Foto: Elio Donauer

Freiwillige helfen bei der Wohnungssuche

Besonders für armutsbetroffene Menschen ist die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung schwierig. Die Caritas Zürich hat zusammen mit der Stadt ein Programm aufgegleist, bei dem Freiwillige den Wohnungssuchenden beiseite stehen. Wie das Programm funktioniert und warum es eine Hilfe zur Selbsthilfe ist, erzählt uns Mandy (57).
20. Juli 2021
Freier Autor, Journalist und Lektor

Das Problem kennen eigentlich alle: Wohnraum ist in der Stadt Zürich rar und teuer. Für Menschen, die in schwierigen finanziellen Verhältnissen leben, ist die Wohnungssuche deshalb eine besonders grosse Herausforderung. So sei allein schon der Bewerbungsprozess sehr hochschwellig, sagt Sandra Trivick: «Man braucht viele Dokumente, muss immer ein Bewerbungsschreiben mitschicken und sehr schnell sein. Einige Personen bringen dafür die Ressourcen nicht mit und haben deshalb Schwierigkeiten.»

Trivick ist Projektleiterin des Mentoringprogramms WohnFit bei Caritas Zürich. Sie bringt wohnungssuchende Sozialhilfebeziehende oder verbeiständete Personen mit freiwilligen Mentor:innen zusammen, die sie bei der Wohnungssuche für ein halbes Jahr unterstützen. «Es gibt vor allem zwei Gründe, weshalb die Menschen vom jeweiligen Sozialzentrum an uns weitervermittelt werden», erklärt sie. Manche würden in prekären Wohnverhältnissen leben, also in Wohnungen, die viel zu klein und zu teuer seien, in denen es schimmelig oder laut sei und oft gar keine Kochmöglichkeit existiere. Oder sie hätten zum Beispiel wegen Sanierungsarbeiten eine Kündigung erhalten und sähen sich jetzt einem Wohnungsmarkt gegenüber, der sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft hat.

So ein Sanierungsfall ist auch das WohnFit-Tandem der Wohnungssuchenden Mandy und ihrer Mentorin Beatrice Krause. Mandy wohnt in einer 3-Zimmer-Genossenschaftswohnung in Wollishofen. Auf den Briefkästen finden sich nur noch vereinzelte Namen, denn das Gebäude soll abgerissen werden und einem Neubau weichen. Sie hätte die Möglichkeit, danach wieder einzuziehen, doch bis dahin gilt es drei Jahre zu überbrücken. «Wir suchen inzwischen auch nach Zwischenlösungen, obwohl etwas Langfristiges, Hindernisfreies besser wäre, um Mandy die vielen Umzüge zu ersparen», sagt Krause. Sie unterstützt Mandy seit Dezember 2020 und hat das sechsmonatige Programm noch einmal verlängert, «weil Mandy schon im November aus der Wohnung muss.»

Als Mentorin etwas zurückgeben

Krause zog selbst während der Corona-Zeit um, da sie durch Beziehungen eine neue Wohnung in Zürich fand. «Dass ich da so grosses Glück hatte, war für mich der Auslöser, etwas zurückzugeben und mich bei diesem Projekt zu engagieren», erzählt sie. Einmal in der Woche kommt sie zu Mandy nach Hause und geht mit ihr die Bewerbungen durch. Sie sammeln Ideen und besprechen das weitere Vorgehen. «Bea ist eine sehr grosse Hilfe, bei ihr fühle ich mich geborgen», erzählt Mandy: «Da ich nicht sehr gut am Computer bin, hilft sie mir auch da. Sie hat mir zum Beispiel eine eigene Mail-Adresse für die Bewerbungen eingerichtet und Shortcuts zu den Webseiten verschiedener Wohnungsgesellschaften angelegt.»

Mentorin Beatrice Krause (li.) und Mandy (re.). (Foto: Steffen Kolberg)

Eine Hilfe zur Selbsthilfe soll es aber sein, das ist Beatrice Krause wichtig: «Ich suche keine Wohnung für sie, das macht sie selber.» Trivick von Caritas Zürich meint: «Das Ziel ist, dass man befähigt wird, selbst Wohnungen zu suchen und sich bewerben zu können. Natürlich ist das Ziel immer auch, dass die Teilnehmenden eine Wohnung finden, aber das können wir unter den Umständen, die wir auf dem Wohnungsmarkt vorfinden, leider nicht garantieren.» Laut einer Evaluation von 2020 hat ein Drittel der Programmteilnehmenden eine Wohnung gefunden, «aber es ist schwierig, den Erfolg zu messen, denn ein grosser Teil ist Beziehungs- und Motivationsarbeit, also Empowerment. Das ist etwas, was sehr viele Klient:innen auch für andere Problemfelder mitnehmen.»

Ein Rapunzel im dritten Stock

Mandy ist studierte Textildesignerin. 30 Jahre hat sie in den USA gelebt, dort die verschiedensten Jobs ausgeübt. Als ihre Mutter in der Schweiz pflegebedürftig wurde, kam sie 2009 zurück. Sie fand eine Arbeit im Hort, die ihr sehr gefiel: «Das war wirklich ein super Job, denn ich liebe Kinder», erinnert sich die heute 57-Jährige. Doch dann kamen gesundheitliche Probleme: «Es hat angefangen, als ich 2014 einen Magenbypass einsetzen musste», erzählt sie: «2017 hatte ich dann einen kleinen Schlaganfall, danach ging es bergab.»

