Zürich bekommt ein Fundbüro für Immaterielles

Am 4. Februar 2017 eröffnet das FUNDBÜRO2, ein Lost & Found für Nicht-Dinge – im Netz und im Pavilleon, dem ehemaligen Tickethäuschen auf dem Werdmühleplatz. Ja, da gleich neben der Bahnhofstrasse. Das passt. Das wird gut. Ein künstlerisches, soziales, witziges und zugleich ernst gemeintes Experiment.
26. Januar 2017

Eine kleine Geschichte vorweg: Ich war 19 und auf dem Weg von Kathmandu nach Pokhara. Der Flug dauerte nur knapp eine halbe Stunde. Es rumpelte uns rauf, es rumpelte uns runter. Mein Blick suchte Halt am tanzenden Himalaya, die Finger krallten sich in der Armlehne fest. Aber schon nach wenigen Schrecksekunden konnte ich mich wieder entspannen. Relax! Atmen, atmen – nicht, weil der Flug zahmer geworden war, sondern weil ich sehr wohl wusste, dass wir nicht abstürzen würden, gar nicht abstürzen konnten. Weil das nämlich keinen Sinn gemacht hätte. Weil ich nicht sterben durfte-konnte. Weil ich noch nicht getan hatte in meinem Leben, was ich tun musste... Was das genau war? Keinen Schimmer. Aber...

Abstürzen, ableben, jetzt? Unmöglich!
Ich war felsenfest überzeugt, dass es absurd, völlig verfrüht und deshalb unangebracht wäre, einfach abzustürzen und zu sterben. Und wir sind weitergeflogen. Sanft gelandet. Das Leben ging weiter, geht’s noch immer. Aber wäre ich jetzt, fünfzehn Jahre später, wieder im flatternden Flugzeug, ich könnte mir nicht mehr derart sicher sein. Nicht, weil ich viel geleistet hätte in der Zwischenzeit und meine «Pflicht» erfüllt. Nein. Mir ist einfach die Überzeugung abhanden gekommen, dass ich in meinem Leben noch etwas tun und schaffen werde, das von grosser Bedeutung ist, auch für andere. Das ist nicht schlimm, keine Sorge, kein Mitleid. Ich schreibe das nicht mit tränenden Augen und tiefster Desillusionstrauer in der Brust. Aber ich gebe auch zu: Die fixe Idee, noch etwas Grösseres erledigen zu müssen, fehlt mir.

(Foto: Dimitra Charamanda, Roshan Adhihetty)

Ich hab also etwas verloren. Keinen Schlüsselbund, kein Portemonnaie, sondern eine Überzeugung. Und vielleicht war ich auch deshalb so eilig entflammt, als ich an einem Herbstfreitag mit Patrick Bolle und sonnenwarmen Ohren auf dem Bänkli auf dem Werdmühleplatz sass, den Rücken zum Pavilleon, den Blick aufs VBZ-Fundbüro in der Ecke gerichtet – und plötzlich dieses Lost & Found für Immaterielles in unseren Köpfen entstand. Ein FUNDBÜRO2. Das ist es. Das braucht es. Gerade in dieser Zeugs-orientierten Zeit, in diesem konsumkultivierten Hier und Jetzt. Ja, lasst uns darüber nachdenken, was wir an Immateriellem verloren oder auch gefunden haben: eine bestimmte Hoffnung, vielleicht, die Motivation, Lust, Liebe, eine Illusion, eine Vision, eine Erkenntnis, den Sinn einer Erfahrung oder Begegnung...?

Auch was verloren? Gefunden? Mach eine Meldung
Wir laden dich also ein: zum Nachdenken und zum Teilen, Mitteilen, zum Austausch. Ab Februar 2017 bis Dezember 2017 wird das FUNDBÜRO2 jeweils an einem Samstag im Monat den Schalter öffnen und zwar da, wo die Idee entstanden ist: Im ehemaligen Ticketcorner und Infopoint, das im vergangenen Sommer zum Pavilleon wurde, einem Amt und Stadtlabor, einer Bühne und Anlaufstelle, einer Denkfabrik und Traummaschine; also an einem Ort, dem man sowieso mal einen Besuch abstatten sollte. Deine Verlust- und Fundmeldung kannst du aber auch jederzeit auf der Webseite erfassen und zwar hier: www.fundbuero2.ch.

* Besuche das FUNDBÜRO2

Andrea Keller ist Journalistin, Kulturpublizistin, Texterin und war Redaktionsleiterin vom KUSSmagazin, einer Plattform für bekannte und unbekannte Autoren und Gestalter. Anfangs Februar eröffnet sie, zusammen mit Patrick Bolle, das FUNDBÜRO2. Auf tsri.ch wird Andrea monatlich Wort melden und erzählen, was ihnen im Lost & Found für Immaterielles zugetragen wurde.

Patrick Bolle ist Kulturmanager mit soziokulturellem Geist, war stellvertretender Leiter des Jugendkulturhauses Dynamo, engagierte sich u.a. als Mitinitiant beim Aufbau des Openair-Kinos «Filmfluss» und dem Performance-Festival «stromereien». Er ist Herausgeber des Buches «Tsüri verändern» (2016), das mit der Kulturbande realisiert wurde.

Patrick und Andrea vor dem Pavilleon (Foto & Titelbild: Dani Kern)

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