Zürich und der gemeinnützige Wohnungsbau – ein Blick zurück

Tausende Arbeiter strömen gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Zürich. Als Folge herrscht eine grosse Wohnungsknappheit. Um dem entgegenzuwirken, wird der gemeinnützige Wohnungsbau ins Leben gerufen. Und dieser hält bis Heute an.
24. März 2019

Kein wirklich schöner Anblick, denken sich wohl die etwas konsternierten Stadtbewohner*innen, als sie zwischen 1974 und 1978 vier hellbraune Türme zwischen Albisriederplatz und Schlachthof schleichend in die Höhe ragen sehen. Man fürchtet sich vor der anonymen Wohnmaschine. Leben im Gleichschritt. Vollkommen entwurzelt. Heute jedoch erfreuen sich die Wohnungen in den «Hardau-Türmen» grosser Beliebtheit. Sie sind simpel. Man hat, was man braucht: Schlafzimmer, Küche, Wohnraum und Balkon. Hinzu kommt ein gewaltiger Vorteil: Sie sind verdammt günstig.

Die Wohnungen sind so günstig, weil sie der Stadt gehören und diese vermietet ihre Wohnungen ausschliesslich zur Kostenmiete. In anderen Worten: Die Stadt erzielt durch die Mieteinnahmen keinen Gewinn, sondern deckt damit lediglich die eigenen Kosten. Bei einem Teil der Wohnungen, den sogenannten subventionierten Wohnungen, zahlt die Stadt darüberhinaus noch einen Teil der Miete. Wohnungen dieser Art fasst man unter dem Terminus «gemeinnützige Wohnungen» zusammen.

In Zürich hat diese Art des Wohnungsbaus eine lange Tradition. Die Stadt agiert hier aber nicht alleine. Seit mehr als hundert Jahren engagieren sich auch Stiftungen und private Wohngenossenschaften für den gemeinnützigen Wohnungsbau. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass ein Teil der Mietwohnungen besonders einkommensschwachen Haushalten zugänglich bleibt, die ansonsten grössere Mühen hätten, auf dem freien Wohnungsmarkt eine ihnen angemessene Wohnung zu finden. In Zürich sind aktuell von den insgesamt 225’294 Wohnungen ungefähr 55’271 dem Gemeinnutz verschrieben.

Kampf gegen Wohnungselend

Im Zuge einer intensiven Industrialisierung, die viele Arbeiter*innen aus der ländlichen Umgebung anzieht, steigt die Stadtbevölkerung Zürichs im Verlauf des 19. Jahrhunderts rasant an. Während noch um 1800 ungefähr 17'000 Menschen im Raum Zürichs lebten, sind es um 1900 circa 150’000. Eine besondere Magnetwirkung erzeugt der Maschinenbau. 1873 beschäftigt die Firma Escher, Wyss & Cie um die 1300 Arbeiter.

Die rasche Industrialisierung bringt aber nicht nur die Früchte des gesellschaftlichen Fortschritts mit sich. Denn auch in Zürich zieht das wachsende Arbeiter*innenelend seinen Schatten über den anfänglichen Triumph technischer Errungenschaften. Der harsche Alltag der Arbeiter*innenklasse ist gezeichnet durch Kinderarbeit, Hunger, Krankheit und Alkoholismus.

Prekär ist auch die Wohnsituation. Man wohnt auf kleinstem Raum. Oft teilen sich ganze Familien ein Zimmer. Besonders schlecht sind entsprechend die hygienischen Bedingungen.

Zürich unterscheidet sich hier wenig von anderen Städten Europas. Überall kann der Wohnungsbau nicht mit dem beschleunigten Wachstum der Städte Schritt halten. Hinzu kommt der Umstand, dass sich privates Kapital in dieser Zeit kaum im weniger lukrativen Mietwohnungsbau engagiert. Das Resultat: Ein immer wachsender sozialräumlicher Gegensatz zwischen dem reichen und armen Teil der Stadtbevölkerung, der sich vermehrt auch in sozialen Unruhen ausdrückt.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken entstehen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zivilgesellschaftliche Initiativen, die zur Gründung von Wohnungsbaugenossenschaften führen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Baugesellschaften haben diese nicht zum Ziel, ein möglichst hohe Rendite zu erzeugen, sondern preisgünstige Wohnungen für ihre Mitglieder bereitzustellen.

