Zwei Stunden im Rollstuhl: Ich bin erschöpft.

Am Wochenende hat unser Tsüri-Redaktor das Rollstuhlfahren in der Stadt getestet. Nebst unzähligen Hindernissen ist er auf viel Verständnis, aber auch unangenehme Aufmerksamkeit gestossen. Ein Erlebnisbericht.
27. November 2017

Der Randstein ist der natürliche Feind jeder Rollstuhlfahrer*in. Heimtückisch lauern sie an jeder Ecke, als wollten sie einen davon abhalten, auf die Strasse zu rollen. Ein schräger Trottoir-Abschluss ist mit Müh und Not bewältigbar, ein gerader stellt eine unüberwindbare Hürde dar. Bedenkt man, dass zusätzlich zu den bösen Randsteinen heute auch noch die eisige Kälte lauert, bleibt man eigentlich lieber zuhause.

Und doch haben sich für den «Quartierrundgang im Rollstuhl durch den Kreis 3» eine Handvoll Menschen aus dem Haus gewagt. An der Kernstrasse 57 bei der Behindertenkonferenz Zürich, welche die Gefährte kostenlos zur Verfügung stellen, darf sich jede*r einen Rollstuhl schnappen. Wir trotzen dem schlechten Wetter. Denn wer auf den Rollstuhl angewiesen ist, der kann bei schlechter Witterung nicht einfach auf ihn verzichten – ob es nun regnet oder schneit.

Sensibilisierung durch Erleben

Umso authentischer ist der Quartierrundgang im Rollstuhl, welcher von der «SP Zürich 3» organisiert wurde. Wir sitzen in der Kälte und lauschen einer kurzen Ansprache von SP-Stadträtin Claudia Nielsen über barrierefreie Bauten. Danach instruiert uns SP-Gemeinderatskandidat und Mitorganisator Matyas Sagi-Kiss. Er ist mittlerweile zwar auf einen Elektrorollstuhl angewiesen, hat jedoch auch Erfahrung mit dem handbetriebenen und ist somit unser Instruktor. «Wenn ihr über den Randstein fährt, müsst ihr das Gewicht ein bisschen nach hinten verlagern», sagt er. «Aber nicht zu viel. Sonst kippt ihr hinten über». So weit so gut, wir bringen unsere Räder ins Rollen. Es geht los.

SP-Gemeinderatskandidat und Mitorganisator Matyas Sagi-Kiss bei seiner Ansprache

Zumindest war das der Plan. Doch jede*r hat bereits auf den ersten Metern seine/ihre liebe Mühe mit dem ungewohnten Gefährt. Einige haben Probleme mit der Steuerung. Das Gefälle des Trottoirs lenkt sie automatisch auf die Strasse. Und dann steht bereits die erste Fahrbahnüberquerung an. Wir befinden uns noch immer in der Kernstrasse – keine zehn Meter vom Startpunkt entfernt. Auf der anderen Seite wartet unser Feind: Der Randstein. Beim Versuch, aufs Trottoir zu kommen, fällt der erste Teilnehmer nach hinten auf den Kopf. Es sieht schmerzhaft aus. Jemand eilt ihm zu Hilfe.

Behinderung des Strassenverkehrs

Bis sieben ungelernte Rollstuhlfahrer*innen eine Strasse überquert haben, vergeht eine Weile. Wir sind alle ungeübt. Wir behindern offensichtlich den Strassenverkehr. Doch unsere vermeintliche Gehbehinderung stösst auf viel Verständnis beim Autofahrer, der eine Ewigkeit warten muss. Es sind kaum zehn Minuten vergangen, und bereits zeigen sich die Probleme, mit denen Menschen im Rollstuhl tagtäglich konfrontiert sind.

Da ich bereits einmal Rollstuhl gefahren bin, habe ich den Dreh schnell raus. Das Gefährt steuert sich, entgegen der Meinung einiger anderer Teilnehmer*innen, intuitiv. Gibt man links mehr an, steuert man rechts – und umgekehrt. Und kommt einer jener ungeliebten Randsteine, rast man am besten schwungvoll und entschlossen darüber. Ist man ängstlich, bleibt man einfach hängen. Oder fällt auf den Kopf.

Mit dem Rollstuhl aufs Trottoir zu fahren, ist alles andere als einfach.

Pflastersteine machen die Fahrt unnötig kräfteraubend.

Sackgasse «Baustelle»

Wir fahren die Brauerstrasse entlang. Es ist kaum möglich, dass Zwei nebeneinander fahren; das Trottoir ist nicht breit genug. Bei jeder kleineren Querstrasse muss man vom Gehsteig runter und auf der anderen Seite wieder rauf. Das ist unglaublich Kräfte raubend. Die Stadt ist offensichtlich nicht für Rollstuhlfahrer gemacht. Matyas Sagi-Kiss rät uns, einfach auf der Strasse zu fahren. Doch wenn man derart tief sitzt, wirken Autos noch beängstigender als sonst schon.

