Tigerbabys im Züri Zoo – Falscher Artenschutz oder Backupplan?

Der neue Tiger im Zoo Zürich spaltet die Gemüter. Viele freuen sich, einige loben den Artenschutz, andere kritisieren voyeuristische Quälerei. Sogar Tierschutzorganisationen sind sich uneinig. Abseits der Diskussion hofft der Zoo auf Nachwuchs, aber dieser ist ungewiss. Es eröffnet sich die Frage: Braucht Zürich einen Tiger?
17. März 2018

«Die erste Frage der Presse war ‘Wann gibt es Tigerbabys?’», erklärt Dr. Robert Zingg, Kurator des Zoo Zürichs. Doch so einfach sei das leider nicht. Es geht um das Amutiger-Männchen «Sayan», das diese Woche ins Gehege einzog und zum Weibchen «Elena» dazustösst. Der zweijährige Tiger wurde im Rahmen eines Zuchtprogramms der Europäischen Zoogemeinschaft «EAZA» von Frankreich an Zürich verschenkt. (Der Transport des Tigers ist übrigens einziger Kostenpunkt – Die Tiere an sich werden unentgeltlich zwischen den Zoos ausgetauscht.) Ziel ist es, die Population aufrechtzuerhalten, doch wie Dr. Zingg der Presse bereits nüchtern darlegte, ist das gar nicht so einfach und im schlimmsten Fall sogar ganz unmöglich.

Er zu jung, sie zu alt – Tigerbabys ungewiss

Um eine gesunde Zoopopulation zu sichern, wurde nun also das Männchen «Sayan» nach Zürich geschickt. Im Vorfeld musste jedoch noch eine Vielzahl von Faktoren berechnet werden. «Das Ziel ist es, 90 Prozent der genetischen Variabilität der Zoopopulation der letzten hundert Jahre aufrechtzuerhalten», erklärt Dr. Zingg in der Fachsprache. Es handelt sich also um richtige Wissenschaft, die auf den Mikrokosmos Zoo spezifiziert ist. «Das muss man managen, schauen, wer ist mit wem verwandt, wer kann sich mit wem fortpflanzen. Man muss alle Mechanismen verstehen und evaluieren, was passt. Da wird nicht einfach ein Tiger in eine Kiste verpackt und verschickt», erörtert Zingg. Ob es in Zürich wirklich zu den ersehnten Tigerbabys kommt, bleibt aber noch ungewiss, denn es machen gleich mehrere Faktoren Probleme. Das Männchen könnte mit zwei Jahren noch zu jung sein, um sich zu paaren. Das Weibchen ist mit fast 14 Jahren schon fast zu alt. (Tiger werden 15 bis 20 Jahre alt.) Ausserdem steht die Fruchtbarkeit von «Elena» grundsätzlich in Frage. Zu einem früheren Zeitpunkt bekam sie ein Hormonimplantat eingepflanzt, um eine Befruchtung zu verhindern. Obowhl dies wieder entfernt wurde, könnte es sich jetzt negativ auf die Paarung auswirken.

Während der Zoo Zürich versucht, die beiden Tiger aneinander zu gewöhnen, diskutieren Dritte über Sinn und Zweck der Tierhaltung im Zoo. Dass Zürich wieder ein Tiger-Paar hat, sorgt für viel Freude, aber auch Unmut bei Tierliebenden. In Kommentarspalten der Berichterstattung liest man von «Leben im Gefängnis» oder «Voyeurismus» und einige fordern gar die sofortige Freilassung. Ähnlich klingt es bei der Tierschutzorganisation «PETA». Diese kritisiert die Gefangenschaft der Tiere und hinterfragt den Nutzen eines Artenschutzes im Zoo. «Grosskatzen wie Tiger und Löwen gehören zu den Tierarten, die ganz besonders unter der Beschäftigungslosigkeit und den meist beengten Verhältnissen in Zoos leiden, und daher oft Verhaltensstörungen entwickeln.», argumentiert Yvonne Würz, Fachreferentin für Zoo und Zirkus PETA Deutschland (Anm d Red: Kein Schweizer Ableger von PETA vorhanden).

Die moderne Tierhaltung – Simulierter Lebensraum, statt Präsentierteller

Dr. Zingg kann die Pauschalkritik von PETA nicht verstehen. «In den letzten 30 Jahren haben wir viel dazu gelernt. Die moderne Tierhaltung zeigt die Tiere nicht mehr auf dem Präsentierteller, sondern simuliert einen natürlichen Lebensraum auf und geht auf die Bedürfnisse der Tiere ein.» Tatsächlich sah der Zoo Zürich früher ganz anders aus. Viele Tiere wurden in enge Gehege gesperrt und Schimpansen trugen Hüte, damit Kinder was zu Lachen hatten. Im Vordergrund stand die Unterhaltung der Zoobesucher*innen, nicht das natürliche Verhalten der Tiere. 1991 kam der Umschwung mit einem neuen Masterplan für die weitere Entwicklung des Zoos bis 2020. Auf Folge dessen verliessen 1999 beispielsweise die Eisbären und Publikumslieblinge «Malka» und «Majno» den Zoo Zürich – zu klein und unnatürlich war ihr Gehege. Neuer Fokus waren grosse Anlagen wie die Masoallahalle, der Elefantenpark oder eben auch die Tigeranlage, welche 2001 eröffnet wurde und das neue Tiger-Paar beheimatet. Die Frage bleibt aber trotzdem: Ist es heute besser, nur weil es früher schlechter war?

