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22. November 2022 um 08:20

Den Art-Dock-Chnopf lösen

Wird die Halle 256 des ehemaligen Güterbahnhofs zum Zirkusquartier, und soll die Kunst künftig in den Keller? Wie es mit dem Art Dock weitergehen soll, ist mal wieder offen.

Dieser Text ist bereits auf unserem Partnerportal P.S. erschienen. P.S. gehört wie Tsüri.ch zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz.

Der Zirkus Chnopf soll offenbar demnächst die Halle 256 des ehemaligen Güterbahnhofs übernehmen. Dies, obwohl aufgrund eines 2020 im Gemeinderat eingereichten Postulats die Weiterführung des Kunstforums Art Dock festzustehen schien. Die beiden Hallen dürfen zudem gemäss Bauentscheid nur für Kunsthalle-Ausstellungen und als Inforäume benützt werden. Deshalb entwickelten die Artdocker das Aufschwungprogramm, in dessen Rahmen jede Saison rund 200 Kunstschaffende ausstellen können. So bekommen im Zwei-Jahres-Turnus fast alle der rund 2000 Zürcher Künstler:innen die Chance, ihre Werke zu präsentieren. Solche Expos mit 200 Künstler:innen fanden bereits 2013 – 18 statt, wobei Art Dock damals beide Hallen des Güterbahnhofs bespielte. Danach wurden die Ausstellungen auf die halbe Grösse reduziert, weil die Halle 256 nun als kantonales Infozen­trum diente und folglich nur noch die Halle 258 für Kunst zur Verfügung stand.

Nachdem das Polizei- und Justizzentrum PJZ fertiggestellt war und damit auch das Infocenter wegfiel, gingen die Artdocker logischerweise davon aus, dass ihnen wieder, wie früher, beide Hallen zur Verfügung stünden. Doch daraus ist bis heute nichts geworden: «Wir können die Halle 256 nicht bespielen, weil die Stadt sie anscheinend für den Zirkus freihalten will», erklärt Ralph Baenziger, treibende Kraft hinter Art Dock, auf Anfrage. Falls aber der Einzug des Zirkus Chnopf Tatsache werde, müsse er das Aufschwungprogramm zurückhalten, und es könne sich erst dann wieder über beide Hallen entfalten, «wenn der Zirkus an einen anderen Ort verlegt wird wie etwa in die Zeughäuser oder die Militärkaserne». Dies sei nötig, weil der Zirkus in der Halle 256 weder ordentlich wirken noch heizen könne. Es werde dort auch niemals Betriebsbewilligungen für Zirkustheater und Werkstätten, Wagenburgen und Wohnwagen geben.

Ausweichende Antworten

Nachdem die Artdocker nun seit einem Jahr «sinnlos hingehalten» worden seien, wollten sie ihr Booster-Programm umsetzen, fährt Baenziger fort: Am 1. Advent soll in der Halle 258 die Weihnachtsausstellung 2022 anlaufen, und ab Neujahr 2023 will er jeden Monat 50 bis 80 Künstler:innen ausstellen. Zudem sollen die beiden Kellergewölbe unter den beiden Güterbahnhofhallen für Untergrund-Expos genutzt werden. Die attraktiven, wenn auch heute noch muffigen Kellergewölbe seien einst die besten Zürcher Weinkeller gewesen und umfassten rund 1000 Quadratmeter, hält er fest. Für die Umwandlung dieser «Katakomben» soll nach einem Gesuch an den Kanton ein beschleunigter Bauentscheid eingereicht werden, nach Genehmigung will er sie als Themen-Keller einrichten: «Mit den innovativen Programmen darf gehofft werden, dass unsere skeptische Stadt – die bisher Art Dock nicht aufkommen lassen wollte, so wie Paris einst seine Salons des Indépéndants und NYC sein P.S.1 (heute MoMa PS1) nicht wahrnehmen wollte und so wie Havanna sein F.A.C (Fabrica de Arte Cubano) oft schliessen will – unser viel bescheideneres Independents Art Dock akzeptieren, respektieren und wirken lassen werde.» Dass dazu auch gehören würde, dass die Stadt die Programme im Art Dock «angemessen alimentierte», verstehe sich von selbst, findet er.

