Nina Mühlemann: «Für mich bedeutet Mainstream-Feminismus ganz klar einen weissen, nichtbehinderten Feminismus.» (Bild: Tereza Salmon)

Zürich Moves: Kritik am weissen Mainstream-Feminismus

Intersektionalität ist das Thema des diesjährigen Performance Festivals «zürich moves!». Themen wie Feminismus und Behinderung rücken Ende März im Tanzhaus ins Zentrum und die gemeinhin als homogen geltende Kategorie Frau wird aufgebrochen.
08. März 2020
Praktikantin Redaktion

Aktuelle Diskurse in der Gesellschaft und in der Kunst definieren jeweils das Titelthema von «zürich moves!». Das Festival für zeitgenössischen Tanz und Performance findet vom 30. März bis 4. April unter dem Schwerpunkt Intersektionalität statt. Der Begriff beschreibt, dass eine Person mit verschiedenen Diskriminierungsformen konfrontiert werden kann: Geschlecht, Nationalität, Sexualität, Behinderung, etc. können parallele Faktoren für Diskriminierung sein.

Loslösung vom weissen Mainstream-Feminismus

Anders als in den vergangenen Jahren ist das Performancefestival diesmal weniger international ausgerichtet. Die Zürcher Szene soll zu Wort kommen - eine weibliche und queere Szene. «Wir wollen dazu inspirieren, sich vom Mainstream-Feminismus zu lösen», sagt Inés Maloigne, die Sprecherin des Festivals. Der Mainstream-Feminismus sei jener Feminismus, welcher vor allem das Frauen-am-Herd-Dasein anspreche. Nina Mühlemann, welche zusammen mit Emily Magorrian die künstlerische Leitung des Stücks Anthem hat, bezieht eine ähnliche Position: «Für mich bedeutet Mainstream-Feminismus ganz klar einen weissen, nichtbehinderten Feminismus.»

Behinderung als Thema werde im feministischen Kontext zu wenig aufgegriffen und wenn, dann geht es darum, dass Frauen oft diejenigen sind, welche Menschen mit Behinderung pflegen. «Behinderung wird als Thema oft ausgeklammert, auch bei Feministinnen und Queers», so Mühlemann.

Man wird als Rollstuhlobjekt erfasst, welches keine Sexualität hat und immer Hilfe braucht.
Nina Mühlemann

Sie sitzt im Rollstuhl, ich helfe ihr jetzt - ob sie will oder nicht.

«Fast täglich fassen Leute mich oder meinen Rollstuhl an. Jemand kommt von hinten und stösst mich - ohne zu fragen», erzählt Mühlemann, welche Rollstuhlfahrerin ist. Das sei ein sehr feministisches Thema, denn die Künstlerin werde oft als Objekt wahrgenommen: «Hat man eine Behinderung, so wird man nicht als Frau gesehen. Man wird als Rollstuhlobjekt erfasst, welches keine Sexualität hat und immer Hilfe braucht. Feministische Themen gelten für uns nicht, wir können ja eh keine Kinder und keinen Sex haben – so denken viele Leute.» Mühlemann wünscht sich, dass diese Art von Objektivierung und von Übergriffen auch innerhalb von feministischen Themen mehr Platz hätte.

Behinderung und Weiblichkeit ist im Stück Anthem von Mühlemann zentral. Das siebenköpfige Ensemble besteht aus weiblichen und non-binären Performer*innen, die sich alle als krank oder als Person mit Behinderung definieren. Jede*r Künstler*in wählt einen Popsong und wird diesen auf seine*ihre Art und Weise auf der Bühne präsentieren. Indem sie feministische Mainstream-Hymnen neu interpretieren, verdeutlichen sie, dass Menschen, welche nicht dem Mainstream entsprechen, in diesen Power-Balladen ausgeklammert werden.

Mühlemann wählt das Stück «Look what you made me do» von Taylor Swift. «Es geht im Lied darum, dass die Sängerin ihre innere Bitch zelebriert, damit kann ich mich identifizieren. Als Frau mit Behinderung muss man immer dankbar und lieb sein», sagt Mühlemann. Mehr zum Stück möchte sie noch nicht verraten, aber schmunzelnd fügt sie an, dass sie mit Ballonen, welche sie malträtiert, arbeiten wird.

Wo sind meine blinden Flecken?

Das Stück Anthem soll ein Beispiel sein, wie vielschichtig Diskriminierung sein kann. Eine andere Künstlerin, Eugénie Rebetez wird sich in ihrer Performance jesuiszürich mit Heimat auseinandersetzen. Die Westschweizer Künstlerin lebt in Zürich, die Stadt ist ihr zuhause, aber trotzdem fühlt sie sich manchmal als Aussenseiterin. Eine weitere Thematik, welche gerade in der Tanzszene selten ihren Platz findet, ist das «Dicksein». Brandy Butler wird mit avoirdupois die Betrachtungsweise des dicken Körpers in den Fokus stellen.

«Wir versuchen, mit den Inhalten der Stücke die Leute für gewisse Themen zu sensibilisieren», sagt Inés Maloigne. Man sollte sich der eigenen Vorurteile bewusst werden und erkennen, dass diese auch unser aller Alltag bestimmen. Wir kategorisieren Menschen, oft unbewusst – diese blinden Flecke gilt es sichtbar zu machen.


zürich moves!
30. März bis 4. April 2020
Tanzhaus, Helmhaus, Theater Neumarkt

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