Das m4music: Zwischen Eskalation und Schlange stehen

Wir hätten am m4music auf Selfie-Jagd mit der Schweizer Musik Prominenz wie Nemo, Knackeboul oder James Gruntz gehen können. Stattdessen haben wir unsere Aufmerksamkeit auf das «normale» Publikum gerichtet. Eine Einordnung in drei Kategorien.
26. März 2018

Alle Fotos von Laura Kaufmann (Tsüri.ch)

Kategorie 1: Die Yung-Hurn-Fans

Freitag kurz vor Mitternacht: Die Türen zum kleinen «Box»-Konzertsaal sind geschlossen, die Security lässt niemanden mehr hinein. Drinnen springt Yung Hurn auf der Bühne hin und her, leert eine Schnapsflasche, schiesst mit Handys aus dem Publikum Selfies mit den Front-Row-Girls und lässt sich von ihnen betatschen. Er zieht sein T-Shirt aus und präsentiert seinen tätowierten Oberkörper mit Schweissfilm. Ein Mädchen sagt in sein Mikrofon: «Ich lieb di». Das junge Publikum schreit seine Texte («Fick die Polizei») mit und schubst sich hin und her. Durchschnittsalter etwa 16.

Yung Hurn gibt einem Fan in der ersten Reihe das Handy zurück.

Nach dem Konzert treffen wir zwei nass geschwitzte Jungs, der eine zieht gerade sein T-Shirt wieder an. Es sind der 16-jährige Endrit und der gleichaltrige Samuel aus dem Aargau: Sie sind nur wegen Yung Hurn am m4music. «Ich mag seine Art, er ist wie ein zweiter Falco», sagt der eine. «Er ist der Ausdruck von Hedonismus», sagt der andere. «Was?», fragt sein Kumpel. Wie sie das Konzert fanden? «Ich bin noch nie so eskaliert», sagt Endrit. Auch seien mindestens fünf Leute auf seinem Pulli herumgesprungen und seine Schuhe seien jetzt auch am «Arsch». Er zeigt auf seine Sneakers. «Mein Shirt ist voll durchgeschwitzt», sagt er und bückt sich, um eine Brille aufzuheben, die jemand verloren hat. Beide tragen ein Fanshirt von Yung Hurn.

Der 16-jährige Samuel (links) und der gleichaltrige Endrit sind nur wegen Yung Hurn am m4music.

«Ich nehme ihn nicht wirklich ernst, also zumindest nicht das, was er sagt. Aber seine Texte sind geil, weil sie so simpel sind. Du kannst mitsingen und musst nicht viel denken dabei», sagt er rechts über Yung Hurn.

Kategorie 2: Die Hip-Hopper

Am Samstag stehen die ersten drei Konzerte im Moods im Zeichen des Hip-Hops: BRKN aus Berlin, die Schweizerin KT Gorique und Ace Tee mit Kwam.E. aus Hamburg haben hier ihren Auftritt. Zehn Minuten vor dem Auftritt von KT Gorique ist der Raum noch leer, zwei 17-Jährige haben Freikarten von ihrer Mutter bekommen. Sie kennen KT Gorique nicht und gehen drum aufs Klo. Das Moods fühlt sich mehr und mehr. Nach dem ersten Song meint KT Gorique, dass zwei der Verstärker nicht funktionieren. Romands hat es wenige, den einen Witz den sie reisst, verstehen jedenfalls nur ein paar Nasen in der vordersten Reihe. Dafür weiss sie wie keine andere das Publikum zu animieren («Are you ready to turn up?!!!»). Nur bei den Leuten, die auf der Empore sitzen, ist sie leicht ratlos. Was haben Sitzplätze an einem Hip-Hop-Konzert zu suchen? Das Publikum ist durchmischt: Es hat erstaunlich viele Frauen, zumindest outfittechnisch ist fast niemand der Hip-Hop-Schublade zuzuordnen. Auf Instagram schreibt sie am Tag nach dem Konzert: «One of the best crowd I've ever share my music with ! Pour de vrai c'est pas des blagues.»

«Auch wenn ihr nichts versteht, ich spüre euren Vibe », freut sich KT Gorique.

Nach ihr treten Ace Tee und Kwam.E aus Hamburg auf, die beiden landeten 2017 mit ihrem Song «Bist du Down?» einen viralen Hit. Ein junger Mann mit Sonnenbrille möchte die ganze Zeit mit dem Rapper Kwam.E Fistbumps und Handschläge machen. Das geht hier einfach, weil die Bühne nur einen halben Meter in die Höhe geht und nicht von einem Graben getrennt wird. Ein junger Typ und sein Kumpel hätten den ganzen Abend schon hier im «Hip-Hop-Raum» verbracht: «Best place to be!»

In der vordersten Reihe ist jede einzelne Schweissperle auf Kwam.E’s Stirn zu sehen.

Kategorie 3: Die Frustrierten und die Socializer

Die Menschenmasse scheint sich schlecht zu verteilen. Wer nicht rechtzeitig ansteht, wird von den Security nicht reingelassen. Spontanes Reinschauen bei Konzerten, vergiss es. Vor allem bei der kleinen «Box» ist oft kein Durchkommen mehr möglich: Vor dem Stereo Luchs Konzert bildet sich eine riesige Schlange, am Freitag herrschte bei Jacob Banks das gleiche Szenario. Wer Glück hatte, konnte einen Blick auf die Bühne erhaschen. Der Frust in der Schlange ist gross: «60 Franken für ein Tagespass zahlen und nicht mal die Konzerte schauen, die ich möchte», enerviert sich eine junge Frau. Die Schlange rückt kein bisschen nach vorne. Sie drängt sich zurück, hat keinen Bock mehr.

Das m4music ist der Auftakt der Festivalsaison: Nach einem harten Winter kommt hier erstmals Openair-Stimmung auf, auch dank der Freiluftbühne vor dem Schiffbau, wo Newcomer*innen spielen. Man trifft Leute an, die man den ganzen Winter nicht gesehen hat. Eine Bekannte bringt es auf den Punkt: «Du willst dir ein Bier holen, aber für 100 Meter brauchst du eine halbe Stunde, weil du überall wen antriffst». Die eigentliche Musik spielt denn auch im Vorraum: Hier wird genetzwerkt, gesmalltalkt und geplaudert. Dass du dabei deinen Lieblingsact verpasst, tant pis! Du wärst vielleicht eh nicht reingekommen.

Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht