht auf dem Cover sehr prominent, dass er der Executive Producer von „KUNST“ ist.

Bei «No Basic» scheint ihr euch ziemlich nahe zu stehen. Wie schwer ist es, gegenseitig Kritik zu üben?

Mein ärgster Kritiker bin immer noch ich selbst. Aber wir haben bei «No Basic» eine krasse Feedback-Kultur. Bei der Gründung des Labels haben wir uns geschworen, immer ehrlich zu sein, was Kritik betrifft. Eine solche Kultur ist unbedingt nötig, um auf das nächste Level zu kommen. Es kommt deshalb nicht vor, dass ich meine Musik im inneren Kreis vorspiele und alle das einfach nur abnicken, ohne konstruktive Inputs zu geben.

Im Song «Gold» geht es darum, dass man seine Träume leben soll, statt nur dem Geld nachzujagen. Kannst du schon von der Musik leben?

Nein, das habe ich leider noch nicht geschafft. Ich studiere zurzeit an zwei Tagen in der Woche soziokulturelle Animation und arbeite 60 Prozent in einem Jugend- und Kulturlokal in Horgen. Daneben versuche ich, mit Musik erfolgreich zu sein. Ich überlege mir manchmal schon, das Studium an den Nagel zu hängen oder den Job hinzuschmeissen, um mehr Zeit für die Musik zu haben. In diesem Land regieren aber die Zahlen und ich finde es wichtig, ein Diplom zu haben, um auch mit 40 noch einen Job zu finden. Das hält mich bis jetzt zurück, mit der Musik wirklich ernst zu machen.

Glaubst du, du wärst noch besser, wenn du den Schritt vom Hobby- zum Berufsmusiker machen würdest?

Ich war auch schon arbeitslos in meinem Leben und in dieser Zeit habe ich deutlich mehr Musik gemacht. Aber es wäre naiv, zu glauben, dass dies immer so bleiben würde. Am liebsten hätte ich einen 20-Prozent-Job, der nicht kopflastig ist und mit dem ich Miete und Krankenkasse bezahlen kann. Die restliche Zeit würde ich dann in Musik investieren, wäre aber nicht vollkommen abhängig vom Erfolg. Das würde mir und meiner Musik sicher gut tun.

Geld oder insbesondere kein Geld haben ist ein Thema, dass auf deinem Album öfters Platz einnimmt. Wie zentral ist dieses Thema in deinem Leben?

Geld ist das zentrale Steuerungsinstrument unserer Gesellschaft. Das ist ein Fakt, der mich wütend macht und den ich auf Songs wie «Gold» oder «Gsägnet» anspreche. Wenn ich nicht gerade Konzerte spiele und Geld zusätzlich verdiene, lebe ich mit meinem jetzigen Lohn am Existenzminimum. Ich muss mir überlegen, ob ich draussen einen Premiumkaffee hole oder mir auf der Arbeit an der Maschine einen rauslasse, weil er dort günstiger ist. Ich will mir das aber nicht überlegen müssen. Das Thema «Geld» ist ständig in meinem Hinterkopf und das nervt mich.

Auf deinem letzten Mixtape aus dem Jahr 2016 rappst du an einer Stelle: «Min Vater seit Musig isch nüt, ich säg, ich han suscht nüt anders»...

Mein Vater hatte in der Türkei Kunst studiert, als er aber in der Schweiz ankam, wurde sein Diplom hier nicht anerkannt. Obwohl er eigentlich Kunstmaler und Karikaturist ist, musste er daneben immer in der Fabrik arbeiten, weil das Geld sonst nicht gereicht hätte. Als er mitbekommen hat, dass ich Musik mache, hat er gesagt, es sei schön und gut, aber eine Lehre und ein Studium solle ich trotzdem machen. Er weiss, wie schwierig es ist, mit Kunst Erfolg zu haben, deshalb war er meinem musikalischen Schaffen gegenüber immer skeptisch eingestellt.

Dein Vater hat nun am Artwork deines Debütalbums mitgearbeitet. Wie wichtig war dir das?

Es bedeutet mir sehr viel. Mein Vater hat sich vier Jahre lang nicht daran gewagt, weitere Bilder zu malen. Für das Bild aus dem Artwork habe ich ihm drei Leinwände gekauft, welche er lange Zeit nicht angerührt hat. Ich habe aber nicht lockergelassen, bis er sich eines Tages überwinden konnte. Sein dritter Versuch ist nun in meinem Artwork. Mittlerweile hat er weitere 30 bis 40 Bilder gemalt und wir versuchen zusammen, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Es macht mich glücklich, dass mein Vater durch meine Kunst wieder zu seiner Kunst gefunden hat. Deshalb der Titel des Albums.

