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Zürichs Gelebte Utopien

In Sachen Klima-, Umwelt- oder Tierschutz sind die meisten unserer Handlungen pure Symptombekämpfung. Wir reagieren erst, wenn Probleme zu Krisen werden und kämpfen dann «gegen», selten «für» etwas. Drei Zürcher Initiativen zeigen, dass es auch eine lustvollere Art des Weltveränderns gibt. Wir haben sie besucht.
05. Juli 2019

Wir hören vom Insektensterben und schwenken auf Bio-Produkte um. Wir bekommen vom Klimawandel Wind und drehen den Thermostat von 22 auf 21 Grad. Wir erkennen den Zusammenhang zwischen Regenwaldrodung und Nutztierhaltung und versuchen unseren Fleischkonsum zu reduzieren. Als Konsument*innen optimieren wir einzelne Konsumhandlungen, doch in unseren Grundfesten zeigen wir uns unerschütterlich. Unser Sharing-Enthusiasmus beschränkt sich auf Autos und Ferienwohnungen, unsere Streicheleinheiten auf Hunde, Katzen und Kaninchen und unsere Lebensmittel kaufen wir immer noch im Supermarkt, zwar Bio, aber nicht zwangsläufig saisonal und regional.

Konsument*innen beschäftigen sich heute vor allem mit der Suche nach weniger schädlichen Verhaltensweisen. Doch der Weg der Symptombekämpfung ist kompliziert. Er beansprucht viel Recherchearbeit, steckt voller Zweifel und Fehlschlüsse und ist geprägt von viel Verstand und wenig Herz. Im Kern handelt es sich meist um Akte des Verzichts oder vermeintlich grünen Konsums, was – ohne Einbettung in einer grössere Lebensphilosophie — sehr anstrengend sein kann.

Alternative Herangehensweisen an die grossen Fragen unserer Zeit durften wir in den letzten Wochen kennenlernen: Das Grünhölzli in Albisrieden, die Freie Villa Hottingen und den Hof Narr in Egg. Drei Initiativen, die spezifische Themen von Grund auf neu denken und ihr Tun nach Philosophien ausrichten, bei denen Klima-, Umwelt- oder Tierschutzmassnahmen zur logischen Folge werden.

1. Grünhölzi

Die Stadtbäuer*innen am Rande von Zürich

Was wäre, wenn wir dem Insektensterben entgegenwirken könnten, indem wir unsere Verbundenheit zur Natur wiederentdecken?

Utopische Zustände auf dem Grünhölzli: Weniger Einfalt, mehr Raum für Diversität.

Lucas Baumann grinst ins sich hinein und wir alle grinsen mit. Sein abschliessendes Statement wird von einem ironischen Unterton begleitet, doch wer ihm die letzten 40 Minuten zugehört hat weiss, dass er jedes Wort genau so meint: «All das tun wir, damit ihr in Zukunft gutes und ökologisches Essen von glücklichen Menschen aus der Region zubereiten könnt.» Lucas trägt sein Herz auf der Zunge und ein T-Shirt, auf dem Thomas Sankara abgebildet ist. Er will gemeinsam mit Thilo Gruber die Produktion von Lebensmitteln wieder dorthin bringen, wo wir Menschen leben: In die Städte. 12 Parzellen mit je 120 Quadratmeter erstrecken sich hinter ihm. Weitere werden folgen, sobald die Stadt die anliegenden Flächen freigibt.

Für Hippies, Prolos und Neureiche, heisst es auf der Website. Diversität ist den beiden Gründern ein besonders grosses Anliegen – sowohl bei den Pflanzen, als auch beim Vorgehen. Das Grünhölzi versteht sich als Experimentierfeld und Begegnungsort. Ein offener und durchlässiger Bereich, an dem man sich austauscht, voneinander lernt, Materialien teilt und sich mit der Natur verbindet. Vorgaben gibt es keine, ausser dass alles ökologisch sein muss. Lucas und Thilo setzen auf die Eigeninitiative der Vereinsmitglieder. Wer mitmacht, kann mitbestimmen wohin die Reise geht.