Also fahre ich brav auf dem Trottoir, wechsle die Strassen, wenn verlangt. Doch jeder Randstein, jede Steigung kostet mich unglaubliche Anstrengungen. Und plötzlich sitze ich vor einer kleinen Baustelle am Ende der Brauerstrasse. Sackgasse. Niemand hat daran gedacht, dass hier ein Rollstuhlfahrer vorbeifahren könnte. Ich kann nicht einfach über den 20cm hohen Randstein und nach der Baustelle wieder aufs Trottoir fahren; ich würde erst vorne über kippen und dann auf der anderen Seite nicht mehr hochkommen. Ich muss umkehren, bis zum nächsten geneigten Randstein rollen und die Baustelle über die Strasse umfahren.

Die unüberwindbare Baustelle

Der Oberkörper schwitzt, die Beine frieren

Sehr schnell wird einem klar, dass oft schlicht und einfach nicht an Rollstuhlfahrer*innen gedacht wird. Manchmal bräuchte es nicht viel. Beispielsweise würde es bereits reichen, wenn man anstelle des Pflastersteins auf dem Kasernenareal einen flachen Bodenbelag gewählt hätte. Dann würden wir jetzt nicht so durchgeschüttelt werden.

Bei der Europaallee unterbrechen wir unsere Reise. Alle sind froh um die kurze Pause. Wir sind zwar nicht weit gefahren, aber ich spüre bereits meine Oberarme. Der Oberkörper schwitzt und die Beine frieren. Ich bin erschöpft. Endlich gibt Reiseleiter Matyas Sagi-Kiss zu, dass das Ziel, bis zum Sihlcity zu fahren, überambitioniert gewesen sei. Wir nehmen uns vor, noch bis zum Stauffacher zu gelangen und dann den Rückweg einzuschlagen. Bis in den Kreis 3 – wie es der Rundgang vorgesehen hatte, weil organisiert von der SP Zürich 3 – werden wir es nicht mehr schaffen.

Wir sind nicht weit gekommen, aber anstrengend war es trotzdem. (Screenshot: googlemaps)

Vortritt beim Tram – und das in Zürich!

Abgesehen von den zahlreichen Hürden, denen wir in dieser kurzen Zeit begegnet sind, gibt es auch positive Erfahrungen. So sind die Menschen – ja die Zürcher*innen – unglaublich hilfsbereit. Der Rollstuhl lässt uns eine unverhoffte Aufmerksamkeit zukommen. Steht jemand an einem Randstein an, eilt sofort ein anderer – gehfähiger – jemand zu Hilfe. Die Autofahrer warten geduldig. Ja, gar ein Tramfahrer hat uns den Vortritt gelassen. Und das in Zürich!

Doch jene Aufmerksamkeit ist, auch wenn teils berührend, oftmals auch sehr unangenehm. Die Tausenden freundlichen Blicke schauen mich von oben herab an, als wollten sie sagen: «Ach schön, wie ihr Behinderten euch mutig in die Öffentlichkeit wagt». Wir fallen auf und jeder findet es gut und gar irgendwie süss. Gerade wenn man ja eigentlich weiss, dass Menschen im Rollstuhl ganz normale Menschen sind, ist diese Exotisierung sehr befremdend und hinderlich, um sich wohl zu fühlen.

Nach nicht einmal eineinhalb Stunden kommen wir wieder in der Kernstrasse 57 an. Wir waren nicht lange weg, doch ich bin erschöpft. Wie ich mich das erste Mal wieder aus dem Rollstuhl erhebe, fühlen sich meine Beine lahm und durchgefroren an. Ich stehe unsicher. Doch das Gefühl wird wieder zurückkommen. Und ich bin nicht unfroh darum, dass ich jetzt einfach aufstehen, loslaufen und den Rollstuhl zurücklassen kann.

Der Rollstuhl: Unabhängigkeit und Mobilität

Doch für viele Menschen ist der Rollstuhl fester Bestandteil ihres Lebens. Er steht für ihre Unabhängigkeit und Mobilität. Dies gälte es als Gemeinschaft zu gewährleisten. Und doch stösst man an jeder Ecke an eine Hürde, die einem das Leben schwer macht. Nicht zu denken, welche Probleme auf einen warten würden, versuchte man, in ein Café zu gehen, in ein Tram ohne Niederflureingang einzusteigen oder eine barrierefreie Wohnung zu finden. Doch all diese Hürden wären durch bauliche Massnahmen bewältigbar.

Was nicht durch Menschenhand verändert werden kann, ist das Gefühl, das mich in jenen zwei Stunden im Rollstuhl begleitet hat. Ich habe mich stetig beobachtet und bemitleidet gefühlt. Die freundlich glotzenden Augen der «gesunden» Passanten gaben mir den Eindruck, deplaziert zu sein – als würde ich nicht zu dieser Gesellschaft gehören. Dabei war ich lediglich ein Mensch, der in der Stadt unterwegs war – wie jede*r andere.

So anstrengend ist eine Strassenüberquerung, auch wenn hier der Randstein abgeschrägt ist.

Titelbild: Michael Herrmann

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