An einer Stelle auf deinem jetzigen Album rappst du, dass dein Vater stolz auf dich sei. Das klingt versöhnlicher als noch auf dem letzten Mixtape. Hat die Geschichte mit dem Artwork dabei geholfen?

Ja, wir haben wieder den Draht zueinander gefunden. Während meiner Jugend und durch seine Kritik an meiner Musik haben wir uns über die Zeit voneinander distanziert gehabt. Jetzt sind wir uns wieder sehr nahe. Ich habe das Gefühl, er hat gemerkt, dass meine Kunst nicht weit von seiner entfernt ist. Nun kann er mit mir über meine Musik reden und ich mit ihm über seine Bilder. Als mein Album erschienen ist, hat er mir das erste Mal in meinem Leben eine Facebook-Nachricht geschickt, in der er mir detailliert beschreibt, was er alles an meinem Album mag. Er hat sich damit auseinandergesetzt und findet es gut. Das bedeutet mir alles.

Auf Instragram hast du ein Bild von Mani Matter gepostet und dazu geschrieben, dass er dein Vorbild sei. Was schätzt du besonders an ihm?

Wie jedes Kind in der Schweiz, sind auch wir in Horgen mit den Liedern von Mani Matter aufgewachsen. In der vierten Klasse habe ich meinen ersten Vortrag über Mani Matter gehalten. Für mich ist Mani Matter der Vorreiter des Schweizer Raps mit seinen Mundart-Geschichten. An Stories wie «Zundhölzli» oder «Dr Alpeflug» kommt bis heute kein Schweizer Rapper heran. Das ist hohe Kunst. Deshalb: Jeder Schweizer Rapper sollte sich mal Mani Matter geben.

Du arbeitest in Horgen in der «Alten Schule» als Koordinator, der mit Jugendlichen Events und Workshops organisiert. Können die Jugendlichen deine verschiedenen Rollen als Koordinator und Rapper gut trennen?

Es kann schon schwierig sein, wenn ich mit den Jugendlichen als Koordinator arbeite und sie in der Freizeit in mein Studio kommen wollen. Das zu trennen, hat mir anfangs zu schaffen gemacht. Mittlerweile sehe ich das aber lockerer. Jeder Jugendliche muss lernen, dass Menschen verschiedene Rollen in ihrem Leben ausfüllen. Manchmal arbeite ich mit einem Jugendlichen in Horgen, kann ihn dann aber auch privat hier ins Studio einladen, solange er den Unterschied versteht.

Skor war einer der ersten grossen Rapper, welcher in seinen Texten Horgen und die «Zone 51» representet hat. Welche Rolle hat er in deiner Karriere gespielt?

Er war und ist sehr wichtig für mich. Wir haben damals in Horgen Fussball gespielt und gesehen, dass Skor nebenan einen Videoclip dreht. Dann sind wir hin und haben ihm erzählt, dass wir auch rappen. Und so hat er uns in sein Studio eingeladen, um auf seinem Mixtape zu rappen. Ab diesem Zeitpunkt war er für mich Vorbild und Mentor. Er ist dann nach Zürich gezogen und als 15-Jähriger bin ich oft nach der Schule, zu ihm gefahren, um bei ihm zu hängen. Manchmal haben wir Songs aufgenommen und manchmal hat er uns CDs mit seinen Lieblingtracks gebrannt. Seither zeigen wir uns immer gegenseitig unsere Musik und haben ein freundschaftliches Verhältnis. Er war und ist mein Mentor und gerade weil er mich so gefördert hat, versuche ich selbst nun auch, Nachwuchstalente zu fördern, wenn es mir die Zeit erlaubt.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Tsüri.ch hat eine Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bereits erschienen sind:
1. Teil: Skor über seine Bekanntheit: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»
2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil:
Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»
6. Teil: Maurice Polo AKA Steezo: «Majors wollten mich als zweiten Bligg vermarkten»
7. Teil: Lügner: «Beim Radio leiste ich Entwicklungshilfe für Schweizer Rap»
8. Teil: Didi: «Heute wie früher – Skor ist Mentor und Freund zugleich»
9. Teil: Semantik: «Die Schweiz ist ein wunderbares Land – nur das Wetter ist ein bisschen Scheisse»

Quelle Titelbild: Yannis Blättler

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