Doch zieht der Zirkus tatsächlich ins Art Dock? Fest steht, dass der Bau der Wohnungen und Gewerberäume auf dem Koch-Areal etwa ab kommendem Februar beginnen soll. Folglich brauchen nicht nur die Besetzer:innen ein neues Quartier: Der Zirkus Chnopf kann zwar dereinst auf das Koch-Areal zurück, doch bis zum geplanten Wiedereinzug 2026 braucht er eine Zwischenlösung. Lautet diese «Halle 256»? Oder ist das bloss ein Gerücht?

Diese Frage hat P.S. bereits in früheren Artikeln bei der Stadt gestellt, ohne Erfolg allerdings: Im Mai lautete die Antwort, es sei noch nichts definitv geklärt, ausser dass die Gebrauchsleihe zwischen Kanton und Stadt unterzeichnet wurde (siehe P.S. vom 20. Mai). Und im September erklärte der Departementssekretär des Hochbaudepartements, Urs Spinner, auf Anfrage, wer diesen Hallenteil übernehme, sei «noch nicht definitiv bestimmt» (siehe P.S. vom 16. September). 

Ein unerfreuliches Versteckspiel

Was bedeutet das nun bezüglich des aktuellen Gerüchts, der Einzug des Zirkus Chnopf stehe kurz bevor? Und wie begründet ist die Befürchtung von Ralph Baenziger, dass mit dem Zirkus auch ein Teil der Besetzer:innen die Halle und/oder deren Umgebung in Beschlag nehmen könnte? Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Brief vom Juni 2021, der P.S. vorliegt: Er ist mit «Letter of Intent» überschrieben und an die Direktion der Liegenschaftsverwaltung der Stadt Zürich adressiert. Darin heisst es, aus dem «engen Austausch» der Vereine Zi­trone, Zirkusquartier Zürich und Zirkus Chnopf sei die Gruppierung GüZN entstanden, «welche hiermit Interesse an der Zwischennutzung des Gebäudes Hohlstrasse 256 auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs bekundet». Man strebe eine «gemeinnützige und {sozio-)kulturelle Nutzung von Gebäude und Areal» an, «welche der besonderen Lage und Geschichte des Orts Rechnung trägt und ihm neues Leben einhaucht». Wer die Artdocker kennt, dürfte bei der Formulierung «neues Leben einhauchen» zumindest leer schlucken…

Wie auch immer: Die Gruppe scheint Erfolg gehabt zu haben. Im Jahresbericht 2021 des Zirkusquartiers ist unter dem Titel «Neue Zwischennutzung im Güterbahnhof» zu lesen, «während in Altstetten bald am ‹Koch-Quartier› gebaut wird, beziehen Zirkus Chnopf und Zirkusquartier 2023 eine neue Zwischennutzung im Güterbahnhof an der Hardbrücke. Die Standortsuche war enorm herausfordernd und wir sind sehr glücklich, dass sich die Stadt für unser Anliegen eingesetzt hat, damit wir eine gute Lösung finden konnten. Details werden im Laufe des Jahres 2022 bekannt gegeben.» Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Informationen lassen auf sich warten. Dafür steht im Stelleninserat, mit dem das Zirkusquartier per 1. Februar 2023 eine neue Gesamtleitung sucht, folgendes: «Im Güterbahnhof haben wir einen einzigartigen Neustart mit interessanten Perspektiven vor uns.»

Wenn aber seit Ende 2021 alles klar ist, weshalb erhielten dann Ralph Baenziger und die Öffentlichkeit noch im Herbst 2022 die Auskunft, es sei «noch nicht definitiv bestimmt», wer die Halle 256 erhält? Auf entsprechende Anfrage verweist man bei der Stadt erneut auf die «noch laufenden Abklärungen». Können die Artdocker also ihr Aufschwungprogramm starten oder nicht? Die Antwort lautet offensichtlich: Es kommt darauf an, wen man fragt.