So auch in Zürich. 1892 wird auf Initiative des Zürcher Mietervereins die Zürcher Bau- und Spargenossenschaft (heute Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft) gegründet und somit ein wichtiger Schritt in Richtung eines gemeinnützigen Wohnungsbaus gelegt. Zwei Jahre später sind die ersten Wohnungen bezugsbereit.

Nach der Jahrhundertwende schaltet sich auch die Stadtregierung aktiver ins Geschehen ein. Durch einen Volksbeschluss wird die Wohnbauförderung als öffentliche Aufgabe in der städtischen Gemeindeordnung verankert. Fortan gilt: «Die Stadt fördert die Erstellung gesunder und billiger Wohnungen sowie die Errichtung von Logishäusern und Asylen für Obdachlose.» Im selben Jahr wird die erste städtische Wohnsiedlung «Limmat 1» mit 253 Wohnungen errichtet.

Die erste Bausiedlung der Stadt Zürich, 1907 erbaut beim Limmatplatz, enthält 253 Wohnungen. (Quelle: Baugeschichtliches Archiv)

Aktive Wohnpolitik

Begünstigt wird diese aktive Wohnpolitik durch eine sozialdemokratische Mehrheit im Gemeinderat und ab 1928 schliesslich auch im Stadtrat. Das «Rote Zürich» fördert besonders den genossenschaftlichen Wohnungsbau: Ab 1924 müssen die Genossenschaften bloss 6 Prozent Eigenkapital aufbringen. Den Rest erhalten sie von der Stadt in Form billiger Hypotheken.

Seither ist diese aktive Wohnpolitik nahezu ungebrochen geblieben. Bekämpft wird jedoch nicht mehr ein Wohnungselend wie es zu Zeiten der Industrialisierung herrschte. Dennoch bleiben günstige Wohnungen in Zürich ein knappes Gut. Das Schreckensgespenst der Gentrifizierung zieht seinen Schatten über die Stadt: Immer stärker werden einkommensschwache Gruppen in zentrumsfernere Gegenden verdrängt.

Bis heute versucht deswegen die Stadt, mit unterschiedlichen Massnahmen günstigen Wohnraum zu schaffen und eine gute soziale Durchmischung zu gewährleisten. Einerseits, indem sie als öffentliche Bauträgerin den kommunalen Wohnungsbau fördert. Als berühmtestes Beispiel eines solchen Baus gilt neben den Hardau-Hochhäusern das zwischen 1963 und 1966 errichtete Lochergut. Der städtische Wohnungsbau nahm dadurch nicht zuletzt eine Vorreiterrolle ein in der Förderung eines modernen verdichteten Wohnens.

Die städtische Wohnsiedlung Lochergut (Quelle: Baugeschichtliches Archiv)

Nachwievor unterstützt die Stadt auch den gemeinnützigen Wohnungsbau privater Institutionen wie etwa Genossenschaften, Stiftungen und Vereinen, indem sie diesen Bauland günstig verkauft, Baurechte übergibt oder sich durch Übernahme von Anteilen am Genossenschaftskapital beteiligt.

Der gemeinnützige Wohnungsbau findet seither auch in der Stadtbevölkerung grossen Zuspruch. Ende November 2011 stimmen 75,9 Prozent der Wähler*innen dem neuen wohnpolitischen Grundsatzartikel zu, wonach bis 2050 der Anteil gemeinnütziger Wohnungen an allen Mietwohnungen in Zürich von einem Viertel auf einen Drittel ansteigen sollte. Die Vorlage verankert zudem in der Gemeindeordnung, dass die Stadt in allen Stadtquartieren eine soziale Durchmischung anstreben sollte.

Der gemeinnützige Wohnungsbau, der vor über hundert Jahren seinen Anfang nahm, wird also auch in den kommenden 30 Jahren die Stadtentwicklung Zürichs prägen.

Titelbild: Baugeschichtliches Archiv

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