Langfristig träumen Lucas und Thilo davon ein Hub und Incubator für Urban Farming zu werden – wie soll man sich in der Stadt ernähren, was gibt es für landwirtschaftliche Möglichkeiten und wie können wir Grünräume im urbanen Raum schaffen und nutzen? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, aber mit ihrem Pionierprojekt Grünhölzli zeigen sie heute schon: Wer mit seinen eigenen Füssen auf landwirtschaftlichen Boden steht und wachsendes Gemüse aus nächster Nähe beobachten kann, für den werden Regionalität, Saisonalität und biologischer Anbau zu Selbstverständlichkeiten, denen nur noch langwierige Diskussion mit der Stadt Zürich im Wege stehen.

2. Freie Villa Hottingen

Verdichtetes Wohnen im gutbürgerlichen Kreis 7

Was wäre, wenn wir unseren individuellen Ressourcenverbrauch mindern könnten, indem wir Freude am gemeinschaftlichen Zusammenleben entwickeln?

Utopische Wohnverhältnisse in der Freien Villa Hottingen: Weniger meins, mehr unser.

«Wie viele Wohngemeinschaften sind im Umfeld von Car-Sharing-Organisationen entstanden?» Diese Frage stammt vom Konsumforscher Frank Trentmann. Ihm nach fliessen unsere Sharing-Ersparnisse in eine Gesellschaft zurück, in deren Mittelpunkt immer noch privater Besitz und privates Vergnügen stehen. «Und das Eigene ist wörtlich gemeint: Sie wollen allein leben, und nicht mit Familie oder Freunden». Damit trifft Trentmann einen wunden, aber wahren Punkt. Die Zeiten der Grossfamilie sind vorbei. Wir wollen die Bohrmaschine, aber nicht den Menschen dahinter. Wie steht es um unsere Bereitschaft, uns auf andere einzulassen und wie viel menschliche Nähe halten wir im Alltag überhaupt noch aus?

Die Freie Villa Hottingen experimentiert mit dieser Frage seit mehreren Jahren und kommt immer wieder zur selben Erkenntnis: Eine*r passt noch rein. Mittlerweile leben hier 15 Personen auf vier Stockwerken. Und das mit- und nicht nebeneinander. Jede noch so kleine Nische des Hauses wird genutzt und in Wohnraum verwandelt. Das winzigste Privatzimmer misst 3 Quadratmeter. Wer bereit ist, auf nicht mehr als einer Matratze zu leben beweist anschaulich, dass der gemeinsame Alltag in Gemüsegarten, Leseecke oder Billardraum grösseren Mehrwert bietet als der persönliche Rückzug.

Das wichtigste Kriterium bei der Wahl neuer Mitbewohner*innen? «Man muss es wollen», antwortet Tobias Krieg. Er ist der Initiator des Wohnprojekts und möchte selbst mit Kindern nicht auf das Leben in der Grossgemeinschaft verzichten. Während für viele zum Erwachsensein eine eigene Wohnung dazu gehört, bedeutet Erwachsenwerden in der Freien Villa Hottingen vor allem das Einreissen von Toleranzgrenzen. Es gibt keine Mehrheitsentscheidungen. Alle sind gleichwertig, will heissen, alle Bewohner des Hauses müssen am Ende einverstanden sein. Das führt dazu, dass viel öfter und intensiver diskutiert wird. Es führt aber auch dazu, dass man sich zweimal überlegt ob der persönliche Einwand wirklich notwendig ist.

Am Tresen der hauseigenen Bar erzählt Olivia, warum das Leben in der Villa sich positiv auf ihren restlichen Alltag auswirkt: «Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich aufmache. Hier ist vieles nicht vorhersehbar, alles ist in Bewegung und man muss lernen, sich auf unterschiedlichste Persönlichkeiten einzulassen. Das hat meinen Umgang mit Menschen auch ausserhalb von Zuhause verändert.»

Durch die Bewohner*innen der Freien Villa Hottingen bekommt das Wort Verdichtung eine positive Färbung. Teilen wird zur Selbstverständlichkeit. Ihr Motto «Der einzelne Mensch braucht wenig, hat aber viel, wenn man teilt» manifestiert sich vom Foodsharing-Kühlschrank am Strassenrand bis hin zur gemeinsamen Kleiderstange im Treppenhaus.

3. Hof Narr

Gewaltfreies Landwirtschaften im Zürcher Umland

Was wäre, wenn wir die Abholzung des Regenwalds aufhalten könnten, indem wir tierische Freunde finden?