Inzwischen kämpft sie mit einer Polyneuropathie. Eine Nervenkrankheit, bei der brennende Schmerzen von den Beinen aus in den ganzen Körper strömen. Mandy ist inzwischen auf einen Rollator angewiesen, kann kaum laufen. Ihre Wohnung im dritten Stock kann sie eigenmächtig nicht mehr verlassen, denn das alte Haus hat keinen Lift. Die Lebensmittel lässt sie sich liefern, zum Arzt bringt sie ein Taxi, die Fahrer:innen helfen ihr, die Treppen zu steigen. «Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich erfahre», sagt Mandy.

Früher hatte sie ein solides soziales Umfeld, war gerne unter Leuten. Aber mit der Pandemie hat sich auch das verändert: «Mir war klar, dass ich Risikopatientin bin, deshalb habe ich meine persönlichen Kontakte eingeschränkt.» Doch während sich nach den Lockdowns das Leben der meisten Leute wieder normalisiert hatte und soziale Kontakte wieder möglich waren, blieb Mandy allein in ihrer Wohnung zurück. «Ich bin aber ganz viel auf WhatsApp, schreibe ständig mit meinen Freundinnen», sagt sie. «Ihr Spitex-Betreuer hat sie mal als Rapunzel beschrieben, da oben in ihrer Wohnung, aus der sie nicht so richtig herauskommt», so Trivick.

Mandys neues Zuhause könne auch nur zwei Zimmer haben, wichtig ist ihr vor allem, dass sie im Erdgeschoss liegt oder mit dem Lift erreichbar ist. «Es wäre gut für mich, wenn ich wieder draussen unterwegs sein könnte, denn meine Muskeln sind inzwischen schon sehr geschwächt», erzählt sie. Auch mehr soziale Kontakte wären wieder möglich, wenn sie zum Beispiel wieder regelmässig selbst einkaufen gehen könnte.

Das Thema Wohnungssuche betrifft nicht nur Sozialhilfebeziehende, sondern auch Leute, die verdienen und trotzdem sehr nah am Existenzminimum sind.
Sandra Trivick, Caritas Zürich

Aber Mandy fällt mit ihrem Fall zwischen alle Stühle: Für Alterswohnungen ist sie noch zu jung, da man sich für diese erst ab 60 Jahren bewerben kann. Und in der Preisklasse, die das Sozialamt übernimmt, ist es fast unmöglich, eine Wohnung mit Lift zu finden, wie sie erzählt. Grund zur Hoffnung gibt es aber auch: Nach einem sehr langwierigen Prozess wurde gerade ihr Härtefallgesuch bei den städtischen Liegenschaften bewilligt.

Das könnte helfen, eine städtische Wohnung zu finden. Gerne würde sie in Wollishofen bleiben: Hier hat Mandy ihre Versorgung von Spitex und Ergotherapie, wo sie die Menschen kennt und mit ihnen eine gute Verbindung aufgebaut hat. «Aber weil sich hier einfach nichts findet, haben wir die Suche inzwischen auch auf andere Quartiere erweitert, suchen auch im Kreis 3 und darüber hinaus», so ihre Mentorin.

Ständig auf der Suche nach Mentor:innen

Nicht alle Sozialhilfebezüger:innen in Wohnungsnot könnten am WohnFit-Programm teilnehmen, erklärt Trivick: «Wir erwarten schon eine gewisse Mitwirkungsmotivation und die Bereitschaft, sich regelmässig mit einer anderen Person zu treffen. Manche Menschen können oder wollen so etwas ja auch nicht.» Das mit der Stadt 2018 initiierte Pilotprojekt laufe noch bis Ende Jahr, danach würde man es sehr gerne weiterführen: «Unser Anliegen als Caritas Zürich ist es, die Zielgruppe zu öffnen. Ich habe zum Beispiel jede Woche Anfragen von Familien, von sogenannten Working Poor. Das Thema Wohnungssuche betrifft nicht nur Sozialhilfebeziehende, sondern auch Leute, die verdienen und trotzdem sehr nah am Existenzminimum sind.»

Trivick ist ständig auf der Suche nach WohnFit-Mentor:innen: Auf 35 Anmeldungen, die sie dieses Jahr bekommen habe, kämen momentan nur 15 laufende Tandems. Doch die Pandemie hat auch diese Suche erschwert, denn es konnte kein Informationsmaterial an Unis oder in Bars mehr ausgelegt werden: «Dafür gab es auf der anderen Seite Leute, die auf einmal in Kurzarbeit waren und dadurch Zeit gefunden haben, sich zu engagieren», so Trivick: «Aber das war leider nicht so nachhaltig. Als mit den ganzen Öffnungen das etwas normalere Leben wieder angefangen hat, sind dann doch wieder einige abgesprungen.» Dabei sei WohnFit eine gute Möglichkeit, seine eigene Bubble zu verlassen und andere Lebenswelten in der eigenen Stadt kennenzulernen: «Ich bekomme viele Rückmeldungen, dass es eine sehr bereichernde Erfahrung ist. Viele Leute verstehen sich ja als politisch und wollen soziale Veränderungen. Bei WohnFit lässt sich ganz praktisch etwas dazu beitragen.»


Wer von einer Wohnung weiss, die für Mandy passen könnte oder sich dafür interessiert, Mentor:in beim WohnFit-Programm zu werden, kann sich gerne bei Sandra Trivick unter der Mailadresse wohnfit@caritas-zuerich.ch melden.

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