Lebensraum in Freiheit 1000 Quadratkilometer – im Zoo 140 Quadratmeter

Ein Tigergehege muss gemäss schweizerischer Tierschutzverordnung strenge Regeln erfüllen: eine Grösse von mindestens 80 Quadratmeter und etliche Spezialanforderungen wie Kletter- und Bademöglichkeiten, erhöhte Liegeplätze oder Jagdsimulationen bei Fütterung. Das Zürcher Gehege ist mit knapp 140 Quadratmetern fast doppelt so gross, wie die Anforderungen vorschreiben. Das ist löblich vom Zoo, aber im Vergleich zur freien Natur ein marginaler Zusatz. Streifgebiete der Weibchen sollen zwischen 200 und 400 Quadratkilometer gross sein, die der Männchen sogar 800 bis 1000. Auch deshalb fordert PETA, «dass die finanziellen Mittel für die Tigerhaltung stattdessen in den Erhalt des natürlichen Lebensraums fliessen, um dort die letzten frei lebenden Tigerpopulationen zu erhalten».

WWF & Schweizer Tierschutz widersprechen PETA

Doch nicht alle Tierschutzorganisationen sind der Meinung von PETA. Dr. Samuel Furrer, Leiter der Fachstelle Wildtiere des Schweizer Tierschutzes stellt sich klar auf Seiten des Zoos: «Die Tigeranlage in Zürich zählt gewiss zu den besten in ganz Europa. Solche naturnahen, gut strukturierten und grossen Anlagen bieten den Tieren viel Abwechslung und fördern bei den Besuchenden Interesse und die Bereitschaft, mehr über die Tiere erfahren zu wollen.» Auch der WWF hat grundsätzlich nichts gegen Tiere im Zoo. «Am liebsten sehen wir Tiger aber in der freien Wildbahn. Der neue Tiger stammt aber bereits aus einem Zoo und wäre wohl kaum in der Lage, in Freiheit zu überleben.», sagt Stefan Inderbitzin, Mediensprecher WWF Schweiz.

Nur 500 Tiger in freier Wildbahn – Zoos machen Backupplan

Der Amurtiger (auch Sibirischer Tiger genannt) lebt im fernen Osten Russlands und Chinas und gehört zu den gefährdetsten Tierarten. Die grösste Raubkatze der Welt wurde in den 40er Jahren fast komplett ausgerottet. Grund war die massive Jagd auf den Tiger oder dessen Beute und die Zerstörung seines Lebensraumes. Die Tigerpopulation schrumpfte auf kritische 30 bis 40 Tiere. Durch intensive Schutzbemühungen wurde der Bestand wilder Tiere auf etwa 523 Tiere erhöht. Dank Zuchtprogrammen in Zoos gibt es in Gefangenschaft doppelt so viele Tiere wie in freier Wildbahn. Der WWF relativiert allerdings: «Dieses Engagement von Zoos leistet gemessen an der Menge der aussterbenden Arten nur einen beschränkten Beitrag zum Erhalt der Biodiversität.» PETA geht da noch weiter und findet, dass der Artenschutz im Zoo nichts bringt und nur dazu dient, Besucher mit billigen Tricks anzulocken. «Tatsächlich bezwecken Zoos mit der Zucht vielmehr Besucher mit niedlichen Tierbabys anzulocken. Artenschutz ist bei Tigern und anderen Grosskatzen ausschließlich in der Natur sinnvoll.»

«Extinction is forever! Wenn der Tiger ausstirbt, dann für immer.»

Es ist ein Streit darum, welche Form des Tierschutzes die richtige ist, und man wirft der Strategie der Gegenseite vor, vor allem marketingwirksam sein zu wollen. Die aggressive Haltung von PETA wundert Dr. Zingg in Zürich wenig. «Dass sie solche Positionen vertreten, ist Teil ihres Marketings.» Bestimmt legt er nach: «Wir machen auch Tierschutz! Das ist nicht ein Prädikat, das sich andere Organisationen alleine auf die Fahne schreiben können.» Die Aufgabe des Zoos sei aber sowieso primär die Erhaltung der Zoopopulation, erklärt Zingg. Es geht also um die Sicherung der Art ­– Quasi ein Backupplan, falls der Tiger in freier Wildbahn aussterben würde. «Wir wissen, dass das Auswildern von Katzen nicht einfach ist. Das Ziel ist also nicht Tiere zu produzieren, um sie wieder freizulassen, sondern eine gesunde Zoopopulation über einen längeren Zeitraum zu erhalten. Wenn sie im Freiland verschwinden, dann gibt es kein Backup. Extinction is forever! Wenn der Tiger ausstirbt, dann für immer.»

So oder so, sei das Ziel des Zoos klar, meint Zingg. «Wir wollen Leute an die Natur heranführen. Der Zoo ist eine Institution, die von Menschen für Menschen gemacht wurde.» Der Kurator lehnt sich also bewusst an den alten Leitsatz des Tierschützers und Zoo Gründers Philipp Heinrich Wolff an: «Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen.»

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