Utopische Beziehungen auf dem Hof Narr: Weniger nutzen, mehr kuscheln.

«Karo, was ist los?», fragt Sarah irritiert. «Jetzt ist sie sauer. Komm mal zu mir!». Lächelnd bückt sich Sarah hinab und nimmt Karo auf den Arm. Karo ist ein Huhn. So wie Lea, die gerne Saphir ärgert. Oder Bertrand le Bon, der sich stets fürsorglich um Neuankömmlige kümmert. Alle Tiere auf dem Hof Narr haben einen Namen, eine Persönlichkeit und eigene Routinen. Bevor Lea am Nachmittag zu Saphir kommt, hilft sie morgens im Pferdestall und verbringt den Mittag beim Kompost. Als Lea noch ein Nutztier war, musste sie 280 bis 320 Eier im Jahr legen – normal wären acht bis zwölf, sagt Georg. Eine Persönlichkeit kann ein Tier unter dieser Extrembelastung nicht ausbilden. Ihr Dasein reduziert sich auf ihre ökonomische Leistung.

Sarah und Georg führen gemeinsam den Hof Narr und leben vor, dass eine friedliche und gewaltfreie, sprich vegane Landwirtschaft funktionieren kann. Auf dem Hof Narr leben Hühner, Truten, Schweine, Ziegen und Pferde. Sie alle müssen nichts mehr leisten und sind wie Hunde und Katzen Teil der Gemeinschaft. Nebst zahlreicher Führungen und einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit helfen Sarah und Georg auch anderen Höfen beim Ausstieg. 15 Bäuer*innen befinden sich aktuell im Prozess. Missionieren wollen sie auf keinen Fall, aber wenn jemand auf sie zukommt, weil er oder sie die eigenen Produktionsbedingungen nicht mehr aushält, zeigen sie die Alternativen auf.

Ob man Tiere nutzen oder töten darf, beantwortet der Hof Narr, indem er Begegnungen zwischen Tier und Mensch ermöglicht. Rationale Diskurse werden für einen kurzen Moment überflüssig. Wer in die klugen und klaren Augen einer Sau blickt, sie streichelt und erkennt, dass dieses Tier ein Freund sein könnte, der braucht keine hitzigen Debatten über Tierquälerei, Klimawandel, Regenwaldrodung, Landnutzung, Wasserverschmutzung oder Welthunger führen.

Das fällt Erwachsenen jedoch schwerer als Kindern. Georg erzählt von einem Mädchen, dass zum ersten Mal vor einem Huhn stand und überrascht feststellte: «Was? Du bist ein Chicken Nugget?» und binnen weniger Sekunden schlussfolgerte «Ich werde dich nie wieder essen.» Die Argumentationskette wird erstaunlich simpel: Etwas das lebt, verfolgt den Zweck zu leben und sollte nicht getötet werden. Punkt. Dass dank dieser Haltung weniger klimaschädliches Methan ausgestossen, weniger Regenwald gerodet, weniger Gewässer verschmutzt und der Welthunger effizienter bekämpft wird, sind plötzlich willkommene Begleiterscheinungen.

Sarah und Georg betiteln sich selbst als Narren, denn sie wissen wie ihre Lebensweise auf die meisten wirkt. Dass Abnormalität etwas erstrebenswertes sein kann, wird vermutlich erst deutlich, wenn man das erste Mal ein verkuscheltes Schwein zu Fall bringt:


Das Grünhölzli, die Freie Villa Hottingen und der Hof Narr sind Orte, die einen lustvollen und bereichernden Zugang zu Klima-, Umwelt- und Tierrechtsfragen gefunden haben. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was man tun kann, damit die Welt nicht untergeht, rückt viel mehr die Frage ins Zentrum, was das gute Leben eigentlich ist.

Was brauchen wir wirklich und was brauchen wir nicht? Was macht uns als Menschen tatsächlich zufrieden? Und wie könnte in der Folge ein friedliches und gesundes Zusammenleben zwischen Natur, Tier und Mensch aussehen? Kurzum: Wofür und nicht wogegen lohnt es sich zu kämpfen.

Alle Bilder: Elio Donauer. Video: Andrea Pramor

Praktikantin Civic media

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