«Züri Velos»: Wird dieses neue Verleihsystem überleben?

Heute lanciert die Stadt Zürich ihr neues Veloverleihsystem «Züri Velos». Wird es neben den bereits existierenden bestehen können? Was braucht es dafür überhaupt? Ein Kommentar von Bikeable.ch-Mitgründerin und Tsüri.ch-Redaktorin Seraina Manser.
06. April 2018

Alle Fotos von Laura Kaufmann (Tsüri.ch).

Ab heute gehören die «Züri Velos» zum Stadtbild. An 30 Stationen – unter anderem am Limmatplatz, bei der Gessnerallee und der Europaallee – stehen 300 graue Fahrräder der Firma «Publibike». Die Zahl der Stationen sollen bis Sommer 2019 etappenweise auf 150 und die der Velos auf 2250 erhöht werden.

Im Juli 2017 bevölkerten über Nacht die «O-Bikes» die ganze Stadt, zu Beginn des Jahres 2018 bekamen sie von den grünen «Lime Bikes» Gesellschaft. Und jetzt mischt die Stadt Zürich mit ihren «Züri Velos» mit. Allerdings viel später als geplant, ein Mitbewerber hatte Einsprache erhoben.

Werden sich die verschiedenen Veloverleihsysteme nebeneinander behaupten? Kaum. Es ist naheliegend, dass nicht alle drei bestehen werden. Die Systeme sind sich zu ähnlich. Es fliegt raus, wer das schlechteste Angebot bietet. Bei den Velos ist unter anderem der Fahrkomfort wichtig und wie einwandfrei die Registrierung, das Ausleihen und Zurückgeben funktioniert. Ein kleiner Vorteil haben die Velos von «O-Bike» und «Lime Bike» gegenüber der städtischen: Sie können überall abgestellt werden, die «Züri Velos» nur an den dafür vorgesehenen Stationen. Was die Qualität der drei Velos angeht, schwingen die «Züri Velos» hoch über die anderen hinaus. Während der O-Biker mit nur einem Gang vorwärts kommen soll, kann die Lime-Bikerin immerhin zwischen dreien wechseln. Das «Publibike» hingegen hat mehrere Gänge und die Hälfte der Modelle hat Elektroantrieb. Für alle drei Angebote müssen sich die User*innen in einer App registrieren, die «Züri Velos» können alternativ auch mit dem Swisspass genutzt werden. Im Veloverleih-Dschungel ist es wie in der Wildnis, den schwächsten nimmt’s zuerst. In diesem Fall das O-Bike. Es wird bald aussterben.

Die «Züri Velos» haben gute Chancen, dass sie von der Zürcher Bevölkerung und Tourist*innen rege genutzt werden. Damit sich der Service längerfristig behaupten kann, müssen drei Bedingungen erfüllt werden:

Der erste Punkt betrifft die Instandhaltung der Velos und die Verteilung derselben auf die Stationen. Beim Veloverleihsystem Vélib in Paris, das bereits 2007 eingeführt wurde, sind regelmässig Teams unterwegs, die die Velos warten und sie per Auto auf die Stationen verteilen. Denn wer zu lange nach einem fahrtüchtigen Velo suchen muss, steigt auf den ÖV um. Oder auf ein «O-Bike» / «Lime-Bike».

Zweitens müssen die Autofahrer*innen in der Stadt die Velos als ebenbürtige Vekehrsteilnehmer*innen akzeptieren. Dazu gehört: Nicht die Vorfahrt nehmen, genügend Abstand beim Überholen und, zu guter Letzt, Blick zurück vor dem Aussteigen, um keine Velos mit der Türe umzujäten... Logisch, Velofahrer*innen sind keine Heiligen und werden gerne mal – nicht selten zu recht – als Rowdies bezeichnet, aber wie der Tages-Anzeiger kürzlich geschrieben hat: «Es ist erwiesen, dass Velolenker dort, wo die Infrastruktur auf hohem Niveau ist, viel regelkonformer fahren».

Und da kämen wir zum dritten Punkt: Jetzt, da die Stadt Zürich Velos in grossen Mengen zur Verfügung stellt, muss sie mit der Infrastruktur nachziehen. (In umgekehrter Reihenfolge wäre es auch gegangen...) Im Jahr 2012 hat das Tiefbauamt Zürich den «Masterplan Velo» herausgegeben mit dem Übertitel: «Zürich lädt zum Velofahren ein». Das darin genannte Ziel: «Bis zum Jahr 2025 wird eine Infrastruktur realisiert, die alle zum Velofahren einlädt. Als zentrales Element entsteht für die Alltagsfahrenden ein Veloroutennetz aus schnellen, durchgängigen und hindernisarmen Hauptrouten.» Knapp acht Jahre bevor der Masterplan umgesetzt werden soll, ist davon leider kaum etwas zu sehen. Da es bei der Velo-Infrastruktur auch nach dem Geschmack der SP der Stadt Zürich viel zu langsam vorwärts geht, sammelte sie zusammen mit der AL, den Grünen und Pro Velo im November 2017 Unterschriften für ihre städtische Initiative «Sichere Velorouten für Zürich». Innerhalb eines Tages kamen mehr als die notwendigen 3000 Stimmen zusammen. Die Initiative fordert: Ein Netz von 50 Kilometern autofreien Velorouten, auf denen Velofahrer vortrittsberechtigt vorankommen. Bis in zehn Jahren sollen die Routen erstellt sein.

Durch die «Publibikes» sollen mehr Leute zum Fahrrad greifen oder darauf umsteigen. Bleibt zu hoffen, dass sich der Service bewährt und die Stadt jetzt mit der Infrastruktur nachzieht. Damit sie dann auch wirklich sagen kann: «Zürich lädt zum Velofahren ein».

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