Patrik Elsa von Crossiety: «Jede digitale Interaktion sollte in einer physischen Begegnung enden»

«Crossiety» hat einen digitalen Dorfplatz konzipiert. Gemeinden finden digital zusammen, um ihr gemeinsames Leben zu organisieren. Im Gespräch mit Tsüri.ch erklären uns Patrik Elsa und Joel Singh von «Crossiety», was ihre Plattform von Facebook unterscheidet und wie man Engagement fördert.
26. Juni 2018

Die meisten Gemeinden in der Deutschschweiz haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens sinkt die politische Beteiligung an Gemeindeversammlungen stetig. Dabei gilt: Je grösser die Gemeinde, desto geringer die Beteiligung. Zweitens ist das Vereinsleben sehr wichtig und oft der Kitt, der die Gemeinde zusammenhält. In der Deutschschweiz sind über 70 Prozent der Erwachsenen in Vereinen. Davon die Hälfte als Aktivmitglieder. Die Tendenz ist steigend in den letzten Jahren. Wie schafft man es diese beiden Dinge zu fördern und vielleicht so zu verbinden, dass sie sich gegenseitig befruchten?

Das Unternehmen «Crossiety» bietet einen Ansatz zu dieser Problemstellung. In einer Welt, in der das digitale Leben mehr und mehr zum Teil der alltäglichen Realität wird, hat «Crossiety» eine Online-Plattform konzipiert, auf der Gemeinde und Bevölkerung im geschlossenen Rahmen miteinander kommunizieren und sich über alle Aktivitäten in der Gemeinde informieren können. «Crossiety» nennt es einen digitalen Dorfplatz. Das Motto: «Für ein cleveres Zusammenleben». Auf dem digitalen Dorfplatz können sich Vereine organisieren, es können Wahl- und Abstimmungskämpfe geführt werden oder man kann nach einer Bohrmaschine fragen, wenn man eine braucht. Der digitale Dorfplatz soll wie ein echter Dorfplatz funktionieren: Jede*r soll drüberspazieren können, aber nicht jede*r muss etwas verkaufen oder Gespräche beginnen müssen. Tsüri.ch hat Patrik Elsa (rechts im Titelbild), CEO und Mitgründer von «Crossiety», und Joel Singh, Leiter Marketing und Kommunikation und Mitglied der Geschäftsleitung, zum Gespräch getroffen. Es geht um den Unterschied zwischen «Crossiety» und Facebook, hitzige Debatten auf der Plattform und um die Frage, ob eine solche digitale Plattform nicht die reale Interaktion mehr schwächt, als sie zu stärken.

Was ist der grosse Unterschied zwischen Crossiety und herkömmlichen Social-Media-Kanälen wie Facebook?

Elsa: Crossiety funktioniert hyperlokal. Wenn ich eine Bohrmaschine brauche, funktioniert es vielleicht in Zürich, danach auf Facebook zu fragen. Ich selbst wohne aber in Thalwil und habe sehr wenige Freunde*innen auf Facebook, welche in Thalwil wohnen. Auf Crossiety bin ich da mit meiner Anfrage wahrscheinlich erfolgreicher, weil ich dort die Menschen finde, welche vielleicht auf Facebook nicht mit mir befreundet sind, die jedoch in derselben Gemeinde wie ich wohnen. Ganz zu schweigen davon, dass Facebook den meisten meiner Freund*innen meine Beiträge gar nicht mehr anzeigt aufgrund von geheimen Algorithmen – Bei Crossiety haben wir bewusst auf solche verzichtet.

Wie verifiziert ihr, dass die Menschen, welche sich in einem Gemeindekanal anmelden, tatsächlich in dieser Gemeinde leben?

Elsa: Das können wir nicht. Anfangs wollten wir eine Adress-Verifizierung einführen und bei jeder Registrierung einen Brief nach Hause schicken. Aber das wäre zu mühsam gewesen für die Nutzer*innen. Jetzt ist es so, dass man bei der Registrierung per SMS verifizieren muss, dass man eine echte Person ist. Zudem kann man sich mit dieser Telefonnummer dann nur in einer Gemeinde anmelden. 90 Prozent aller Personen haben diese Verifizierung per Telefonnummer akzeptiert: Das ist eine enorm gute Rate.

Wie sieht es diesbezüglich mit dem Datenschutz aus beziehungsweise wie verwendet ihr die gesammelten Daten?

Singh: Wir wollen keine Werbung machen auf unserer Plattform. Wir lagern unsere Daten alle in der Schweiz und geben sie nicht an Dritte weiter. Sie werden auch nicht personenbezogen ausgewertet. Wir haben uns bei unserem Geschäftsmodell bewusst für einen rigorosen Datenschutz entschieden und gegen den Weiterverkauf von Daten.

Wer bestimmt jeweils in den Gemeinden, dass man eine Kooperation mit eurer Plattform eingeht?

Elsa: Meistens gehen wir auf die Gemeindepräsident*innen zu und zeigen wie die Plattform funktioniert. Danach pitchen wir vor dem Gemeinderat. Diese stellen das Projekt dann den Vereinen vor. An der Gemeindeversammlung darüber abgestimmt wird selten.

Welcher Wunsch von den Nutzer*innen hat euch überrascht und hattet ihr bei der ersten Konzeption von Crossiety nicht auf dem Schirm?

Singh: Zu Beginn wollten wir eine geschlossene Online-Plattform bauen, auf der sich die Leute möglichst anonym informieren und miteinander kommunizieren können. Aber die Leute wollten eher eine Plattform, welche zwar von aussen nicht für jede*n zugänglich ist, aber wenn man im inneren Kreis der Gemeinde ist, sollte man sehen können, wer genau, wo teilnimmt und mitmacht. Die Leute wollen sehen, ob ihre Nachbarn auch an Veranstaltungen teilnehmen. Es ist halt wie ein Dorfplatz. Manche verweilen dort länger, andere gehen nur schnell drüber, aber man kennt sich und will sich kennen.

Gerade ältere Menschen haben manchmal mühe mit der modernen Technik. Wie inklusiv ist Crossiety?

Elsa: Wir haben fast täglich Fälle, in denen Senior*innen sich nicht per SMS verifizieren können. Unser Community-Management ruft dann diesen Personen an, um herauszufinden, ob es sich um eine reale Person handelt. Gerade die Senior*innen sind sehr interessiert an unserer Plattform, haben aber manchmal nicht das technische Wissen dafür. Deshalb kooperieren wir nun öfters mit lokalen Partnern, welche Computer-, Tablet- und Smartphonekurse anbieten. Wir versuchen wirklich alles, um niemanden aussen vor zu lassen. Wir überlegen uns sogar, den digitalen Dorfplatz einmal in der Woche auszudrucken und in den Altersheimen aufzuhängen.

Wenn es um Social Media geht, hört man manchmal die Kritik, dass mit ihnen das Soziale, Echte aus dem Leben der Menschen verschwindet. Was entgegnet ihr solcher Kritik?

Elsa: Bei uns sollte jede digitale Interaktion in einer physischen Begegnung enden. Wenn jemand online nach einer Bohrmaschine fragt, übergebe ich sie in echt. Eine digitale Diskussion kann bei einem Kaffee in der lokalen Bäckerei enden. Wir als Unternehmen probieren soviel wie möglich aus unserem Büro heraus zu organisieren, aber wir sind im Vetrauens-Business: Die Leute müssen uns an Veranstaltungen sehen, wir müssen dort sein. Wir versuchen möglichst nahbar zu sein.

Moderiert ihr die Plattform vollständig oder dürfen die Gemeinden auch selbst moderierend eingreifen?

Elsa: Wir wollen nicht eine Gemeindeplattform sein, sondern eine Plattform für ein cleveres Zusammenleben. Was wir den Gemeinden bieten, geht über das rein technische hinaus, denn wir übernehmen auch das gesamte Community-Management. Wir haben zurzeit zwei Personen in unserem Unternehmen, welche den ganzen Tag nur das machen. Die Gemeinden können da selbst nicht moderierend eingreifen, beziehungsweise nur über uns.

In Eglisau fanden vor kurzem Wahlen statt, was auch auf dem digitalen Dorfplatz deutlich sichtbar war. Dort nannte ein Gemeinderat eine andere Gemeinderätin «hinterhältig» und war auch sonst nicht zimperlich im Umgangston. Wie geht man mit einer solchen Situation um?

Elsa: Wir haben mit den entsprechenden Personen telefoniert und im digitalen Dorfplatz Eglisau gepostet, dass wir Politik auf der Plattform natürlich dulden, der Umgangston aber respektvoll bleiben sollte. Wir bekamen viel gute Resonanz auf diesen Post und mussten danach nicht mehr eingreifen. Grundsätzlich ist es so, dass in der Politik immer mit harten Bandagen gekämpft wird. Wären solche Aussagen im Kultur- und Freizeit-Bereich getätigt worden, hätten wir wahrscheinlich rigoroser durchgegriffen und die entsprechenden Posts blockiert.

In politischen Debatten diskutiert man meistens gegeneinander, in den meisten Kanälen auf eurem Dorfplatz wird aber eher das Miteinander gelebt und gefördert. Beisst sich das nicht ein bisschen?

Elsa: Ja, durchaus. Wenn sich vorher Menschen so persönlich angehen, möchte danach niemand darunter nach einer Bohrmaschine fragen – um dieses Beispiel nochmals aufzugreifen. Deshalb haben wir vor, für die Politik einen eigenen Kanal zu gestalten, um diese Art der Debatte dorthin auszulagern.

Wo wollt ihr mit Crossiety noch hin?

Elsa: Bis Ende letzten Jahres war das Ziel fünf Kunden zu finden, jetzt haben wir zehn Gemeinden gefunden, welche bereit sind zu zahlen. In diesem Jahr werden wahrscheinlich weitere 20 Gemeinden und zwei grössere Regionen dazukommen. Danach streben wir schweizweites Wachstum an, wobei wir auch konkrete Anfragen aus dem nahen Ausland haben. Zudem sind wir daran unsere Community-Lösung für die interne Kommunikation von Schulklassen, Vereinen und anderen Interessengemeinschaften weiter auszubauen.

Titelbild: Marco Büsch

Diese Interview fand im Rahmen unseres Civic Media Themen Monats statt: «Smart Tsüri». «Crossiety» wird auch bei unserem Barcamp am 4. Juli zum Thema «Smarte Politik durch smarte Partizipation?» zu Gast sein.


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